Wie der Corona-Impfstoff unseren Alltag verändern könnte

Es wird nicht mehr lange dauern, bis ein Corona-Impfstoff verfügbar ist. So sagen es Experten. Wird dann bald alles wieder wie früher?

Mann im Schutzanzug impft Weltkugel (Symbolfoto)
Der Stoff, auf den die Welt wartet: Die Impfung gegen Corona. Bald könnte ein erster Impfstoff zugelassen werden – und was kommt dann? Bild: Imago | Michael Weber

Können wir bald wieder so leben wie vor der Corona-Pandemie? Die Antwort lautet vermutlich: Wohl kaum. Vielleicht lautet sie sogar: Nein. Auf jeden Fall lautet sie: Wenn überhaupt, wird es lange dauern.

Adele Diederich
Adele Diederich ist Psychologie-Professorin an der Jacobs University in Bremen-Nord. Bild: Jacobs University | Thomas Joppig

Immerhin kommt die Botschaft, dass es bald einen Impfstoff geben wird, genau zur richtigen Zeit, sagt Adele Diederich. "Dass das jetzt gekommen ist, ist ganz wunderbar", sagt die Professorin für Psychologie an der Jacobs-Universität in Bremen-Nord. Denn das sei für viele Menschen jetzt erst einmal ein "Silberstreif am Horizont". Egal, wie bald der Stoff auf Spritzen gezogen wird. Egal, wann man persönlich geimpft wird. Egal, wann die Infektionszahlen durch die Impfung oder das Wetter so zurückgehen, dass wieder etwas mehr Normalität ins Leben einzieht. Alles egal. Erst mal ist da etwas in Bewegung geraten, was Grund zur Hoffnung gibt.

Wir ticken alle so – wir brauchen eine Hoffnung

Adele Diederich, Psychologie-Professorin
 Urlauber beobachten den Sonnenuntergang über dem Achterwasser Usedom
Ist die Corona-Impfung der Silberstreif am Horizont, den wir brauchen, um aus dem Krisenmodus herauszufinden? Bild: DPA | Jens Büttner

Dass es im Moment nicht mehr als eine Hoffnung ist, spiele keine Rolle. Wichtig ist aus Sicht Diederichs, dass das Gefühl des Lebens im ewigen Krisenmodus durchbrochen wird. Denn den hält niemand ewig aus "weil das krank macht". Nur so sei es im Übrigen auch zu erklären, dass die bewundernswerte Solidarität aus dem Frühjahr – da kauften junge Leute für ihre alten Nachbarn ein, da kauften Menschen virtuelle Kinotickets oder Biere in der Eckkneipe, um Existenzen zu retten – inzwischen spürbar nachlasse. Das passiere nicht aus Gleichgültigkeit, erklärt Diederich. Sondern weil es gewissermaßen ein Selbstschutzmechanismus sei, die Krisensituation irgendwann als "normal" anzunehmen, um sich besser mit ihr abfinden zu können.

Glaeske: Schutz-Regeln werden noch lange bleiben

Bezogen auf die allgemeinen Schutz-Regeln wird das vermutlich auch erforderlich sein, denn die werden so bald nicht zu den Akten gelegt werden können. Das kündigte nicht nur das Robert-Koch-Institut vor Kurzem an. Davon ist auch der Bremer Gesundheitswissenschaftler Professor Gerd Glaeske von der Universität Bremen überzeugt:

Mit dem Impfstoff ist die Pandemie keineswegs beendet und wir werden so bald nicht wieder die Bedingungen vom November 2019 haben.

Gerd Glaeske, Gesundheitswissenschaftler

Und ihn treibt die Sorge um, dass das vermeintlich kurzfristige Verfügbarsein eines Allheilmittels "eine gewisse Unbeschwertheit einziehen lässt", dass also die AHA-Regeln in weiten Teilen der Bevölkerung nicht mehr so sorgsam beachtet werden wie bisher. Doch genau das dürfe noch eine ganze Weile nicht passieren, mahnt Glaeske. Denn selbst, wenn das Vakzin – so der Fachbegriff für Impfstoffe – vorliegt, ist das Thema Schutz und Vorbeugung noch lange nicht erledigt.

Flächendeckende Impfung kann Jahre dauern

Erst einmal muss der Stoff massenhaft hergestellt werden können – und dann stehen noch die Impfungen aus. Glaeske rechnet mit mindestens mehreren Monaten, bis nennenswerte Teile der Bevölkerung geimpft sind. Der Kölner Professor für Innere Medizin Matthias Schrappe hat kürzlich in einem Thesenpapier überschlägig kalkuliert, dass es etwa vier Jahre dauern könnte. Das erscheint Glaseke doch sehr lang. Aber klar ist auch: 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung sollten schon geimpft sein, damit von einer verbreiteten Immunität ausgegangen werden kann.

Impfpflicht kommt nicht in Frage

Eine Impfpflicht schließt nicht nur die Bundesregierung aus, Glaseke hält sie auch für falsch. Denn bei Licht betrachtet "ist das letztlich auch ein Experiment". Die verschiedenen Vakzine wurden extrem schnell entwickelt, Aussagen über mögliche Langzeitfolgen lägen notgedrungen noch nicht vor. Das sei keine Situation, in der die Impfung verpflichtend gemacht werden könne; das schließe das Selbstbestimmungsrecht aus.

Mann schaut hinter einer Gardine aus dem Fenster (Symbolfoto)
Trübsinn mag manchen ergreifen, wenn mit dem Impfstoff doch nicht sofort alle Beschränkungen verschwinden. Bild: Imago | Hans Lucas

Bringt es denn möglicherweise eine kollektive große Enttäuschung mit sich, wenn sich der Silberstreif am Horizont nach einem monatelangen Ausnahmezustand plötzlich als trügerisch erweist? Der Heilsbringer so nah und der Effekt doch noch so fern? Benjamin Schüz ist Psychologie-Professor an der Uni Bremen und kommt bei der Antwort auf diese Frage ins Spekulieren. Denn wirklich treffsichere Forschungsergebnisse dazu gibt es mangels vergleichbarer Situationen kaum. "Spannende Sachen" fänden sich vielleicht in Arbeiten über die Wirkung längerer Isolation beispielsweise bei Antarktis-Forschern. Die hätten bei ihrer Rückkehr in die Zivilisation "erstmal Anpassungs-Schwierigkeiten". Das gibt Fingerzeige, doch insgesamt sei die Situation schon ziemlich unterschiedlich.

Spannend ist dann noch die Frage, was es bewirkt, dass das Vakzin notwendigerweise nach einer bestimmten "Impf-Hierarchie" gespritzt werden wird – also erst bestimmte Berufsgruppen und ältere Personen. Schüz setzt darauf, dass das den allermeisten schon als vernünftig einleuchten wird. Bis auf Ausnahmen:

Man kann sich benachteiligt fühlen, wenn man sich benachteiligt fühlen will.

Benjamin Schüz, Professor für Psychologie

Gesundheitswissenschaftler Glaeske hält empfindliche Reaktionen für wahrscheinlicher: Es bleibe eben dabei, dass für viele zentrale Bedürfnisse wie Nähe, Kontakt, Treffen, Freizeitgestaltung brach liegen und das könne durchaus zu Reaktionen wie Angst, Depression, Wut und Gewalt führen.

Druck, Drohung, Argumente? – Nudging!

Womit sich aber auch die Frage stellt: Wie kann die Bevölkerung dazu gebracht werden, sich auch weiterhin an die AHA-Regeln zu halten? Mit Druck? Mit Drohungen? Mit Argumenten? Für die Bremer Verhaltensforscherin Lucia Reisch vom Leibniz-Institut für Präventionsmedizin (BIPS) lautet das Zauberwort "Nudging". Das leitet sich vom englischen "schubsen, stupsen" ab. Reisch definiert das Konzept so:

Ein Stups, der Menschen hilft, sich so zu entscheiden und sich so zu verhalten, wie sie es selbst gerne tun würden, wenn sie denn den Willen oder die Durchhaltekraft hätten.

Lucia Reisch, Professoren für Verhaltensforschung

Und über den Vorteil gegenüber gängigen anderen Strategien erläutert sie: "Nudging ist nicht zuletzt deshalb beliebt geworden, weil Druck zum Herbeiführen von Verhaltensänderungen ziemlich unbeliebt ist – insbesondere bei denen, deren Verhalten geändert werden soll." Das sei mittlerweile nicht mehr graue Theorie, sondern durch Forschungsergebnisse belegt: "Es gibt Hinweise auf besonders gute Verhaltensänderungen in den Bereichen gesunde Lebensweise, Energieverbrauch, gesunde und klimafreundliche Lebensmittel und Abfall."

Kommunikation ist zentral wichtig

Glaeske und auch Schüz führen noch etwas anderes an, was jetzt ganz wichtig werde: Eine klare, nachvollziehbare, ehrliche Kommunikation. Kein Beschönigen, aber durchaus das Herausstellen von Perspektiven, Nutzen und Optimismus. Und das geht dann ja auch in Richtung "Nudging".

Arztpraxis in Stuhr erprobt Corona-Impfstoff

Video vom 10. November 2020
Eine Person, die am Oberarm geimpft wird.
Bild: Radio Bremen

Mehr zum Thema:

Autor

  • Karl-Henry Lahmann

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 10. November 2020, 19:30 Uhr