Infografik

Der Bauer als Buhmann? Darum gehen Bremer Landwirte auf die Straße

"Redet mit statt über uns!" – das fordert das Bündnis "Land schafft Verbindung" von Politik und Verbrauchern. Zwischen Düngeverordnung und Höfesterben wird die Luft dünn.

Landwirte protestieren mit Traktoren in Oldenburg. (Archivbild)
Die Landwirte fordern mehr Mitspracherecht in der Politik, hier bei einer Demonstration in Oldenburg (Archivbild). Bild: Imago | Joker

"Wir rufen zu Tisch", so lautet das Motto der Landwirte, die am Freitag in Bremen auf die Straße gehen, besser gesagt fahren. Über 2.000 Trecker werden erwartet. Die Bauern kommen aus Bremen und umzu und haben eine konkrete Forderung an Politik und Verbraucher: "Redet mit statt über uns!"

Hinter der Treckerdemo steckt das Bündnis "Land schafft Verbindung", ein erst im vergangenen Oktober gegründeter Zusammenschluss von Landwirten aus allen Bereichen, vom Ökobauern bis zum Milchviehhalter. Anlass der Kundgebung an diesem Freitag ist das Agrarpaket der Bundesregierung, insbesondere die geplante Verschärfung der Düngeverordnung, und der Start der Agrarmesse "Grüne Woche" in Berlin.

Strukturwandel und schlechtes Image belasten Bremer Bauern

Mitorganisator der Demo ist Jan Geerken aus dem Bremer Blockland: "Die Verschärfung der Düngeverordnung ist der Anlass, der das Fass zum Überlaufen bringt." Schlimmer und belastender sei die Gesamtsituation der Bauern, die Geerken vor allem dem Strukturwandel zuschreibt: "Junge Leute sind selten bereit, die familiären Betriebe zu übernehmen." Das liege am bürokratischen Aufwand, vor allem aber an der Preissituation, die das Leben als Landwirt kaum auskömmlich mache. Auch das schlechte Image mache den Bauern zu schaffen: "Vor allem in den sozialen Medien entsteht der Eindruck, dass viele unsere Arbeit kritisieren." Der Bauer als Buhmann? Die Produktionsweisen der Landwirtschaft seien vor allem der Nachfrage nach günstigen Lebensmitteln zuzuschreiben, so Geerken.

Vor allem in den sozialen Medien entsteht der Eindruck, dass viele unsere Arbeit kritisieren.

Jan Geerken, Landwirt aus dem Bremer Blockland

Hintergrund der geplanten Verschärfung der 2017 in Kraft getretenen Düngeverordnung ist die gebietsweise sehr hohe Nitratbelastung in deutschen Böden. Eine Ursache ist laut Umweltbundesamt die stickstoffhaltige Düngung in der Landwirtschaft. Der Anteil von Mineraldünger und Gülle, den die Pflanzen nicht verbrauchen und der nicht im Boden abgebaut wird, gelangt als Nitrat ins Grundwasser.

In hoher Konzentration ist Nitrat gesundheitsschädlich. Deshalb darf der EU-weit festgelegte Wert von 50 Milligramm pro Liter nicht überschritten werden. Deutschland verstößt seit Jahren gegen diese EU-Richtlinie und wurde dafür schon 2018 vom Europäischen Gerichtshof verurteilt. Werden die Grenzwerte nicht bald eingehalten, drohen empfindliche Strafzahlungen.

Bremer Trinkwasser kommt großteils aus Niedersachsen

Unser Trinkwasser wird zum Großteil aus Grundwasser gewonnen – in Bremen sogar zu 100 Prozent. Die Nitratbelastung ist im Bremer Grundwasser im Durchschnitt niedrig. Das Bremer Trinkwasser kommt allerdings zu 85 Prozent aus Niedersachsen, wo die Nitratbelastung gebietsweise stark erhöht ist. Vor allem an oberflächennahen Messstellen würden deutlich höhere Nitratwerte festgestellt, die den Grenzwert für Trinkwasser überschreiten, teilt Heiko Poppen, Pressesprecher des Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverbandes (OOWV) mit.

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Die Trinkwasserqualität in Bremen ist laut Analyse der swb hoch. Aber: Wenn die Nitrat-Probleme im Grundwasser nicht gelöst würden und immer mehr Nitrat in tiefe Bodenschichten gelangt, aus denen Trinkwasser gewonnen wird, "wird es für alle teuer", so OOWV-Sprecher Poppen. Er bezieht sich auf eine Studie des Umweltbundesamtes von 2017. Darin ist die Rede von Preissteigerungen beim Trinkwasser zwischen 23 und 45 Prozent. "Auch wir gehen davon aus, dass die Entgelte erheblich steigen, wenn wir das Wasser durch spezielle Anlagen aufbereiten müssen", so Poppen weiter.

LsV: Düngeverordnung von 2017 nicht ausreichend evaluiert

Die Nitrateinträge in deutsche Böden müssen verringert werden – so weit, so klar. Eine weitere Verschärfung der Düngeverordnung hält das Bündnis LsV aber nicht für den richtigen Weg. LsV kritisiert, dass seit 2017 kein ausreichendes Monitoring der damals in Kraft getretenen Verordnung erfolgt sei. Die Maßnahmen aus 2017 würden umgesetzt, insofern sei eine weitere Verschärfung nicht nachvollziehbar, bevor nicht eine Evaluation stattgefunden hat.

Wir wollen unseren Beitrag leisten, um Einträge von Nitrat aus der Landwirtschaft in unsere Gewässer zu vermeiden. Dazu müssen die getroffenen Maßnahmen allerdings praktikabel, umsetzbar und sinnvoll sein.

Pressemitteilung LsV

Die Gründe für eine hohe Nitratbelastung müssten viel kleinteiliger analysiert werden, sagt Geerken. Bei einer Überschreitung würde in der Regel pauschal das Gebiet als rot ausgewiesen werden, obwohl die Nitratbelastung durch verschiedene Faktoren beeinflusst und verursacht werde, beispielsweise durch Industriegebiete und die Beschaffenheit der Böden. Die Landwirte wollen ihren Beitrag leisten, um Nitrateinträge aus der Landwirtschaft zu vermeiden, heißt es in einer Mitteilung des LsV. "Dazu müssen die getroffenen Maßnahmen allerdings praktikabel, umsetzbar und sinnvoll sein."

"Guter Draht" zur Bremer Politik

Politisch spielen die Probleme der Bauern zum großen Teil auf Bundes- und EU-Ebene. Darunter fällt auch das Mercosur-Abkommen zwischen der EU und südamerikanischen Staaten: Die Landwirte fürchten einen Preis- und Qualitätsverfall durch Billigimporte. Deshalb fordert das Agrarbündnis LsV Verhandlungsgespräche zwischen Landwirten, den Bundesministerinnen für Landwirtschaft und Umwelt sowie beteiliten Nicht-Regierungsorganisationen. Zur Bremer Politik habe man einen guten Draht, sagt LsV-Vertreter Geerken. Man sei "sehr zufrieden" mit Senatorin Maike Schaefer (Grüne). Diese hatte im November ihr Verständnis für die Proteste der Landwirte bekundet, Gespräche mit dem Bauernverband angekündigt und eine Weideprämie für Bauern, die ihre Tiere nicht nur im Stall halten, ins Spiel gebracht. Das Bauern-Bündnis will der Senatorin am Freitag bei der Kundgebung auf dem Marktplatz ein Positionspapier überreichen.

Rückblick November: Bauernproteste in Oldenburg

Video vom 22. Oktober 2019
Mehrere Trecker auf einer Landstraße bei dem Bauernprotest in Oldenburg.

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Autorin

  • Greta Block

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 17. Januar 2020, 19:30 Uhr