Bremer Epidemiologin kritisiert Spahns Impfverordnung

Name der Geimpften, Geburtsdatum, Geschlecht und Impfungsort sollen pseudonymisiert an das RKI übermittelt werden. Experten kritisieren den Verlust wichtiger Daten.

Ein Arzt hält eine Spritze zum impfen hoch.
Name, Geburtsdatum, Geschlecht und Ort der Impfung müssen bei einer Impfung angegeben werden. Bild: Radio Bremen

Ob mobiles Impfteam oder in einem Impfzentrum: Die Daten zur erfolgten Impfung sollen über ein elektronisches Meldesystem an das Robert-Koch-Institut (RKI) gemeldet werden. So sieht es das Bundesgesundheitsministerium in der Impfverordnung vor, die für alle Bundesländer gültig ist. Folgende Daten sollen erfasst werden: Alter, Geschlecht, Land-/Stadtkreis, Impf-Indikation, Ort der Impfung, Impfdatum, Impfstoff-Produkt, verabreichte Dosis.

Gesundheitskarten-Daten spielen keine Rolle

Die Gesundheitskarte, die alle gesetzlich Versicherten in Deutschland besitzen und auf der alle wichtigen Gesundheitsdaten der Versicherten gespeichert sind, spielt bei der Impfung in der sogenannten ersten Phase demnach keine Rolle. Genau daran gibt es Kritik: Die Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie und andere Fachgesellschaften kritisieren, dass so wichtige Daten, vor allem für Langzeitbeobachtungen und Studien zu Nebenwirkungen verloren gehen.

Ulrike Haug ist Epidemiologin und leitet das Institut für Klinische Epidemiologie am Bremer Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie. Sie hat den Offenen Brief an das Bundesgesundheitsministerium maßgeblich mitgeschrieben.

Es ist davon auszugehen, dass man dadurch einen großen Verlust an Datenqualität hat.

Ulrike Haug, Epidemiologin


Denn mit den über das elektronische Meldesystem gemeldeten Daten an das RKI könnten zwar Beobachtungen zu Nebenwirkungen gemeldet werden, es könnten aber keine Vergleiche zwischen Geimpften und Ungeimpften gezogen werden.

"Das Schnellmeldesystem (…) generiert Vermutungen, Hypothesen, denen man schnellstmöglich nachgehen muss. Und da komme ich zu der zweiten Datenbasis, die mir derzeit noch fehlt: Nämlich eine Datenbasis, mit der man möglichst schnell dann diesen Vermutungen nachgehen kann. Und dazu braucht man den Vergleich von Geimpften und nicht-Geimpften.", erklärt die Epidemiologin.

Studie zu Biontech-Impfstoff zeigt die Notwendigkeit für Kontrollmöglichkeiten

Vergangene Woche wurde eine Studie zum Impfstoff von Biontech im "New England Journal of Medicine" veröffentlicht. An der Studie nahmen 44.820 Probandinnen und Probanden teil. Die Studie lief von Juli bis Mitte November. Ungefähr der Hälfte der Probanden wurde zweimal der Impfstoff gespritzt. Die andere Hälfte bekam zwei Mal einen Placebo.

Man hat das in der Studie schön gesehen: In dem geimpften Arm, der etwa 20.000 Personen umfasste, ist es bei knapp 70 zu einem schwerwiegenden Ereignis gekommen. Wenn man nur dieses Ergebnis sehen würde, hätte man natürlich Angst: könnte das mit der Impfung zusammenhängen? Wenn man aber zum Vergleich den Kontrollarm, in dem Fall war das die Placebo Gruppe, betrachtet, dann sieht man, dass auch da etwa 70 schwerwiegende Ereignisse aufgetreten sind. Das heißt: nur durch den Vergleich von Geimpften und Nicht-Geimpften, also Kontrollen, kann man die Häufigkeiten ins Verhältnis setzen und einordnen.

Ulrike Haug, Epidemiologin

Doch genau diese Kontrollmöglichkeit würde derzeit noch fehlen, weil eben kaum eine Vergleichbarkeit von Geimpften und Nicht-Geimpften möglich sei oder es zumindest sehr lange dauern würde, bis man diese Daten zusammenfügen kann.

Gesundheitskarte könnte Daten liefern

Ulrike Haug und ihre Kolleginnen und Kollegen fordern deshalb: alle Daten zur erfolgten Impfung auf der Gesundheitskarte der Menschen zu speichern. Auch wenn die Gesetzlichen Krankenkassen die Impfung in der anstehenden ersten Phase nicht abrechnen, weil der Bund zahlt. In dem Offenen Brief schlagen sie vor, dass Impfzentren und mobile Impfteams mit Gesundheitskartenlesegeräten ausgestattet werden. "Ich gehe davon aus, dass das technisch möglich ist. Es waren jetzt bei den Testzentren auch Kartenlesegeräte. Also es müsste umsetzbar sein.", sagt Ulrike Haug.

Corona-Impfungen: Wie sollen die Patiendaten gespeichert werden?

Video vom 27. Dezember 2020
Ein Detailbild von Gesundheitskarten, die aufeinander liegen.
Bild: Radio Bremen

Über eine pseudonymisierte Abfrage bei den Krankenkassen ließen sich so schnell Daten von Geimpften und Nicht-Geimpften vergleichen. Und nur so ließe sich valide feststellen, welche Nebenwirkungen der Impfstoff hat. Der Bundesgesundheitsminister will an der Strategie aber festhalten. In einer Antwort auf unsere Frage nach der in dem Offenen Brief geäußerten Kritik und dem Einsatz von Gesundheitskarten heißt es seitens des Bundesgesundheitsministeriums allgemein: "Aus einem Vergleich des Anteils Geimpfter unter den COVID-19 Meldefällen mit dem Anteil Geimpfter in der Bevölkerung kann man dann grob die Effektivität der Impfung schätzen."
Auf Studien zu Nebenwirkungen geht die Antwort nicht ein.

Sorge vor Verunsicherung

Die Epidemiologin Ulrike Haug befürchtet, dass das Vertrauen in den Impfstoff und die Impfung in der Bevölkerung auf längere Zeit abnehmen könnte, wenn sich die Nebenwirkungen nicht schnell anhand von Daten einordnen lassen. So wie in der beschriebenen Studie.

Meine Sorge ist derzeit hauptsächlich, dass es zu unberechtigten Ängsten kommt und die Impfbereitschaft letztlich darunter leidet. (…) Den Vertrauensverlust, den fürchte ich. Das ist dann, wenn man keine Fakten in der Hand hat, schwer in den Griff zu bekommen.

Ulrike Haug, Epidemiologin

Sie und ihre Kollegen hoffen, dass ihr Appell gehört wird und doch noch Lesegeräte für Gesundheitskarten in den Impfzentren und bei mobilen Impfteams zum Einsatz kommen.
Es scheint jedoch so als kämen Gesundheitskarten bei Corona-Impfungen vorerst nicht zum Einsatz. Möglich, dass das Auswirkungen auf die Forschung zum Corona-Impfstoff hat.

Wer wird wann gegen Corona geimpft?

Video vom 27. Dezember 2020
Eine Grafik mit der Überschrift "Wer wird wann gemipft?". Zu sehen sind Spritzen, im Hintergrund die Umrisse von Bremen und Bremerhaven sowie die Zahl "4875".
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Maren Schubart

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. Dezember 2020, 19:30 Uhr