Interview

So behandeln Bremer Intensivmediziner Corona-Patienten

Nur wenige Corona-Patienten müssen auf einer Intensivstation beatmet werden. Doch auch dann kann ihnen häufig geholfen werden. Wie, erklärt ein Bremer Chefarzt.

Ein Arzt setzt einem Patienten eine Sauerstoffmaske auf. (Symbolbild)
Für die Beatmung mit einer Sauerstoffmaske müssen Patienten nicht zwangsläufig auf einer Intensivstation behandelt werden. Bild: Imago | Westend61
Wie viele Patienten, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben, kommen auf die Intensivstation?
Das ist eher die Ausnahme. Aktuellen Zahlen aus dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf zufolge werden von allen positiv getesteten Patienten im Krankenhaus etwa sechs Prozent intensivpflichtig und zwei Prozent beatmungspflichtig. Das entspricht auch ungefähr unserer eigenen Erfahrung. Statistisch erhoben haben wir es aber nicht.
Worin unterscheidet sich die Behandlung eines Coronapatienten auf der Intensivstation gegenüber der auf anderen Stationen?
Das Spektrum der Erkrankung ist sehr groß. Es gibt viele Patienten, die gar keine Symptome zeigen, oder kaum erkranken, vielleicht einen rauen Hals und ein paar Erkältungssymptome haben. Dann gibt es Patienten mit Fieber und einer deutlich eingeschränkten Leistungsfähigkeit und auch mit eingeschränkten Lungenfunktionswerten.
Trotzdem sind diese Patienten oft noch so stabil, dass bei ihnen eine Sauerstoffgabe oder – in schwereren Fällen – eine nichtinvasive Beatmung ausreicht. Das kann, je nach Struktur des Krankenhauses, auch außerhalb der Intensivstation erfolgen. Im Klinikum-Ost etwa macht das die Klinik für Pneumologie und Beatmungsmedizin. Doch wenn sich der Zustand dieser Patienten weiter verschlechtert, oder wenn die Patienten von vornherein sehr schlechte Lungenparameter haben, dann kommen sie zu uns auf die Intensivstation.
Was machen Sie dann?
Wir versuchen dann, möglichst ohne invasive Beatmung, ohne einen Schlauch in die Luftröhre einzuführen, die Patienten mit einer Maskenbeatmung zu stabilisieren oder mit der High-Flow-Sauerstofftherapie.
Was ist eine High-Flow-Sauerstofftherapie?
Dabei legt man einen Sauerstoffschlauch in die Nase ein. Durch diesen Schlauch wird dem Patienten reiner Sauerstoff mit einem sehr hohen Fluss zugefügt, mit bis zu 60 Litern pro Minute.
Worin unterscheidet sich diese Therapie von der Maskenbeatmung?
Die Maske deckt entweder die Nase und den Mund oder das ganze Gesicht ab. Das ist für den Patienten meist nicht so angenehm, weil eine solche Maske natürlich drückt. Sie muss ja fest sitzen. Man schwitzt darunter. Damit kommen einige Patienten nicht so gut zurecht. Man muss aber auch sagen: Andere Patienten finden die High-Flow-Sauerstofftherapie unangenehm. Man muss im Einzelfall ausprobieren, was für wen am besten ist.
Und worin unterscheiden sich die High-Flow-Sauerstofftherapie und die Maskenbeatmung von der invasiven Beatmung?
Bei der High-Flow-Sauerstofftherapie und der Maskenbeatmung handelt es sich um assistierte Verfahren, also um Verfahren, die den Patienten bei seiner Atmung unterstützen. Für die invasive Beatmung entscheidet man sich nur dann, wenn assistierte Verfahren nicht mehr ausreichen. Denn eine invasive Beatmung bedeutet, dass wir einen Patienten in eine Narkose legen und dann einen Tubus in seine Luftröhre einführen. Dann wird der Patient künstlich beatmet. Die gesamten Beatmungsfunktionen werden nun von einer Maschine übernommen.
Wie muss man sich das vorstellen?
Man kann sich das so vorstellen: Die Lunge ist ein bisschen vergleichbar mit einem Luftballon. Wir blasen Luft in diesen Ballon hinein. Der dehnt sich dann aus und zieht sich, wenn wir keine Luft mehr hineinblasen, wieder von selbst zusammen. Das wird dann zur Ausatmung. Wir können dann die Parameter, etwa die Druckverhältnisse in der Lunge variieren oder auch die Menge an Sauerstoff. Außerdem können wir die Atemzüge maschinell steuern.
Eine Ärztin legt einen Beatmungszugang in einer Intensivstation an dem Hals eines Patienten.
Um einen Patienten invasiv beatmen zu können, ist ein Zugang zur Luftröhre erforderlich. Bild: Imago | photothek
Das klingt doch gut. Weswegen versuchen Sie die invasive Beatmung dennoch zu vermeiden, so lang es geht?
Die invasive Beatmung bedeutet gegenüber einer normalen Atmung eine komplette Umkehrung der normalen physiologischen Verhältnisse. Wenn wir Luft holen, dann machen wir das normalerweise, indem wir einen Unterdruck erzeugen. Dadurch dehnt sich die Lunge aus. Bei der invasiven Beatmung wird dagegen mit Überdruck Luft in die Lunge herein gepresst. Das hat auch für andere Organe Konsequenzen. Es beeinträchtigt etwa die Herzleistung. Zusätzlich ist eine Narkose erforderlich, um diese Form der Beatmung zu tolerieren.
Welche Probleme können außerdem auftreten?
Man muss die Beatmungsparameter genau an die Gesamtsituation des Patienten anpassen. Wir wissen aus Erfahrung, dass man bestimmte Sauerstoffmengen und einen bestimmten Druck nicht überschreiten darf, weil man mit der Beatmung auch die Lunge schädigen kann. Ich finde aber, dass das schwierig neutral darstellbar ist, wenn doch klar ist: Ohne die invasive Beatmung würde der Patient sterben. Sie kann Leben retten.
Und was machen Sie, wenn auch die invasive Beatmung nicht ausreicht?
Es gibt über die invasive Beatmung hinaus noch das extrakorporale Verfahren. Dabei wird die Lunge vollständig künstlich ersetzt. Das Blut des Patienten wird außerhalb des Körpers in einer Maschine mit Sauerstoff angereichert und dann ins Blutgefäßsystem zurück geleitet. Das Verfahren funktioniert also wie eine externe Lunge. Das geschieht aber nicht bei uns, sondern zum Beispiel im Klinikum Bremen-Mitte.
Für welche Patienten kommt dieses Verfahren in Frage?
Für einige Patienten mit schwerstem Lungenversagen. Allerdings nicht für jeden. Man kann dieses Verfahren auch für einen dauerhaften Lungenersatz nutzen. Es ist als Unterstützung mit dem Ziel gedacht, dass die Lunge Zeit gewinnt, um sich zu erholen. Für Patienten mit fortgeschrittenem Multiorganversagen oder sehr kritischen zusätzlichen Erkrankungen kommt das extrakorporale Verfahren allerdings nicht infrage. Dann muss man leider feststellen, dass es keine Therapiemöglichkeiten mehr gibt. Dann können wir den Patienten nur noch mit palliativen Maßnahmen unterstützen und Schmerzen und Stress vermeiden. Das ist glücklicherweise aber nur selten der Fall.
Können Sie genauer sagen, wie hoch die Überlebenschancen der Patienten sind, die invasiv beatmet werden müssen?
Unsere eigenen Zahlen sind noch viel zu klein, um valide Aussagen zu treffen. Man kann aber ungefähr sagen, dass wir bislang auf der Intensivstation im Klinikum Bremen-Ost 18 Corona-Patienten, davon ein Drittel mit noninvasiven Methoden und zwei Drittel mit invasiven Verfahren behandelt haben. Von diesen 18 Patienten mussten wir zwei für das extrakorporale Verfahren verlegen. Zwei Patienten sind bei uns gestorben, die anderen haben dank der Verfahren zur Lungenunterstützung überlebt.
Mann, Anfang 60, mit Brille und weißem Kittel strahlt für Portrait in Kamera.
Chefarzt am Klinikum Bremen-Ost: Hubertus Rawert. Bild: Gesundheit Nord gGmbH Klinikverbund Bremen

Lagecheck im Krankenhaus: Ist Bremen schon überfordert?

Video vom 22. Oktober 2020
Leeres Bett in einer Intensivstation
Bild: DPA | Daniel Reinhardt

Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 29. Oktober 2020, 19:30 Uhr