Altbremer Häuser: Früher sozialer Wohnungsbau, heute Millionen-Rarität

Das macht das typische Altbremer Haus so einzigartig

Video vom 4. Mai 2021
Mehrere Altbremer Reihenhäuser in Bremen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Imago | Angerer

Altbremer Häuser werden Bremens Ansehen als wohnliche Großstadt fördern, prophezeite der Architekt Müller-Menckens in den 90er Jahren. Heute sind sie beliebter denn je.

Birte, Ketut und ihr Sohn Wayan Artha haben ihr Bremer Haus in Findorf dieses Jahr gekauft. Und zwar nach langer Suche, denn die typischen Altbremer Häuser sind sehr beliebt. Nun hat die indonesisch-deutsche Familie begonnen, das Haus zu renovieren. Maskierte Freundinnen und Freunde hämmern und sägen, streichen und schleifen in dem weißen Reihenhaus in Findorff. Den alten Charme möchte die Familie gerne erhalten.

Die vielen alten Elemente waren uns auch wichtig. Die Holztreppe finden wir schön. Das was hier an alten Elementen ist, ist wirklich erhaltenswert

Birte Artha

Der 18-jährige Sohn Wayan hat es sich außerdem zur Aufgabe gemacht, die Geschichte dieser so beliebten Architekturform für eine Schularbeit zu erforschen. Seit Beginn der Renovierungen besuchte er regelmäßig das Staatsarchiv und wälzte sich durch die Akten.

Mich hat interessiert, ob unser Haus wirklich ein Bremer Haus ist, also aus dieser Zeit stammt.

Wayan Artha

"Ich habe mich mit der Geschichte des Bremer Hauses auseinandergesetzt. Also mit den geschichtlichen und den wirtschaftlichen Hintergründen", erzählt Wayan Artha. "Mich hat interessiert, ob unser Haus wirklich ein Bremer Haus ist, also aus dieser Zeit stammt." Aber was ist das eigentlich, das "Bremer Haus"? Und was macht es so besonders?

Schnell Wohnraum schaffen – trotzdem schön

Das Bremer Haus, wie Familie Artha jetzt eines bezieht, existiert seit dem 19. Jahrhundert. Mit Beginn der Industrialisierung und aus den Nähten platzenden Städten, wurde diese architektonische Sonderform in Bremen populär. Denn plötzlich gab es mehr Wohnbedarf für breitere Bevölkerungsschichten. Während 1826 noch knapp 50.000 Menschen in Bremen wohnten, stieg die Einwohnerzahl in knapp 90 Jahren auf 300.000.

Das sogenannte Bremer Haus ist mehr als etwas Gegenständliches: Es ist eine Idee, die Idee vom menschlichen und wirtschaftlichen Wohnen

Bremer Hochschullehrer und Architekt Gerhard Müller-Menckens

Das Ziel der Bremer Politik war: schnell viel Wohnraum schaffen. Aber schön sollte es trotzdem sein! Es ging darum, die Wohnverhältnisse der breiten Bevölkerungsschichten – und nicht nur die der wohlhabenderen Familien – zu verbessern. Dazu gehörte für die Bremer Stadtplanung im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch, dass keine sogenannten Mietskasernen entstehen sollten.

Kriminelles Treiben in den Hinterhöfen eindämmen

Bezahlbar und wohnlich sollten die Häuser sein – ohne licht- und luftlose Hinterhöfe. Daraus spricht auch der Wunsch der Bremer Politikerinnen und Politiker, kriminelles Treiben in uneinsichtigen Hinterhöfen und die "Proletarisierung" ganzer Stadtteile einzudämmen. Alle großen Häuser sollten dem Senat nach einen direkten Zugang zur Straße haben. Die Bebauung von Hinterhöfen wurde konsequent untersagt.

"Das Kleinhaus, das ein oder zwei Familien beherbergen konnte, wurde beliebt. So entstand auch das Findorffer Quartier um die Münchner Straße herum", erzählt Wayan Artha. "Ich konnte herausfinden, dass es Ende der zwanziger Jahre gebaut wurde. Da wurde das ganze Quartier hier neu gebaut für die Beamtenbaugesellschaft."

Zwischen den 1850er und 1930er Jahren erlebte das Kleinhaus in Bremen einen wahren Boom. Und das Erfolgsrezept funktionierte: 1929 kamen in Bremen circa 10 Personen auf ein Haus. In Berlin waren es zur selben Zeit 50. Die Stadt wuchs somit, anders als beispielsweise Berlin oder Hamburg, nicht in die Höhe – sondern in die Breite. Dabei wurden ganze Straßenzüge von einem Bauherren gebaut– aber von allen Bevölkerungsschichten bewohnt.

Günstiges Wohnen für alle

Ab den 1850ern wurden die Bremer Häuser mehrheitlich von Bauunternehmen gebaut und direkt nach Fertigstellung verkauft. Eigenkapital und Tilgung waren nicht gefordert, der Darlehenszins trat an die Stelle der Miete und so konnten sich selbst Arbeiter ein "Eigenheim" leisten. Die variable Größe und Höhe des Bremer Hauses tat ein Übriges. Familien von Handwerkern und Hafenarbeitern leisteten sich ein- oder zweistöckige Immobilien. Kapitäne und Kaufmannsfamilien ließen dreistöckige Altbremer Häuser bauen.

Das Wohnen in den eigenen vier Wänden hat in Bremen also Tradition. Die Wohneigentumsquote beträgt in der Hansestadt noch immer 38,5 % und liegt im Vergleich zu anderen deutschen Großstädten weit über dem Durchschnitt. Allerdings: die Preise steigen heute in schwindelerregende Höhen. In den meisten Stadtteilen stehen die Bremer Häuser kaum mehr zum Verkauf – der Immobilienmarkt ist ausgelaugt. Auch Familie Artha war beim Kauf stutzig geworden.

Wir waren entsetzt darüber, wie Omas Häuschen zu Gold gemacht werden soll, weil der Markt so erschöpft ist! Dass man eigentlich für ein richtig kleines Bremer Reihenhaus fast eine halbe Millionen ausgeben soll. Das kam uns absurd vor!

Birte Artha

Obwohl das Bremer Haus also einst als erschwingliche Alternative für die breite Bevölkerung gedacht war – heute ist es eine heiß begehrte Rarität.

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 4. Mai 2021, 19:30 Uhr