Inzidenzwert ade? So sorgen Corona-Mutanten für neue Bremer Richtwerte

Lange war ein Inzidenzwert von 50 Bremens Ziel. Fast hat die Stadt es erreicht. Trotzdem ändert sich nun nichts. Wie sich Ziele und Richtwerte in der Seuche verschieben.

Video vom 11. Februar 2021
Ein Schild mit dem neuen Inzidenzwert von 35 vor einem geschlossenem Laden.
Bild: Radio Bremen

Wenn es gut läuft, wird es nicht mehr lang dauern. Dann könnte die 7-Tage-Inzidenz für die Stadt Bremen unter 50 rutschen. Das hieße: Binnen der dann zurückliegenden sieben Tage hätten sich weniger als 50 Personen pro 100.000 Einwohner neu mit dem Coronavirus infiziert.

Monatelang galt ein Inzidenzwert unterhalb der 50 als magisches Ziel. Denn bei einem solchen Wert, so der ursprüngliche Gedanke, wäre es den Gesundheitsämtern grundsätzlich möglich, die Kontaktpersonen Neuinfizierter nahezu lückenlos nachzuverfolgen. Man könnte die betreffenden Personen warnen und so eventuell weitere Ansteckungen verhindern. Der Politik diente die 7-Tage-Inzidenz von 50 daher über Monate als Referenzgröße, bei deren Unterschreiten Corona-Schutzmaßnahmen gelockert und bei deren Überschreiten die Schutzmaßnahmen verstärkt werden könnten.

Doch damit ist nun offenbar Schluss. Ausgerechnet jetzt, da sich zumindest die Stadt Bremen erstmals seit Anfang Oktober wieder dem Inzidenzwert 50 nähert, hat sich die Betrachtungsweise der pandemischen Lage weithin verändert. Der Hauptgrund: Mutationen des Coronavirus breiten sich in Deutschland aus, insbesondere die so genannte Variante B.1.1.7. Sie hat in Großbritannien bereits für Angst und Schrecken gesorgt. Denn diese Mutation ist Schätzungen zufolge um etwa 30 bis 50 Prozent ansteckender als Covid-19 in seiner bei uns bislang verbreiteten Form.

Britische Mutante sorgt für geschlossene Läden

Leere Bremer Innenstadt während des Corona-Lockdowns
Weil eine ansteckende Covid-19-Mutante grassiert, werden Bremens Geschäfte wohl noch länger geschlossen bleiben. Bild: Imago | Chris Emil Janßen

Einem Bericht des Robert-Koch-Instituts vom 10. Februar zufolge lag der Anteil dieser Mutante an den Neuinfektionen mit Covid-19 in Deutschland zuletzt bei knapp sechs Prozent. Allerdings sei aufgrund der Erfahrungen aus anderen Ländern damit zu rechnen, dass sie sich auch in Deutschland schnell weiterverbreiten werde. Um die Verbreitung nachvollziehen zu können, plant das Robert-Koch-Institut derzeit so genannte Ad-hoc-Erhebungen zu den Corona-Mutationen im 14-Tage-Rhythmus.

Wie das Bundesinstitut, so gehen auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Länderchefs davon aus, dass sich die "Variant of Concern" schnell bei uns weiterverbreiten wird. Auch deshalb haben sie am Mittwoch beschlossen, den Lockdown bis mindestens zum 7. März zu verlängern – trotz tendenziell sinkender 7-Tage-Inzidenzwerte in Deutschland. Gleichzeitig haben sie einen niedrigeren Inzidenzwert als neue Referenzgröße für Lockerungen eingeführt: 35 heißt die neue 50. So dürfen die meisten Geschäfte erst wieder öffnen, wenn sich innerhalb von sieben Tagen weniger als 35 Personen pro 100.000 Einwohner mit dem Virus anstecken.

"Man braucht eine Matrix, um die Lage zu beurteilen"

Doch schon jetzt ist absehbar, dass es nicht dauerhaft bei dieser neuen Regelung bleiben wird. Generell scheint die 7-Tage-Inzidenz als maßgeblicher Indikator für das Infektionsgeschehen an Bedeutung zu verlieren. So sagt der Bremer Epidemiologe Hajo Zeeb: "Man braucht eine ganze Matrix, nicht nur einen Wert, um die pandemische Lage zu beurteilen."

Dazu müssten neben dem R-Wert, der anzeigt, wie viele weitere Menschen eine infizierte Person ansteckt, auch die Intensivkapazitäten und die Belegung der Krankenhäuser zählen sowie die Todeszahlen der Covid-Patienten. Verzichten möchte Zeeb auf die 7-Tage-Inzidenz als Indikator der pandemischen Lage allerdings nicht – im Gegenteil: Der Epidemiologe fände es sinnvoll, die Inzidenzwerte zusätzlich altersspezifisch zu betrachten. Denn auf diese Weise ließen sich etwa Erkenntnisse darüber gewinnen, wo Infektionen stattfänden, und wen sie in welcher Weise träfen.

Mutationen-Monitoring vonnöten

Überlastete Ärztin sitzt übermüdet in Flur einer Klinik in der Pause. (Symbolbild)
Auch, damit das Klinikpersonal nicht dauerhaft überlastet wird, gelten die Belegungen der Intensivstationen mit Corona-Patienten Experten als wichtige Kennzahlen. Bild: DPA | Zoonar | Robert Kneschke

Wie Zeeb, so möchte auch der Bremer Virologe Andreas Dotzauer die 7-Tage-Inzidenz als einen von mehreren Indikatoren zur Analyse der pandemischen Lage nicht missen. "Über sieben Tage ermittelt, berücksichtigt der Wert immerhin Tendenzen", hebt der Virologe einen wesentlichen Vorzug der 7-Tage-Inzidenz gegenüber anderen Kennzahlen hervor. Zu den Nachteilen zähle allerdings, dass der Wert nichts über die Dynamik des Infektionsgeschehens aussage. Dass aber das Infektionsgeschehen durch Mutationen von Covid-19 erheblich an Dynamik gewinnen wird – davon sind Dotzauer und Zeeb gleichermaßen überzeugt. "Wir müssen ganz schnell ein besseres Mutationen-Monitoring in Deutschland aufbauen", sagt Zeeb. Das sei dringend erforderlich, um verlässliche Aussagen über die Pandemie treffen zu können.

Mit dieser Meinung steht der Epidemiologe nicht allein da. Der Klinische Pharmazeut Thorsten Lehr hat an der Universität des Saarlandes federführend einen Simulator zur Vorhersage des Pandemie-Verlaufs entwickelt. Noch im Dezember reklamierte Lehr für sich, dass er mithilfe dieses Simulators, dem viele Daten und mathematische Formeln zugrunde liegen, den Fortgang der Seuche auf zwei bis vier Wochen im Voraus relativ genau vorhersagen könne. Die Ergebnisse gaben ihm weitgehend recht. "Der R-Wert und die 7-Tage-Inzidenz waren für mich dabei bislang die vielleicht wichtigsten Kennzahlen", sagt er dazu.

Auch weiterhin blieben diese Werte wichtig, betont Lehr. Es seien jedoch weitere Faktoren hinzugekommen. Der Forscher möchte sich heute nicht mehr darauf festlegen lassen, über welchen Zeitraum er den weiteren Verlauf der Pandemie mit seinem Covid-Simulator vorhersagen kann. Dazu fehlten ihm insbesondere Daten zu den Mutationen.

"Das kommt in zwei bis vier Wochen"

Thorsten Lehr
Kennt sich mit Corona-Kennzahlen bestens aus: Thorsten Lehr, Erfinder des Covid-Simulators. Bild: Universität des Saarlandes | Pasquale D'Angiolillo

Zwar glaubt Lehr, dass sich selbst die britische Mutation des Virus bislang kaum auf die Verbreitung von Covid-19 in Deutschland ausgewirkt hat. Er ist sich aber sicher, dass sich das demnächst ändern wird: "Das kommt in zwei bis vier Wochen, je nachdem, wie viel infektiöser die Mutante wirklich ist." Bereits im April könnte die britische Mutante auch in Deutschland vorherrschen. Längerfristige Vorhersagen für den weiteren Verlauf der Pandemie könnten dann noch schwieriger werden.

Allerdings auch aus einem erfreulichen Grund. Denn ab dem Frühjahr könnten neben den Mutationen des Virus auch die Corona-Impfungen allmählich zu statistisch relevanten Faktoren werden, glaubt Lehr. Das Ende der 7-Tage-Inzidenz als wesentliche Kennzahl zur Beschreibung der Pandemie sieht der Wissenschaftler deswegen aber nicht gekommen. Vielmehr müssten sich die Menschen in Deutschland demnächst voraussichtlich mit weiteren Kennzahlen zum Verständnis der Pandemie anfreunden, prognostiziert er.

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Video vom 11. Februar 2021
Bovenschulte mit maske
Bild: DPA | Sina Schuldt

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  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 11. Februar, 19.30 Uhr