Diskriminierung an Schulen: Was tut Bremen für Betroffene?

Der mutmaßliche Mobbing-Fall eines transsexuellen Schülers an einer Bremer Schule hat für Aufsehen gesorgt. Offenbar haben nur wenige Schulen entsprechende Konzepte.

Ein einsamer Schüler geht einen leeren Schulflur entlang.
Das Wichtigste sei Solidarität bei Fällen von Diskriminierung, meint die Gesamtschülerinnenvertretung Bremen. Bild: Imago | Eibner

Ein ehemaliger Bremer Schüler soll aufgrund seiner Transsexualität Opfer von Mobbing und Diskriminierung geworden sein. "Ich musste mich in meinem letzten Schuljahr psychischem Terror aussetzen" schreibt Max buten un binnen. "Auf meinen Klausuren wurde der Name 'Max' rot unterstrichen und als Fehler markiert, man sprach mich mit 'Es' vor der Klasse an, meine schulischen Leistungen sackten ab, im Unterricht wurde ich nicht mehr wahrgenommen."

Max ist wohl nicht der Einzige, der in einer Schule mutmaßlich diskriminiert wurde. Der Verein Christopher Street Day (CSD) in Bremen weist auf eine Studie hin: In einer Schulklimaerhebung der Stadt München stimmten lediglich 64,4 Prozent der Schülerinnen und Schüler der Aussage "Ich werde an meiner Schule akzeptiert, unabhängig davon welche sexuelle Orientierung ich habe" zu. Sprich: Ein Drittel fühle sich nicht akzeptiert. Man könne davon ausgehen, dass in Bremen die Lage ähnlich ist, wie der CSD schreibt. Er hat es sich zum Ziel gesetzt, eine Plattform für die queere Community in der Hansestadt zu organisieren.

Schule soll Respekt vor Vielfältigkeit lehren

Diskriminierung in Schulen tritt nicht nur in Bezug auf Sexualität auf. "Kinder und Jugendliche erleben Benachteiligungen beispielsweise aufgrund der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität, ihrer sozialen Herkunft oder ihres Aussehens", sagt Annette Kemp, Sprecherin der Senatorin für Kinder und Bildung in Bremen. Eine Aufgabe von Schule sei es, Respekt für Verschiedenheit und Vielfältigkeit der Schülerinnen und Schüler und des Lehrpersonals zu erbringen. "Die Besonderheit und Einzigartigkeit eines Menschen ist dabei die Grundlage, um Vielfalt wertzuschätzen. Schule hat den Auftrag, den gegenseitigen Respekt zu fördern", so Kemp weiter.

Aber funktioniert das wie gewünscht? "Als Schüler*innen erleben wir tagtäglich Vorfälle von Diskriminierung", sagt die GSV, die Vertretung für alle Schülerinnen und Schüler in Bremen. Diskriminierende Sprache, Strukturen, Lehrpläne und der allgemeine Umgang führten dazu, dass sich Schüler in ihrer Schulzeit nicht frei entwickeln und wohlfühlen könnten, heißt es weiter von der GSV.

Letzten Endes wollte ich nicht mehr zur Schule gehen, weil mich das alles massiv runtergezogen hat und ich mich extrem unwohl fühlte.

Max, ehemaliger Schüler

Betroffenen rät Kemp, verschiedene Anlaufstellen aufzusuchen. Dazu gehören die Schulleitung, die Vertrauenslehrkräfte, Schulsozialarbeitende, das Regionale Beratungs- und Unterstützungszentrum (ReBUZ) und andere Beratungsstellen – wie zum Beispiel Schattenriss, das Bremer JungenBüro oder Rat und Tat. "Die Schulaufsichten und die ReBUZ stehen Ratsuchenden offen für Beratung und Unterstützung im Umgang mit Gewalterfahrungen sowie Verletzungen ihrer jeweiligen Rechte“, sagt Behördensprecherin Kemp.

Fortbildungen für Lehrende?

Das Beratungszentrum für queeres Leben, Rat und Tat, kritisiert, dass es nur an sehr wenigen Bremer Schulen klare Konzepte für den Umgang mit Beschwerden gebe. Die Initiative fordert außerdem Antidiskriminierungsbeauftragte in Schulen und verpflichtende Fortbildungen für Lehrende zu dem Thema. Um dagegen vorzugehen, müsse Diskriminierung gezielt erkannt werden – beispielsweise durch Befragungen und Erhebungen, teilt das Beratungszentrum mit. Dann brauche es viel Präventionsarbeit und schließlich die Suche nach geeigneten Interventionen und institutionalisierte Maßnahmen. "Derzeit gibt es noch keinen uns bekannten Entwurf, wie die Bildungsbehörde zum Beispiel notwendige Sensibilisierungen in Schulen zukünftig sicherstellen will", so der Verein weiter

Gemeinsam gegen Diskriminierung

Eine Möglichkeit kann auch der Gang zur GSV Bremen sein: "Der erste Schritt, den wir versuchen einzuleiten, ist, die Schüler*innen bei uns einzuladen, um ihnen Rückhalt und Unterstützung anzubieten, da es gerade bei Diskriminierungsvorfällen für die Betroffenen wichtig ist, Solidarität zu erfahren und nicht alleine dazustehen." Als weiteren Schritt versuche man eine breite Öffentlichkeit auf das Thema aufmerksam zu machen und so Druck auszuüben auf die Institution, die mutmaßlich Diskriminierung toleriert. .

Der CSD Bremen fordert darüber hinaus regelmäßige Kontrollen an Bremer Schulen: "Die Behörde muss proaktiv darauf achten, dass es eben nicht zu Verletzungen der Normen der bremischen Landesverfassung und des (Privat-)Schulgesetzes kommt." Es deute sich bereits an, dass der heute notwendige Weg zur Schulaufsicht von betroffenen Eltern und Schülerinnen und Schülern in der Regel nicht gewählt werde, da weitere Nachteile befürchtet würden.

"Ohne Anlass irgendetwas zu kontrollieren ist schwierig, da wir nicht der Arbeitgeber sind und gegenüber Lehrkräften keine disziplinarrechtliche Handhabe haben", reagiert Kemp auf die Forderung. "Dennoch haben wir alle die Aufgabe, Diskriminierungen entgegenzutreten und Diskriminierte zu schützen – das kann auch durch einen Schulwechsel passieren." Laut Kemp ist Antidiskriminierung in Schulprogrammen meist fest verankert.

Staatsanwaltschaft ermittelt im Fall Max

Erst im Sommer dieses Jahres hat sich Max getraut, seinen Fall beim polizeilichen Ansprechpartner für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und Interpersonen anzuzeigen. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft. Die Schule hatte sich erschrocken über die Vorwürfe gezeigt und Mitte September mitgeteilt, sie wolle alles dafür tun, den Sachverhalt aufzuklären. "Erste interne Überprüfungen des Sachverhalts aus den Jahren 2015 und 2016 haben bislang keine Anhaltspunkte ergeben, dass diese so zutreffen könnten", sagte die Geschäftsführerin Hanna Trayser. "In die Ermittlungsverfahren sind wir bisher nicht einbezogen. Wir werden diese aber selbstverständlich vollumfänglich unterstützen."

Generell können Beschwerden bei der Schulaufsicht eingereicht werden. Es folgen Stellungnahmen zu der Beschwerde und Gespräche. Das Rechtsreferat prüft und bewertet den Fall. "Sollte es Hinweise zu einem Verstoß geben, werden weitere Maßnahmen eingeleitet, auch Disziplinarverfahren", wie die Sprecherin der Schulbehörde erklärt.

Diskriminierungen in jeglicher Form sind unerträglich.

Die Sprecherin der Bremer Bildungsbehörde, Annette Kemp
Annette Kemp, Sprecherin der Senatorin für Kinder und Bildung

Es ist ein kräftezehrender Prozess, durch den Max derzeit geht: "Für mich ist es in erster Linie wichtig mit dem Thema 'Schule' abschließen zu können. Denn dieses Thema ist bis heute relevant in meiner Therapie", sagt er butenunbinnen.de. Für ihn sei wichtig, dass keine weitere Person an dieser Schule so etwas nochmal erleben müsse. "Eine Schule ist für junge Menschen ein wichtiger Punkt im Leben und sollte definitiv nicht zur Qual und ungern besucht werden.“

Autorin

  • Johanna Ewald Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Next, Next am Wochenende, 19. September 2020, 9:40 Uhr