Infografik

3 Gründe, warum die Corona-Zahlen in Bremen steigen

Daten zeigen, dass sich in Bremen gerade viele junge Menschen mit dem Coronavirus anstecken. Eindrucksvoll belegt eine andere Zahl, wie sehr sich das Verhalten geändert hat.

Junge Leute machen zusammen ein Handyfoto von sich, halten dabei keinen Abstand ein.
Die Zahl der Coronafälle in Bremen steigt wieder — vor allem unter jungen Menschen. Bild: Imago | Panthermedia

Wer durch Bremens Straßen läuft, dem bietet sich ein fast normales Bild: Menschen sitzen in und vor Cafès, Kinder sind auf dem Weg in die Schule und auch der Berufsverkehr rollt wie in Vor-Corona-Zeiten.

Doch seit einigen Tagen steigen die Zahlen der Menschen, die positiv auf das Coronavirus getestet werden, stark an. Bremen gehört unter den Großstädten aktuell zu den Corona-Hotspots (Stand 2. Oktober 2020). Nur Frankfurt steht schlechter da — mit 42 Coronafällen pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen (7-Tage-Inzidenz).

Warum steigen die gemeldeten Fälle in Bremen an? Ein Blick auf die Fakten.

1 Deutlich mehr Jüngere stecken sich an

Wie alt sind eigentlich diejenigen, die sich anstecken? Es sind vor allem junge Erwachsene. Das zeigen Daten des Gesundheitsamtes.

Demnach gibt es deutliche Veränderungen: Im kompletten Zeitraum von Beginn der Pandemie bis Ende September gehörten vier von zehn Coronafällen zu der Gruppe der unter 30-Jährigen. Betrachtet man aber einzig die Daten des Septembers, ohne die Vormonate, dann fällt eine klare Verschiebung auf. So lag der Anteil der unter 30-Jährigen im September bereits bei 57 Prozent. Das bedeutet also, dass mehr als jede zweite Infektion in Bremen im Altersspektrum bis 30 liegt. Das ändert die Dynamik der Pandemie.

Woran liegt das? Lukas Fuhrmann, Sprecher der Gesundheitsbehörde, erklärt es mit der größeren Mobilität der jungen Menschen im Alter zwischen 20 und 30. "Das ist eine Altersgruppe mit sehr vielen Kontakten. Sie treffen sich wieder mehr privat, im Fitnessstudio oder zum Feiern."

Im Übrigen ist dies keine Besonderheit in Pandemiezeiten, wie wissenschaftliche Studien belegen. Es gehört zum typischen Verhalten junger Erwachsener. Diese Treffen sind jetzt allerdings jedes Mal eine potenzielle Gefahr, sich anzustecken.

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2 Orte der Ansteckung sind nicht bekannt

Eine der wichtigsten Maßnahmen, um die Virusverbreitung einzudämmen, ist das Durchbrechen von Infektionsketten. Da steht Bremen derzeit vor einem Problem, denn die Übertragung in der Bevölkerung hat zugenommen, ohne dass die Menschen wissen, wo sie sich angesteckt haben könnten (Community Transmission).

War es die Geburtstagsfeier, im Supermarkt, im Bus oder bei der Arbeit? Nach den Daten des Gesundheitsressorts ist in mehr als jedem zweiten Fall nicht klar, wo und von wem das Virus übertragen wurde. Da viele Menschen, gerade auch jüngere, keine oder nur schwache Symptome entwickeln, kann sich das Coronavirus teilweise unbemerkt weiter in der Bevölkerung ausbreiten.

In der Anfangsphase konnten die Infektionsketten noch besser durchbrochen werden, weil es vor allem lokal begrenzte Ausbruchsgeschehen gab. Dazu gehörten die sogenannten Cluster in Pflegeheimen oder in der Flüchtlingsunterkunft.

Die Ansteckungen werden auch nach Einschätzung des Bremer Epidemiologen Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut nicht mehr primär durch Cluster getrieben. Er vermutet ein Zusammentreffen von Fällen von Reiserückkehrern auf die nach wie vor in der Bevölkerung vorhandenen Infektionen und spricht von Perkolation. Mit diesem physikalischen Modell beschreiben Epidemiologen eine Art "Durchsickern".

Der Berliner Virologe Christian Drosten erklärte dieses Phänomen im NDR-Podcast anhand eines Kaffeefilters. Wenn man das Kaffeepulver nach und nach mit Wasser benetzt, passiert zunächst nichts. Es kommt kein Tropfen Kaffee heraus. Erst wenn das komplette Pulver feucht ist, bahnt sich der Kaffee seinen Weg. Für jeden Tropfen, den man dann dazu gibt, kommt ein Tropfen Kaffee heraus.

Für Zeeb geht es jetzt vor allem darum, den Schutz von Risikogruppen hoch zu halten.

3 Schwierige Kontaktnachverfolgung

"Wir sind an der Grenze", so deutlich sagt es Lukas Fuhrmann. Damit meint er die Arbeit der Containment-Scouts, also derjenigen Mitarbeiter in den Gesundheitsämtern, die herausfinden, zu wem Infizierte Kontakt hatten. Deren Arbeit ist inzwischen deutlich aufwendiger, weil die Kontaktzahlen extrem nach oben geschnellt sind.

Daten des Gesundheitsamtes zeigen, dass es fast eine Verzehnfachung der Kontaktpersonen der Kategorie 1 (Quarantäne-Pflicht) von Juli bis September gegeben hat. Im Juli mussten die Corona-Detektive 262 Kontaktpersonen abtelefonieren. Im September waren es 2.049. Zwar sind auch die Fallzahlen der Coronafälle gestiegen, aber nicht so extrem wie die Zahl der Kontaktpersonen. Die Bremerinnen und Bremer treffen sich also wieder deutlich mehr und/oder mit mehr Menschen als noch vor wenigen Monaten.

Das bedeutet einen extrem großen Aufwand für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Gesundheitsamt, wenn sie versuchen, alle Kontaktpersonen ausfindig zu machen, um sie zu informieren. Sie stoßen mittlerweile an Grenzen. Das Nachverfolgen und damit Durchbrechen gehört aber mit zu den wichtigsten Eindämmungsmaßnahmen. Gelingt dies nicht mehr, kann sich das Virus noch leichter verbreiten.

Die Arbeit im Gesundheitsamt wird noch zusätzlich erschwert, weil viele nach Aussagen von Fuhrmann nicht einmal mehr die Kontaktpersonen benennen können, unleserlich schreiben oder gar keine Angaben machen. Das gilt unter anderem für private Feiern.

Wenn ich jetzt aber jemanden habe, der Micky Maus auf einen Zettel schreibt, habe ich natürlich ein Problem. Das heißt ganz klar: 'Mich interessieren eure Vorschriften eigentlich überhaupt nicht.' Und das ist eine Haltung, mit der wir nicht gut leben können.

Claudia Bernhard (Linke), Gesundheitssenatorin im Interview mit buten un binnen

Zu viele Corona-Infektionen: Wie kann Bremen reagieren?

Video vom 1. Oktober 2020
Die Bremer Senatorin Claudia Bernhard im buten un binnen Studio.
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Thorsten Reinhold Redakteur und Moderator und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 19:30 Uhr, 2. Oktober 2020