Warum ein Künstler den Osterdeich zum Wohnzimmer umgestaltet

Per "Guerilla Banking" will der Künstler Christian Wiencke Bremer ins Gespräch bringen. Er verrät, wie dies schon zu überraschenden Erkenntnissen geführt hat.

Eine Bank aus Paletten gebaut, am Weserdeich stehend.

Fünfmal fünf Sperrholzbänke samt Tisch werden ab diesem Wochenende den Osterdeich zieren. Das Projekt trägt den Namen "Guerilla Banking". Durch die Sitzgelegenheiten solle ein zufälliger und ungezwungener Bürgerdialog entstehen, sagt der Künstler Christian Wiencke. Denn der komme in unserer Gesellschaft zu kurz. Jeder stecke in seinem Berufsumfeld und in seinem Freundeskreis. "Aber tauschen wir uns wirklich einmal mit anderen Menschen über Themen, die alle betreffen, aus? Nein!"

Die Idee zur Aktion kam dem Ottersberger auf der Seebrücke-Demonstration in Bremen, wo er gemeinsam mit mehr als 1.000 Menschen für eine andere Flüchtlingspolitik demonstrierte.

Damals habe er das Gefühl gehabt, ein Dialog sei auf anderem Wege besser zu erreichen als mit einer Demo. "Als wir durch die Stadt gelaufen sind, kam ich schließlich auf die Idee, das in ein Kunstprojekt münden zu lassen", sagt der 46-Jährige. Ein Projekt, dessen Ausgangspunkt das Ertrinken von Flüchtlingen im Mittelmeer sein sollte.

Nicht nur Flüchtlingsthemen stehen im Mittelpunkt

Dass es allerdings nicht nur um Flüchtlingsthemen gehen muss, zeigte sich schon am Montag dieser Woche. Da hatte der Künstler bereits ein paar Sperrholzbänke samt Tisch am Weserdeich aufgebaut. "Das war ein unglaublich fantastischer Abend", sagt er, lächelt und erzählt dann von der Begegnung mit einem reichen Ehepaar. Die hätten das Projekt und die Sitzgelegenheit sehr gelobt. Dann habe sich ein Obdachloser dazugesetzt – mit den Worten: "Ich bin hier der Chefpenner." Nachdem dieser von Wiencke zu einer Flasche Wasser eingeladen worden sei, habe er noch "seinen Lehrling" gerufen – einen erst vor drei Wochen obdachlos gewordenen jungen Mann, den er unter seine Fittiche genommen habe.

Als die Stimmung aufgetaut sei, habe die Frau schließlich gesagt, sie gebe Obdachlosen kein Geld, weil sie nicht deren Faulheit fördern wolle. "Ja, das kenne ich", habe der Obdachlose da geantwortet. Er sei auch einmal oben gewesen. Er kenne das Leben jetzt aus beiden Perspektiven. Und er könne ganz offen sagen: "Faulheit ist wirklich in den allerseltensten Fällen der Grund, warum sich jemand nicht mehr um sich selbst kümmert." Es seien vielmehr Schicksalsschläge oder Sucht, die Menschen in die Obdachlosigkeit treiben.

Darum geht es hier bei dem Projekt, dass man sich auf Augenhöhe begegnet.

Christian Wiencke, Initiator des Kunstprojekts "Guerilla Banking"

700 Euro hat Wiencke in das Projekt gesteckt – und dafür auf seinen Urlaub verzichtet. Die "Guerilla-Bänke" werden wohl mindestens bis Dienstag am Osterdeich stehen. Wenn die Behörden mitspielen, könnte die soziale Kunstaktion bis Ende September verlängert werden. Danach sollen die Möbel versteigert werden.

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  • Kristian Klooß

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 7. September 2018, 19:30 Uhr