Ausflugstipp mit Geschichte: Besuchen Sie doch mal Bremens Dörfer

Eine Radtour an den Stadtrand, raus ins Grüne: Das geht immer. Aber kennen Sie die Orte, durch die Sie fahren? Wir erzählen Ihnen die Geschichte zum Ausflugsziel.

Die alte Schule von Mittelsbüren
Alte Gebäude, hier die alte Schule in Mittelsbüren, und romantischer Flair: Bremens ländliche Gebiete haben viel zu bieten. Bild: Radio Bremen

1 Die Dörfer, die man nicht mehr sieht

Schon auf dem Weg raus aus der Stadt, Richtung Stadtrand, bewegt man sich in Bremen entlang alter Dorfstraßen. Also theoretisch. Heute sieht man davon nichts mehr. Viele Bremer Stadtteile sind Jahrhunderte alt und waren einmal kleine, abgeschlossene Dörfer. Walle war so ein Dorf, oder Oslebshausen, Gröpelingen, Schwachhausen, Osterholz, Tenever, Arbergen, Hemelingen und viele andere.

Wie klein die Stadt Bremen noch vor etwas weniger als 300 Jahren war und wie viele Dörfer es rundherum gab, das zeigt eine alte Karte im Bremer Staatsarchiv von 1748. Johann Daniel Heinbach hat sie gezeichnet. "Die Explosion der Stadt beginnt erst mit der Industrialisierung, mit der Ausweitung des bremischen Handels in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dann wachsen die Stadtteile, die vorher Dörfer waren, zu Stadtteilen zusammen. Was vorher noch grüne weite Wiesenfläche war, wird zu Straßenzügen und geschlossener Bebauung", erklärt Konrad Elmshäuser, Leiter des Staatsarchivs.

Wie aus den Dörfern Walle und Gröpelingen der Bremer Westen wurde

Video vom 14. Juni 2021
Eine alte Karte von Bremen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Stadtteile wie Borgfeld sind auch heute noch dörflich geprägt, in Walle hingegen ist vom Dorf nicht mehr viel geblieben. Auch weil im zweiten Weltkrieg große Teile von Walle zerstört wurden. Nur die alte Kirche in der Straße "Lange Reihe" steht noch. Sie wurde zwischen 1535 und 1545 erbaut – der Turm ist noch ein Original, der Rest wurde nach dem Krieg neu aufgebaut. Wo heute der Waller Park ist, war früher das Gut Walle. Noch 1812 wohnten nur rund 500 Menschen in Walle, heute sind es um die 30.000.

2 Timmersloh: Ein verstecktes Stück Bremen

Doch in Bremen gibt es auch heute noch ein bäuerlich geprägtes Dorf. Timmersloh, mitten in den Wümmewiesen, gehört zum Ortsteil Borgfeld und liegt etwas abseits mitten in der Natur. Es ist der letzte Zipfel von Bremen: auf der einen Seite Lilienthal, auf der anderen die Wümme und zwischendrin viele Wiesen und Weiden.

Blick auf eine Wiede in Timmersloh
Eine Wiese in Timmersloh. Das Dorf in den Wümmewiesen ist sehr grün und bäuerlich geprägt. Bild: Radio Bremen

Eine Radtour hierher lohnt sich für diejenigen, die etwas Bullerbü-Atmosphäre schnuppern wollen. Viele Pferde und Kühe stehen auf den Weiden, auf zehn Bauernhöfe wird hier noch Landwirtschaft betrieben. Eine schöne Strecke führt durch das Naturschutzgebiet Richtung Hexenberg, ideal zum Radfahren oder Inlinern. Wer aber Gastronomie sucht, der ist hier falsch. Dafür gibt es an Verkaufsständen an der Straße frische Eier und Kartoffeln. Für alles andere sind Borgfeld und Lilienthal direkt um die Ecke.

Das Dorf hat seinen gemütlichen Charakter bewahrt, auch weil es hier wegen des Naturschutzgebietes kein Bauland gibt. Deswegen muss auch die Landwirtschaft mit Einschränkungen leben. Die Flächen sind begrenzt, die Höfe klein. Thorsten Döhle hält mit seiner Familie Milchkühe, 70 Tiere. "Dadurch, dass hier alles klein strukturiert ist, muss man sich auch seine Nischen schaffen. Andere machen das vielleicht mit 500 Kühen mehr, aber wir müssen uns Lücken suchen, die wir füllen können."

Obwohl Timmersloh zur Stadt gehört: So richtig als Städter fühlen sie sich hier nicht. Auch Tradition ist wichtig. Es gibt eine Dorfgemeinschaft und einen Frauenchor. Schon seit 35 Jahren. Wenn nicht gerade Corona ist, treten sie regelmäßig bei kleineren Festen und Feiern auf. Das gemeinschaftliche Singen, die regelmäßigen Treffen: Für viele der Frauen ein ganz wichtiger Bestandteil ihres Lebens.

So klingt der Frauenchor der Timmersloher Dorfgemeinschaft

Video vom 19. Juni 2021
Der Chor der Dorfgemeinschaft Timmersloh
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

3 Die "Moorlose Kirche" und das Dorf, das dem Stahlwerk weichen musste

Mit dem Fahrrad von Vegesack oder Burg aus die Lesum entlang zur "Moorlosen Kirche" an der Weser. Im Restaurant etwas essen oder trinken und zurück durchs Werderland Richtung Grambker Sportpark-See. Eine klassische Ausflugsroute für viele Bremer und Nord-Bremer.

Postkarte aus Mittelsbüren 1935
Ansichtskarte aus Mittelsbüren, zirka Mitte der 30er Jahre. Hier sieht man die alte Dorfstraße. Bild: Imago | Arkivi

Was viele nicht wissen: Kurz hinter der Kirche und der Kneipe stand mal ein Dorf, Jahrhunderte alt: Mittelsbüren. Von dort aus sind Grönlandfahrer auf Walfang gegangen, hier haben Bauern unter einfachen Bedingungen ihr Land bestellt. Bis Mitte der 1950er Jahre die Stahlwerke expandieren wollten. Bremen verkaufte das Land an die Stahlwerke. Die Bauern wurden zwar gut entschädigt, verloren aber ihre Heimat. 31 Häuser des Dorfes wurden abgerissen. Die Kirche, die Kneipe und das alte Schulgebäude aber sind stehen geblieben.

Die Schule hat damals viele Kinder und Jugendliche des Dorfes verbunden. Es gab nur zwei Klassen, die Älteren halfen den Jüngeren. Noch heute sind die letzten Schüler von Mittelsbüren gut vernetzt. Auch wenn sie heute um die 80 Jahre alt sind, veranstalten sie regelmäßig Klassentreffen.

Die alte Schule von Mittelsbüren
Das alte Schulgebäude wird saniert. Hier will ein Bremer Architekt eine Wohnung und Gästeappartments errichten. Bild: Radio Bremen

Ihre alte Schule, viele Jahre leer und verfallen, erwacht zu neuem Leben. Vor einigen Jahren hat Christian Lauckner das Gebäude ersteigert. Er ist Architekt und lebt in Lesum. Er habe sich damals sofort in das Gebäude verliebt, erzählt er, in die hohen Decken, den Flair mit der Lage direkt am Wasser. "Das Wichtigste ist erstmal das Gebäude zu erhalten. So ganz weit hinten habe ich vor hier eine Wohnung und eventuell drei oder vier Ferienwohnungen zu errichten." Einige Jahre wird es aber noch dauern, glaubt er. Er macht viel selbst.

Das Bremer Dorf, das dem Stahlwerk weichen musste

Video vom 16. Juni 2021
Die Kneipe Zur moorlosen Kirche von außen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

4 Weddewarden: Das wehrhafte Dorf

Der Hafen ist in Weddewarden immer in Sichtweite
Der Hafen ist in Weddewarden immer in Sichtweite. Das Dorf hat sich mit mehreren Klagen erfolgreich für mehr Lärmschutz eingesetzt. Bild: Radio Bremen

Die Lage könnte schöner nicht sein. Direkt am Deich der Außenweser, drumherum viel Grün, die Grenze zu Niedersachsen kurz dahinter. Wenn da nicht der Containerterminal Bremerhaven wäre. Von überall gut sichtbar – und oft hörbar.

Die Menschen in Weddewarden haben gekämpft für ihre Idylle. Als ab den 80er Jahren der Hafen wuchs und direkt am Dorfrand Terminal Nummer 4 geplant wurde, wehrten sie sich. Selbst ein Abriss des Dorfes stand mal im Raum. Der Streit zwischen Hafengesellschaft und Dorfbewohnern landete mehrfach vor Gericht. Und der Ortsgruppe, die für Weddewarden kämpft, hat es nicht gereicht, dass das Dorf erhalten bleibt. Sie kämpften weiter gegen den Bau des Terminals, der die Ruhe so empfindlich stören würde.

Die jahrzehntelangen Verhandlungen waren erfolgreich, die Dorfbevölkerung bekam teilweise Recht. Zwar konnte sie die Hafenerweiterung nicht verhindern, aber die Menschen in Weddewarden können wieder ruhiger schlafen. Bremenports musste sich um den Lärmschutz kümmern.

Weddewarden
Schnuckelige Häuser hinter dem Deich: Weddewarden bietet am Ende von Bremerhaven echte Dorfidylle. Bild: Radio Bremen

Doch in Weddewarden gibt es nicht nur schöne Aussichten aufs Wasser und schnuckelige Dorfstraßen – auch der Heimatbund "Männer vom Morgenstern" ist dort zu Hause. Geschichte und Heimatkunde rund um die Weser- und Elbemündung, darum kümmern sie sich. Regelmäßig gibt der Heimatbund ein Jahrbuch heraus, das verschiedene Bereiche der Entwicklung und Geschichte der Gegend aufbereitet. Das Schloss Morgenstern beinhaltet auch eine Bibliothek, Familienforschung ist ein weiterer Bereich des Heimatbundes.

Das Dorf Weddewarden hat seine ganz eigene Geschichte schon geschrieben und sich mit dem Hafen arrangiert.

Autorin

  • Maike Albrecht Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 15. Juni 2021, 19:30 Uhr