Zwischen Glamour und Skandal: Cinema Ostertor feiert Jubiläum

Kein Popcorn, dafür Diskussionen mit dem Publikum – das ist das Bremer Cinema Ostertor. Deutschlands ältestes Programmkino hatte schon viele berühmte Besucher.

Ein Teil des Eingangsbereiches des Cinemas am Ostertor.

"Wir wollten ein neues Kino machen, ein neues Programm und Filme, die zum Nachdenken anregen", erzählte der mittlerweile verstorbene Mitgründer Gerd Settje vor zehn Jahren bei buten un binnen zum 40. Geburtstag seines Kinos. Im Cinema Ostertor sollten Alternativen zu aus seiner Sicht schlechten Filmen gezeigt werden. In Zeiten eines größeren Kinosterbens gehörte auch viel Mut dazu ein Programmkino zu eröffnen.

Cinema als Raum für Kommunikation – damals wie heute

Ein vergilbter Anschlag aus dem Jahr 1969 gibt das Programm zur Eröffnung des Cinema wieder.
Etwas vergilbt, aber noch erhalten: Das Programm zur Eröffnung aus dem Jahr 1969. Bild: Cinema Ostertor | Thomas Settje

Zunächst als Versuch zeigten die sieben Gründer ganz zu Beginn Filme von Andy Warhol. Das lief gut, deshalb übernahmen sie die "Kammer-Lichtspiele" – so der Name des Vorgänger-Kinos – gleich ganz. Anspruchsvoll und politisch engagiert sollte das Programm sein. Zur Eröffnung lief "Die Chronik der Anna Magdalena Bach". "Das war ein sehr trocken gedrehter Musikfilm", erinnerte sich Settje senior, "und nur spärlich besucht".

Das Cinema sollte immer auch ein Raum für Kommunikation sein – und ist es noch heute. Vor allem zu experimentellen Streifen luden die Gründer auch gern die Regisseure ein. Und dann wurde mitunter auch kontrovers mit dem Publikum über die Filme diskutiert.

Die Liste der prominenten Gäste und bekannten Filme ist lang: Der Regisseur Rosa von Praunheim kam zu Besuch, der Regisseur Frank Ripplo mit seinem Film "Taxi zum Klo", Regisseur Percy Adlon und Schauspielerin Marianne Sägebrecht waren im Cinema, als dort "Out of Rosenheim" lief. In jüngerer Zeit gaben sich die Geschwister Anna und Dietrich Brüggemann sowie Benno Fürmann die Ehre. Zu den Highlights zählt Thomas Settje, der das Cinema heute mit seiner Frau Helena und seiner Schwester Andrea leitet, die Filmnächte in den 80er Jahren in Kombination mit den Western, die damals gezeigt wurden. Bei der "Rocky Horror Picture Show" habe das Publikum mitgetanzt, da sei Partystimmung im Kinosaal gewesen.

Proteste gegen Filme mit barbusigen Frauen und Neonazis

Aber auch Skandale, vor allem in den ersten Jahrzehnten, blieben nicht aus. Umstrittene Filme wie Russ Meyer's "Mudhoney" oder ein Dokumentarfilm über einen Neonazi lösten große Proteste aus. Mehr dazu auch oben in unserer Bildergalerie.

"Vieles, was für die damalige Zeit ungehörig war, ist heute eigentlich ein Witz", sagt Thomas Settje rückblickend. Nichtsdestotrotz versuchen er, seine Frau und seine Schwester immer noch stadtteilpolitisch aktiv zu sein. Dazu zählt, Filmvorschläge aufzunehmen und weiterhin Filme von unbekannteren Regisseuren zu zeigen, also klassisches Programmkino zu machen.

Ein Mann und eine Frau lächeln vor einem alten Filmprojektor.
Thomas Settje führt das Cinema mit seiner Frau Helena und seiner Schwester Andrea (nicht im Bild) gemeinsam.

Um ein anspruchsvolles Programm bieten zu können, schauen sich die Betreiber des Cinema Hunderte Filme an. Die Auswahl ist offenbar so gut, dass das Kino zahlreiche Preise sammelt. Thomas Settje weiß von seinem Vater, dass die Gründung des Cinema ein großes Wagnis war. "Keiner hat uns mehr als ein oder zwei Jahre gegeben." Nun sind es 50 Jahre geworden. Mit Sekt wird auf das Jubiläum angestoßen.

Auch das Programm am Geburtstag ist ganz in der Tradition des Programmkinos: Zunächst wird mit "2040 – Wir retten die Welt" ein Film gezeigt, der sich mit der Zukunft der Erde angesichts von Klimawandel und Umweltzerstörung auseinandersetzt (15.15 Uhr). Es folgt ein Dokumentarfilm über den argentinischen Komponisten Astor Piazolla (17 Uhr). Anschließend läuft "Smuggling Hendrix" von Marios Piperides (18.45 Uhr). Der Regisseur ist selbst da, um seinen Film vorzustellen und mit dem Publikum darüber zu diskutieren. Und zum guten Schluss kommt "Happy Ending", eine Geschichte, in der es um eine Trennung nach fast 50 Ehejahren geht (20:45 Uhr). Bezeichnend fürs Cinema soll das nicht sein, da heißt es eher: Fortsetzung folgt.

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Autor

  • Sven Weingärtner

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 7. November 2019, 19:30 Uhr