Darum wollten viele Bremer die Stadtmusikanten erst nicht haben

Als die Bronzeplastik vor 65 Jahren neben dem Rathaus aufgestellt wurde, sorgte sie für Streit – und wurde trotzdem zum Wahrzeichen der Stadt.

Bremer Stadtmusikanten neben dem Rathaus
Manchem Bremer war zunächst die Gruppe nicht bewegt und lustig genug. Bild: LIS Zentrum für Medien | Wilhelm Kuhlmann

"Wat de Buur nich kennt, dat frett he nich", sagt man in Bremen. Für Zugezogene: Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht. Und so ging es auch Gerhard Marcks mit seinen Bremer Stadtmusikanten, die am 30. September 1953 in Bremen aufgestellt wurden. Zu modern, nicht repräsentativ und nicht witzig genug, befand man in Bremen. Und dann der Standort: Strecken Esel, Hund, Katze und Hahn dem Rathaus doch tatsächlich ihren Allerwertesten entgegen. Taktlos! Umdrehen? Nö! Das Rathaus würde zur Räuberhöhle. Und dann die Größe: Viel zu klein, die Tiere, gerade mal zwei Meter hoch. Findet doch keiner. Denn die Bremer Stadtmusikanten stehen leicht versteckt am Westportal des Rathauses.

Gerhard Marcks in seinem Atelier
Gerhard Marcks' formale Strenge und zurückhaltende Stilisierung der Figuren hat sicher dazu beigetragen, dass sie zum heimlichen Wahrzeichen Bremens wurden. Bild: DPA | Bertram

In den Jahren 1951/52 hat Gerhard Marcks sie in Bronze gegossen. Bevor sie nach Bremen kamen, standen sie in Hamburg, in der Kunsthalle und davor im niederländischen Arnheim neben anderen weltberühmten Kunstwerken – wie Rodins "Bürger von Calais" oder Renoirs "Venus".

Aber Bremen nörgelt. So fragt sich der hiesige Vorsitzende einer Vereinigung für Stadtbildgestaltung, wie man "der Bremer Bevölkerung und den unsere Stadt besuchenden Gästen das Gebilde des Bildhauers Marcks zumuten kann?" Das sei einfach unbegreiflich. Er sieht das Volksempfinden gestört. Die Skulptur sei viel zu wirklichkeitsfern.

Aber ist ja auch Kunst. Sicher hätte Marcks auch anders gekonnt. Bereits als Kind setzte er sich im Berliner Zoo mit der Anatomie von Tieren auseinander. Später verfeinerte er seine Studien mit einem befreundeten Bildhauer.

Wir haben irrsinnig viel Anatomie getrieben, tote Hunde, tote Katzen und tote Affen seziert. Also, da konnte uns keiner was vormachen.

Gerhardt Marcks, Bildhauer
Bremer Stadtmusikanten und Marktplatz
Für Touristen gehören sie zum obligatorischen Besichtigungsprogramm. Gern wird dabei erzählt, wenn man die Vorderbeine des Esels anfasse, gehe ein Wunsch in Erfüllung. Bild: LIS Zentrum für Medien | Hinrich Meyer

Der Bildhauer Marcks war ein Autodidakt. Von den Nationalsozialisten als "entarteter Künstler" erniedrigt. Nach dem Zweiten Weltkrieg steigt sein Ansehen und damit auch der Wert seines Schaffens. Für die Bremer Stadtmusikanten will Gerhard Marcks 20.000 Mark – ein Schnäppchen. Aber: Der Bremer Künstlerbund will einfach nicht anbeißen. Denn so eine Plastik könne auch von einem bremischen Künstler geschaffen werden. Von denen böten mehrere, "in Motivbehandlung wie auch in der materialgerechten Ausführung, Gewähr für eine hohen Ansprüchen genügende Darstellung".

Die Marcks'schen Stadtmusikanten kamen schließlich zur Probe nach Bremen. Zwei Jahre dauerte es, bis der Verkehrsverein die geforderte Summe mit Spendengeldern aufbringen konnte. Und trotz der anfänglichen Nörgeleien blieben sie. Zweitgüsse der Plastik stehen an der Harvard-University in Cambridge und in Milwaukee.

Autor

  • Jens Schellhass

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 30. September 2018, Bremen Eins am Sonntagvormittag, 8:20 Uhr