"Kunst bis zum Ende" schmückt Bremer Coca-Cola-Fabrik vor dem Abriss

Sie war schon abgesagt. Seit Mittwoch aber steht fest: Die Streetart-Schau in Hemelingen darf doch stattfinden: als Spaziergang für Wenige. Es lohnt sich, einer von ihnen zu sein.

Kunst auf dem ehemaligen Coca-Cola-Areal in Hemelingen
Die Bremerin Jana Kertesz arbeitet an einer Kunstmappe. An den großen Flächen auf dem ehemaligen Coca-Cola-Areal in Hemelingen probiert sie sich aus. Bild: Radio Bremen | Alexander Schnackenburg

Ob die Schlange im Garten Eden, die Frauen "gegen das Mackertum" oder die krumme Mauer, die aus einer Wand zu wachsen scheint: Kaum gesprüht, gemalt oder installiert, werden sie wieder verschwinden, der Abrissbirne weichen. Wohnraum soll auf dem einstigen Coca-Cola-Gelände in Hemelingen entstehen.

Dennoch bleibt den Kunstwerken der Ausstellung "DiscART – Kunst bis zum Ende" das ganz große Schicksal nun erspart: unbesehen abgerissen zu werden. Hieß es zunächst aufgrund der Bürgerschafts-Sondersitzung von Montag, dass die Ausstellung wegen der Corona-Pandemie nicht für Publikum geöffnet werden dürfe, so hat das Ordnungsamt gestern einem abgespeckten Konzept der Veranstalter doch noch zugestimmt: Die Schau darf als "Spaziergang" für maximal 100 Personen auf dem Gelände stattfinden: von Freitag, 4., bis Sonntag, 6.Dezember, jeweils von 10 bis 19 Uhr.

Die Freude unter den über 100 beteiligten, vorwiegend jungen Künstlerinnen und Künstler ist groß: "Das ist natürlich fantastisch! Wie schön, dass sich die Leute nun doch alles angucken dürfen", sagt Andreas Friedrich, einer der Veranstalter. Ausschlaggebend für die Entscheidung des Ordnungsamts sei das geringe Infektionsrisiko auf dem rund 10.000 Quadratmeter großen Außengelände der einstigen Cola-Fabrik gewesen. Zudem sei ein Spaziergang zwischen den Kunstwerken nicht mit konventionellen Open-Air-Veranstaltungen vergleichbar. "DiscART light", wie Andreas das abgespeckte Konzept nennt , verzichtet auf begleitende Programmpunkte.

"Traumhaft für Streetart"

Kunst auf dem ehemaligen Coca-Cola-Areal in Hemelingen
Freund der Schlange: Der freischaffende Künstler Niklas Schwede hat sich drei Monate gründlich auf dem einstigen Coca-Cola-Gelände ausgetobt. Bild: Radio Bremen | Alexander Schnackenburg

Andreas, Student der Freizeitwissenschaft, hat die "Kunst bis zum Ende" gemeinsam mit der Politik-Studentin Marlene Kaiser initiiert. "Ich finde es toll, dass wir dieses riesige Areal bis zum Abriss sinnvoll nutzen", erklärt Marlene, worin in ihren Augen der besondere Charme des Unterfangens liegt. "Traumhaft für Streetart" seien die Gegebenheiten, schon wegen der 10.000 Quadratmetern Fläche.

Mit dieser Einschätzung steht sie nicht allein da. "Ich bin mir nicht sicher, ob es in Bremen so ein Projekt mit urbaner Kunst überhaupt schon mal in der Größenordnung gegeben hat", sagt Niklas Schwede, einer der Künstler. Niklas malt Leinwände, erstellt Siebdrucke, fertigt Tattoos und arbeitet mit der Spraydose. Durch die "Kunst bis zum Ende" habe er in den vergangenen fünf Wochen so viele unterschiedliche Kreative an einem Ort erlebt, wie vielleicht nie zuvor. Das sei sehr bereichernd gewesen.

Freiraum zum Austoben

"Man kann sich hier total austoben", schwärmt auch Miriam Svitek. Die junge Künstlerin hat in einem mehrere Quadratmeter großen Wandbild Figuren des norwegischen Malers Edvard Munchs vor den brennenden Bremer Dom und ein Riesenrad gerückt: "Ich habe noch nie auf einer so großen Fläche gearbeitet, ich hatte noch nie so viel Freiraum", freut sie sich.

Der Freiraum auf dem einstigen Coca-Cola-Gelände ist es auch, den Jana Kertesz dort besonders schätzen gelernt hat. Auf einer Leinwand an einem Hallentor malt sie mit einem Pinsel Figuren. Die Umrisse dazu wirft ein Beamer an die Wand. Jana arbeitet an einer Kunstmappe, mit deren Hilfe sie sich eventuell an einer Kunsthochschule bewerben möchte. "Ich finde einfach schön, dass man hier so viele Bereiche der Kunst kennenlernt", sagt sie.

Fortsetzung im März?

Zwar werden die meisten Werke auf dem einstigen Coca-Cola-Gelände wohl schon im Laufe dieses Monats abgerissen. Dennoch wollen die Kreativen in Hemelingen dem Publikum demnächst weitere Ausstellungsstücke präsentieren – jene Figuren, Installationen und Bilder, die in einer großen Halle auf dem Gelände entstanden sind, in einer Halle, deren Abriss noch nicht unmittelbar bevorsteht.

Im März, so Andreas Friedrich, hoffe man, zur Eröffnung laden zu können. Später darf es allerdings nicht werden. Denn dann droht auch der Halle die Abrissbirne.

Geheimnisvoller Künstler meldet sich mit Kunstinszenierung zurück

Video vom 9. November 2020
Im Vordergrund wird eine Maske hochgehalten, im Hintergrund volle Regale eines Einkaufsladens.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 4. Dezember, 19.30 Uhr