Kolumne

Was hilft gegen Hobbyvirologen oder promovierte Klugscheißer?

Auch unser Redakteur Jochen Grabler bekommt sie: Diese "brandheißen" Pseudonachrichten mit vielen Ausrufezeichen zum Coronavirus. Seine Bitte: Abstand halten und überprüfen.

Ein Konterfei von Jochen Grabler, unten sieht man einen Zollstock der bei 150cm markiert ist.
Auch unser Redakteur Jochen Grabler trifft in diesen Tagen oft auf Pseudonachrichten.

Kriegen Sie auch solche Nachrichten? Per Mail oder noch besser per WhatsApp. Meistens versehen mit "unbedingt weiterleiten!!!!!!". Manchmal sind es Sprachnachrichten, manchmal Videos. Deren Botschaften gehen dann so: Wir werden alle falsch informiert, es ist alles viel schlimmer, wahlweise ist alles Hysterie, "die da oben" sind doch alle Nichtskönner. Manchmal kommen diese brandheißen Infos von "der Cousine von meinem Nachbarn, die einen kennt, der in der Klinik arbeitet", zuweilen aber sind sie auch mit echten Doktortiteln geadelt. Das sind die schlimmsten. Gibt es eigentlich ein Mittel gegen Hobbyvirologen und promovierte Klugscheißer? Ich fürchte, nein!

Manchmal muss man über die Pseudonachrichten sprechen

Google hat tatsächlich dafür gesorgt, dass dieser Kram wenigstens nicht ganz oben auf der Suchliste landet. Aber wenn solche "Informationen" auf nervöse Normalbürger treffen, dann wird halt erst das eine kleine private Netzwerk infiziert, das dann zwei weitere ansteckt, und so weiter und so fort. Man nennt das "virale Verbreitung".

Unsereins kratzt sich dann am Kopf. Soll man darüber sprechen? Oder sorgt man nicht eher für noch mehr Aufmerksamkeit? Manchmal muss man. Manchmal erreichen solche Pseudonachrichten dann doch so viele Menschen, dass Ignorieren nichts hilft. Vielleicht wird ja ein Lehrstück daraus. Ganz besonders, wenn ein Doktor- oder gar ein Professorentitel dahintersteckt. Und ganz besonders, wenn so ein Kram seinen Ausgangspunkt nicht bei dahergelaufenen "Ich mach mal ein Video"-Schreihälsen, sondern im journalistischen Gewerbe hat.

"Radiosender" und "Professor" sind keine Gütesiegel

Womit wir bei Professor Dr. rer. nat. Stefan W. Hockertz wären. Der findet, kurz gesagt, die Reaktion auf die Corona-Pandemie hysterisch. Das Geschehen sei nicht schlimmer als eine Grippe-Epidemie. Die Epidemie sei halt gerade in Italien und Spanien auf ein marodes Gesundheitssystem getroffen. Das sagt immerhin ein Professor. Und er sagt es im Interview mit einem Radiosender. Das jetzt per Video "viral geht". Da muss ja was dran sein. Oder? Gleich mal vorweg gesagt: Nein! Nei-hein!

Mal ganz vorne angefangen: Weder "Radiosender" noch "Professor" sind Gütesiegel für geprüfte Qualität. Wobei man leider sagen muss: Mit Journalismus hat die ganze Veranstaltung eher weniger zu tun. Beim besagten Radiosender handelt es sich um die private Welle rs2. Die hat in der aktuellen Lage ein großes Ziel: "Wir sind ja gerne für Sie da, um Ihnen die Panik zu nehmen. Wir wollen so ein bisschen für Orientierung sorgen," sagt die Moderatorin. Das ist an sich sehr schön!

Kurzschlüsse im Gehirn

Aber was tut man, wenn man für Orientierung sorgen will? Man fragt jemanden, der sich mit der Sache auskennt. Wie rs2 dabei auf besagten Professor gestoßen ist, bleibt im Dunkeln. Ist der Mann Pandemiker? Kommt er aus einer Klinik, aus einem Forschungszentrum? Ist er nah dran am Geschehen? Einer der Forscher, die gerade Testreihen und Infektionskurven auswerten? So einen bräuchte man, oder? Solche Fragen scheinen die Panikbekämpfer von rs2 nicht so wirklich umgetrieben zu haben. "Irgendwie Ahnung" scheint gereicht zu haben. Da kommt ein "Immunologe und Biologe", der seit Ausbruch der Pandemie überhaupt noch nicht in Erscheinung getreten ist. Komm, egal! Den nehmen wir! Dem Sender hat diese Expertise ausgereicht, um den Mann auf den Kanal zu bringen und Interview ruckzuck online zu verbreiten.

Sie sehen: So funktionieren Kurzschlüsse im Gehirn. Auch bei Kollegen, die doch eigentlich ihr Handwerk beherrschen sollten. Wenn es rs2 wirklich um Aufklärung und Panikbekämpfung gegangen wäre, wäre die Auswahl dieses Gesprächspartners vielleicht hinterfragt worden. 

Hockertz seit 16 Jahren nicht mehr im Forschungsbereich tätig

Nur wenige Klicks und nur ein Telefonat entfernt gibt es schließlich Informationen: Herr Professor ist Immunologe und Toxikologe und hat den Klinik- und Forschungsbereich im Jahr 2004 verlassen. 2004! 16 Jahre sind im Wissenschaftsbereich Jahrhunderte. Seitdem ist er übrigens geschäftsführender Gesellschafter einer Consultingsfirma. Hat so einer Ahnung von Virologie?

Er war, schreibt er selbst, mal "Mitglied des Direktoriums des Fraunhofer Institutes für Toxikologie und Umweltmedizin" in Hamburg. Was jetzt auch nicht gerade die Expertise ist, die gerade gesucht wird. Aber bitte: Fraunhofer Institut - das ist im Wissenschaftsbereich erste Bundesliga, wenn nicht Champions League. Nachfrage bei der Fraunhofer Gesellschaft. Ja, dieses Institut ist lange dicht. Ja, das wurde mal mit Fraunhofer-Mitteln gegründet, aber ein "Fraunhofer Institut" war das nicht. Um diesen Titel zu erlangen, braucht es einen langen wissenschaftlichen Weg. Naja, hat der Herr Professor halt ein bisschen dick aufgetragen.

Ist er auf dem Stand der Wissenschaft? Hat er Kenntnisse vom deutschen Klinikalltag? Ist das der Experte, dem wir vertrauen? Trotzdem kommt so ein Mann ins Livegespräch, trotzdem werden seine Ansichten direkt weiterverbreitet. Ohne Einordnung, ohne Gegenposition, ohne genaue Auseinandersetzung mit den Thesen. Ist das verantwortungsvoll? Angesichts der aktuellen Lage? Eher nicht. Halten wir mal fest: Da wurde schlampig gearbeitet.

Viele Fragen an den Professor und die Kollegen

Geradezu putzig ist dann, was rs2 selbst zum Interview schreibt: "Wir unterstützen die Maßnahmen der Bundesregierung und des Berliner Senats zur Eindämmung der Corona-Ausbreitung aus voller Überzeugung. Im Rahmen einer objektiven journalistischen Tätigkeit lassen wir aber auch Kritiker zu Wort kommen. Eine permanente Einordnung der aktuellen Lage hören Sie täglich im laufenden On Air Programm und in den Nachrichten von 94,3 rs2." Das kann übersetzen mit "Kann sein, wir senden Scheiße, kann sein, man kann die Scheiße auch nachhören, aber wenn Ihr täglich einschaltet, dann sagen wir Euch auch, dass es Scheiße war." Au weia!

Und ist es von einem Professor verantwortungsvoll, in einer derart angespannten Situation den Klugscheißer zu geben, der es besser weiß als alle aktuell und unter Hochdruck arbeitenden Fachleute zusammen? Ohne den nötigen Einblick? Und das Wochen nach Ausbruch der Pandemie?

Und dann die Frage an diejenigen, die so einen Kram weiterleiten, immer versehen mit mindestens drei Ausrufezeichen: Guckt Ihr zwischendurch mal nach den Quellen? Danach, wer da auf welcher Grundlage welche Infos verbreitet? Wundert es jemanden, dass der virale Hit von rs2 und seinem Professor auf reichlich dubiosen Seiten gefeiert und geteilt wird? Eigentlich nicht!

Nachrichten lieber doppelt überprüfen

Ja, es ist schwer, richtige und falsche Meldungen zu unterscheiden. Oft kommt der Quatsch ja in einer Mischung daher. Auch unser Professor hat total recht, wenn er das Gesundheitswesen in Italien kritisiert. Das aber macht die verharmlosende Grundaussage "nicht schlimmer als eine Grippe" nicht richtig. Die ist einfach falsch. 

Kriegen Sie auch solche Nachrichten mit drei Ausrufezeichen? Lieber einmal mehr nachgucken, ob der Kram auch stimmen kann. Lieber Abstand, am besten einen Meter fünfzig. Mindestens! Bei Zweifeln: löschen!

Kolumne "Ein Meter Fünfzig":

Autor

  • Jochen Grabler

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. März 2020, 19:30 Uhr