Fragen & Antworten

Gepanschte E-Zigaretten in Bremerhaven: Das vermutet ein Experte

Mehrere Jugendliche aus Bremerhaven landeten nach dem Konsum von E-Zigaretten und E-Shishas im Krankenhaus. Der Leiter des Gesundheitsamtes hat einen Verdacht.

Eine Hand hält vier E-Shishas in die Kamera.
Sie sind bunt und sehen völlig harmlos aus: E-Shishas sind vor allem bei Jugendlichen beliebt. Bild: DPA | Daniel Reinhardt

Mindestens zwölf Jugendliche aus Bremerhaven wurden in den vergangenen Tagen nach dem Konsum von E-Zigaretten und E-Shishas ohnmächtig, hatten Bewusstseins- und Gedächtnisstörungen oder klagten über Krampfanfälle und Herzrasen. Das ist bisher über den Fall bekannt.

Was haben die Jugendlichen zu sich genommen?
Laut Ronny Möckel, Leiter des Bremerhavener Gesundheitsamtes, haben mehrere Betroffene angegeben, sogenanntes CBD-Öl in ihre E-Zigaretten gefüllt zu haben. Das legale Cannabinoid (CBD) wird aus der weiblichen Blüte der Cannabispflanze hergestellt und enthält laut Möckel nicht so viel THC wie "normales Cannabis". Es wird normalerweise im medizinischen Bereich eingesetzt, da es krampflösend, entzündungshemmend und angstlösend wirkt und gegen Übelkeit hilft. Möckel geht aber davon aus, dass die Jugendlichen nicht die Wahrheit sagen. Sie hätten so starke Beschwerden, dass die Ursache ein anderer Stoff sein müsse.
Was vermutet der Experte?
Möckel geht davon aus, dass die Jugendlichen gepanschte, synthetisch hergestellte "Kräutermischungen“, sogenannte "Legal Highs“ zu sich genommen haben. Die kann man leicht im Internet bestellen. Dort werden sie häufig als Badezusatz oder Duftöl deklariert. Das Gefährliche: Was da genau enthalten ist, wie die Dosierungen sind und was der Konsum für Auswirkungen hat, wisse keiner, so Möckel. Da die Fälle nur in Bremerhaven aufgetreten sind, geht er davon aus, dass ein Bremerhavener eine gefährliche Mischung zusammengestellt und vertrieben hat.
Hat die Polizei schon einen Verdacht, woher die Jugendlichen die Substanz hatten?
Die betroffenen Jugendlichen werden aktuell verhört, teilt Frank Schmidt, Leiter der Pressestelle der Polizei Bremerhaven, mit. Bisher gebe es aber noch keinen Hinweis. Keiner der Jugendlichen habe sich selbst bei der Polizei gemeldet, alle seien dem Gesundheitsamt von der Bremerhavener Kinderklinik gemeldet worden. "Das ist eine schwierige Arbeit, hier Licht ins Dunkel zu bringen", so Schmidt. "Die Jugendlichen wollen weder sich noch andere anschwärzen."

Bremen raucht: Die neuen Raucher

Eine "shisha" Wasserpfeife in einem Bremer Wasserpfeifen Café.
Dürfen Jugendliche überhaupt E-Zigaretten und E-Shishas rauchen?
E-Zigaretten und E-Shishas waren bis Anfang 2016 vom Verkaufsverbot an Jugendliche ausgenommen, da sie keinen Tabak enthalten. Erst seit dem 1. April 2016 schließt das Rauchverbot für Minderjährige auch E-Zigaretten und E-Shishas mit ein. Das bedeutet, dass sie nicht mehr an Kinder und Jugendliche abgegeben werden dürfen. Zudem ist Jugendlichen der Konsum in der Öffentlichkeit untersagt.
Wie gefährlich ist der Konsum von E-Zigaretten und E-Shishas?
Die Langzeitfolgen sind völlig unklar. Laut Bundesinstitut für Risikobewertung sind E-Zigaretten weniger gesundheitsgefährdend als normale Zigaretten, als unbedenklich sind sie aber nicht einzuschätzen. Das Institut warnt vor allem vor nicht registrierten Produkten zum Selbstmischen, die vielfach im Internet angeboten werden. Hier sei völlig unklar, welche Inhaltsstoffe enthalten sind.

Hauptbestandteile der Liquids sind Propylenglykol, Wasser, Glyzerin, Ethanol, häufig verschiedene Aromastoffe sowie bei E-Zigaretten in der Regel Nikotin. Die meisten E-Shishas enthalten laut Verpackung kein Nikotin. Sicher sein können sich die Konsumenten aber laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung nicht. Viele Liquids stammen aus China und unterliegen keinen Produktkontrollen. Aber auch ohne Nikotin ist das Rauchen von E-Shishas nicht unbedenklich. Allein das Einatmen der Trägersubstanz in den Liquids von E-Zigaretten und E-Shishas, der alkoholischen Verbindung Propylenglycol, kann zu Reizungen der Augen, des Rachens und der Atemwege führen. Propylenglycol wird auch in Nebelmaschinen von Discotheken verwendet.

Unklar ist darüber hinaus, welche Folgen die diversen anderen Zusätze in den Liquids haben. Experten warnen vor allem vor den insbesondere für Kinder und Jugendliche reizvollen Aroma-Zusätzen, wie etwa Apfel oder Cola. Viele sind zwar als Lebensmittel zugelassen, unklar ist aber auch hier, wie sich die verschiedenen Zusätze auswirken, wenn man sie einatmet.
Wie beliebt sind E-Zigaretten und E-Shishas?
Nach Todesfällen in den USA gibt es auch in Deutschland erhebliche Umsatzeinbußen auf dem E-Zigaretten-Markt. Das Bündnis für Tabakfreien Genuss (BfTG) veröffentlichte jüngst das Ergebnis einer Umfrage unter rund 600 E-Zigaretten-Händlern: Mehr als die Hälfte verzeichnete Umsatzrückgänge von 30 bis 40 Prozent. Fast ein Fünftel hat sogar Einbußen von mehr als 50 Prozent. Für 2019 hatte die Branche einen Umsatz von 570 Millionen Euro angepeilt, 24 Prozent mehr als im Vorjahr. Die werden nun wohl nicht mehr erreicht. Zuvor war der Markt für E-Zigaretten in Deutschland rasant gewachsen, jährlich um etwa 25 bis 40 Prozent. Aktuell gibt es laut BfTG in Deutschland rund 3.000 Händler und etwa 2,5 Millionen Konsumenten von E-Zigaretten und E-Shishas. Klassische Tabakprodukte konsumieren etwa 16 bis 18 Millionen.

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Autorin

  • Sonja Harbers

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Nachmittag, 28. Oktober 2019, 15.10 Uhr