Warum sinken in Bremen die Corona-Neuinfektionen so langsam?

Der Trend bundesweit ist erfreulich. Die Zahl der Coronainfektionen geht fast überall zurück. Nur Bremen hat keine eindeutige Tendenz nach unten.

Mitarbeiter des Roten Kreuzes nimmt mit einem Stäbchen einen Abstrich bei Personen mit Erkrankungsverdacht auf den Coronavirus. (Archivbild)
Bremen testet deutlich mehr auf Corona als Berlin, aber auch deutlich weniger als Hamburg. Bild: Imago | Eibner Europa

"Wir können das Infektionsgeschen weiter beherrschen", sagt Lukas Fuhrmann, Sprecher der Gesundheitsbehörde. Ein Satz, der zunächst einmal beruhigt. Er spricht sogar von einer "quasi idealtypischen Kurve für Bremen". Fuhrmann meint damit, dass es in Bremen nie einen wirklichen Peak der Coronafälle gab wie zum Beispiel in Hamburg oder Berlin. Das zeigt die nachfolgende Grafik.

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"Einen rasanten Anstieg wie in Hamburg im März konnten wir verhindern." So beschreibt Fuhrmann die Entwicklung der Fallzahlen zu Beginn der Epidemie. Es bleibt aber die Frage: Warum gab es in Bremen in den vergangenen Wochen deutlich mehr Neuinfektionen als in anderen Bundesländern? Spoiler: Es gibt keine wirklich eindeutige Erklärung, aber Hinweise, woran es liegen könnte.

Der Befund der Infektionszahlen ist jedenfalls eindeutig: Bremen steht bei verschiedenen Corona-Kennwerten inzwischen nicht mehr so gut da wie zu Beginn der Epidemie. Ein wirklicher Abwärtstrend ist nicht zu erkennen, auch wenn es immer mal wieder Tage mit sehr wenigen Neuinfektionen gibt. Dies ist oft montags der Fall, weil am Wochenende weniger Coronatests gemacht werden.

Bremen hat deutlich mehr Neuinfektionen als Hamburg und Berlin

Bei den Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner pro Tag ist Bremen im Bundesländervergleich negativer Spitzenreiter. Hier gibt es im Schnitt die meisten neuen Coronafälle. Ein Vergleich zu Flächenländern wie Niedersachsen ist dabei wenig hilfreich. Stattdessen lohnt sich ein Blick auf die Stadtstaaten: Hamburg hatte in den vergangenen sieben Tagen durchschnittlich gerade einmal 1,7 Neuinfektionen pro Tag, Berlin 5,1 und Bremen 13,4 (Stand: 25. Mai 11 Uhr).

Die Zahl der Infizierten verdoppelt sich in Bremen am schnellsten. Das bedeutet: In den anderen Bundesländern ist das Infektionsgeschehen inzwischen deutlich stärker abgebremst. Bei den Fallzahlen pro 100.000 Einwohner hat Bremen mittlerweile Berlin überholt.

Testet Bremen besonders viel und findet deswegen auch mehr Infizierte?

Wer viel testet, findet auch viel. Ist das die Erklärung? Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) jedenfalls verweist darauf, dass Bremen bei der Zahl der Tests deutlich über dem Bundesdurchschnitt liegt. Ein richtiger Hinweis.

Richtig ist aber auch, dass Hamburg deutlich mehr testet als Bremen. Zuletzt hat Hamburg mehr als 220 Tests pro 100.000 Einwohner pro Tag durchgeführt. In Bremen sind es nur halb so viele. Folgt man der Logik, wer viel testet, findet viel, dann müsste Hamburg auch deutlich mehr positive Coronafälle haben. So ist es aber nicht.

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Corona-Brennpunkte könnten die Ursache für die höheren Neuinfektionen sein

In Bremen ist ein Großteil der Ausbrüche mit Coronainfektionen auf sogenannte Cluster zurückzuführen. Technisch ist damit ein Netzwerk gemeint, dessen Akteure zueinander in Verbindung stehen. Gemeint sind Situationen, in denen viele Menschen an einem Ort sind, und das Virus leichtes Spiel hat. Konkret waren diese Hotspots in Bremen eine Flüchtlingsunterkunft, DHL-Verteilzentren und auch Pflegeheime.

In anderen Bundesländern ist gerade die Fleischindustrie zu Corona-Brennpunkten geworden. In Flächenländern machen sich solche Ausbrüche in den Statistiken nicht so stark bemerkbar. Bremen hat dagegen insgesamt kleine Fallzahlen. Gibt es Infizierte in so einem Cluster, folgen in der Regel weitere. "Da kann es in der Statistik schnell einen Ausschlag nach oben geben", erklärt der Bremer Epidemiologe Hajo Zeeb. "Woanders fällt solch ein Cluster nicht besonders auf."

Hamburg ohne Cluster, Berlin schweigt

Auch die Bremer Gesundheitsbehörde sieht darin eine mögliche Erklärung für die höheren Fallzahlen. "Wir testen klar anlassbezogen und entdecken dadurch natürlich auch immer mehr Fälle", erklärt Lukas Fuhrmann. Das führe auch zu einer hohen Trefferquote.

Verstärkt wird dieser Ansatz durch die Tatsache, dass Hamburg nach eigenen Angaben solche lokalen Ausbruchsgeschehen nicht hat. "Es gibt bei uns aktuell keine Cluster", sagt Dennis Krämer von der Gesundheitsbehörde auf Nachfrage von buten un binnen. Die Berliner Gesundheitsbehörde wollte sich zu Corona-Brennpunkten nicht äußern.

Die Suche nach der Ursache ist schwierig, auch für die Bremer Politik. Gibt es keinen starken Anstieg der Fälle, dürfte sich der Senat in seinem Krisenmanagement bestätigt sehen. Die Behörde von Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Die Linke) jedenfalls hält die bisherige Strategie für "durchaus erfolgreich".

Experte rät: Frühzeitig testen und so Corona-Hotspots schneller finden

Video vom 20. Mai 2020
Gesundheitsexperte Hans-Georg Güse im Studio von buten un binnen.
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Thorsten Reinhold Redakteur und Moderator und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 25. Mai 2020, 19:30 Uhr