Interview

Wie halten wir durch in der Pandemie? 3 Bremer Perspektiven

Wie wir uns von der Coronamüdigkeit befreien können und was uns motiviert, weiter durchzuhalten, erklären eine Psychologin, ein Soziologe und ein Infektionsforscher.

Eine Frau mit blauen Handschuhen setzt sich eine Einwegmaske auf.
Manchmal möchte man einfach nur das "normale" Leben zurück, doch das ist in der Corona-Pandemie keine Option. Bild: Imago | Cavan Images

Über ein Jahr leben wir schon im Pandemie-Modus. Aus der Ausnahme-Situation ist fast Alltag geworden. Und auch die immer neuen Corona-Regeln zwischen Lockdown und Lockerungen sind irgendwie normal geworden. Durch das Hin und Her zeigt sich allersings bei vielen eine Art Corona-Müdigkeit. Die Frage bleibt: Wie lange halten wir das noch aus? Drei Bremer Perspektiven aus unterschiedlichen Fachbereichen.

Frau Thobaben, wie können wir uns aus psychologischer Sicht weiter motivieren in der Corona-Pandemie durchzuhalten?
Grundsätzlich sind Menschen zu vielem in der Lage, wir haben eine sehr große Fähigkeit mit Krisen umzugehen. Wir müssen gerade jetzt gucken, wie wir uns die Krise so erträglich wie möglich machen. Hier in Deutschland haben wir einen großen Spielraum, in dem wir uns in der Pandemie bewegen. Nichtsdestotrotz sind wir solche unangenehmen Situationen nicht gewohnt und es ist teilweise auch dramatisch, gerade wenn es wirtschaftlich und existenziell bedrohlich ist.

Unsere Lebenssituationen unterscheiden sich gerade extrem, dennoch bin ich davon überzeugt, dass wir die Fähigkeit haben mit dieser Krise umzugehen.

Amelie Thobaben, Psychologische Psychotherapeutin
Wir müssen gucken, was uns konkret belastet. Sind es beispielsweise die ständig neuen Regeln, die Kontaktbeschränkungen, bei Homeschooling keine Zeit für sich zu haben oder die wirtschaftliche Situation? Sich darüber aufzuregen hilft nur, um zu erkennen, dass wir nach Veränderungsmöglichkeiten suchen sollten.

Zunächst kann ich mich fragen: "Was kann ich ändern?" Wir haben wir schon ein Jahr Erfahrung mit der Pandemie und dem, was passiert. Wir können die Strategien aus dem vergangenen Jahr wieder abrufen: Uns sind viele Formen bekannt, mit denen wir auch mit einem sehr geringen Infektionsrisiko viel machen können. Das können wir uns vor Augen führen und unseren Blick verändern und diese Möglichkeiten nutzen – immer mit Blick auf: "Was brauche ich?"

Wir sind nicht mehr pandemie-unerfahren. Wir können "ressourcenorientiert" mit der Situation umgehen und uns vor Augen führen, was wir alles machen können.

Amelie Thobaben, Psychologische Psychotherapeutin
Ein simpler Fokus hilft: Was wünsche ich mir? Und wie kann ich diesen Wunsch im Rahmen meiner Möglichkeiten erfüllen? Wir haben noch jede Menge Möglichkeiten und darauf können wir uns einlassen. Was wir brauchen ist für jeden unterschiedlich.

Herr Schimank, wie können wir uns aus gesellschaftlicher Sicht motivieren durchzuhalten, ohne dass wir als Gesellschaft daran zerbrechen?
Corona bereitet uns mit allen Einschränkungen Schwierigkeiten. Ich vergleiche die neuen Anstrengungen des Social-Distancing gern mit einer Studie zum Prozess der Zivilisation. Der Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit ähnelt der Anpassung an Corona. Auch damals mussten sich die Menschen einer stärkeren Reglementierung ihrer Umgangsformen unterwerfen, was mehrere Generationen gebraucht hat. Das muss angesichts von Corona heute schneller gehen, und das tut es auch, wie man schon sehen kann. Daher kann ich sagen: Die Menschen schaffen es, sich anzupassen – an die Masken, an den Abstand und so weiter. Wir erleben zwar manche Verhaltensweisen als Einschränkung, aber wir werden das Lernen, das hat der Prozess der Zivilisation schon mehrfach gezeigt.

Wir müssen versuchen gemeinsam mit dieser Situation umzugehen. In einer Art, die transparent, fair und konstruktiv ist. Das gilt individuell, aber auch als Gesellschaft.

Uwe Schimank, Bremer Soziologe
Wenn wir Transparenz, Fairness und Konstruktivität im Blick behalten, können wir für uns festlegen, was richtig und was falsch ist. Jeder von uns hat eine Neigung dazu, klammheimlich ein bisschen von den Regeln abzuweichen. Dennoch demonstrieren uns die strikten Regeln, dass die Lage ernst ist. Es gibt aber kleine Spielräume. Und ich habe den Eindruck, dass die Politik versucht uns diese Spielräume zu lassen.

Regeln sind am stabilsten, wenn kleine eingebaute Regelverstöße gewährt werden.

Uwe Schimank, Bremer Soziologe
Wenn wir diese kleinen Regelverstöße nicht hätten, dann wären wir schon längst verzweifelt. Ich glaube, das haben auch die Politiker, die Ordnungshüter und wir als Individuen kapiert.

Herr Zeeb, wie müssen wir aus epidemiologischer Sicht weiter mit der Corona-Pandemie umgehen, damit wir die Pandemie gut durchhalten?
Bremen ist im vergangenen Jahr durch Höhen und Tiefen gegangen, bislang sind wir mit einem blauen Auge davon gekommen.

Der Punkt ist: Wir wissen, was zu tun ist, die Regeln sind bekannt. Und das müssen wir so gut es geht weiter einhalten.

Hajo Zeeb, Bremer Epidemiologe
Epidemiologisch gesehen leiden wir immer noch unter den hohen Belastungen im Gesundheitswesen. Lockerungen sehe ich skeptisch, weil gerade viele ungünstige Sachen zusammentreffen – die Mutation, der Druck mehr zu lockern und der langsame Impfverlauf.

Was gerade jetzt gut ist, ist die Tatsache, dass der Virus es draußen schwerer hat als drinnen und er bei wärmeren Temperaturen nicht so gute Lebensbedingungen hat. Das sind beides gute Dinge. Es gilt, sich weiter draußen aufzuhalten und Räume zu meiden, wo sich viele Menschen aufhalten. Und das geht jetzt wieder besser und schafft neue Möglichkeiten.

Wir haben auch schon erfolgreich Risikogruppen in Bremen geimpft, das ist gut. Damit werden trotz steigender Zahlen die schweren Verläufe und Todesfälle niedriger sein, das sieht man auch schon.

Wir müssen uns weiter pandemie-konform verhalten, um die Zahlen niedrig zu halten. Es bleibt aber ein Lauf gegen die Zeit, weil nur durch gute Impfzahlen kann man das Virus dauerhaft zurückdrängen

Hajo Zeeb, Bremer Epidemiologe
Auch die Schnelltests bieten mehr Sicherheit, gerade in Schulen und Universitäten, aber auch im Privaten. Es bleibt aber so, dass wenn wir hohe Zahlen haben, die Tests anschlagen und viele in Quarantäne gehen müssen. Dadurch können wir vorhandenen Fälle finden, die wir vorher vielleicht nicht oder erst später gefunden hätten. Das ist aber kein Gamechanger, der alles verändert und alles kontrolliert. Das ist aber eine neue Möglichkeit, die jetzt da ist.

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Autorin

  • Marike Deitschun Autorin

Dieses Thema im Programm: Der Tag, Freitag, 19. Februar 2020, 23:30 Uhr