Fragen & Antworten

Arm und noch ärmer: Wie hart diese Bremer die Pandemie trifft

Die Pandemie verstärkt die Armut in Bremen – und die Ungleichheit. Zur Tafel kommen jetzt Menschen, die sich das früher nie vorstellen konnten. Wie kann man gegensteuern?

Video vom 29. Januar 2021
Eine Person schaut in eine leere Brieftasche.
Bild: Imago | photothek
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Hat die Armut in Bremen wegen Corona zugenommen?
Im Land Bremen war 2019 knapp ein Viertel der Menschen von Armut betroffen. Das geht aus dem aktuellen Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes hervor. Bremen lag damit deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Zahlen aus 2020, dem Jahr der Pandemie, liegen bislang noch nicht vor. Statistisch lässt sich deshalb auch noch nicht sagen, ob die Armut in Bremen zugenommen hat. Aber: "Es gibt bereits jetzt Hinweise darauf, dass sich die Armutszahlen erhöht haben", sagt René Böhme, Armutsforscher an der Universität Bremen. Denn in Folge der Pandemie seien mehr Menschen arbeitslos geworden, so der Wissenschaftler. Auch bei der Arbeitnehmerkammer Bremen haben die Beratungen, zum Beispiel weil Menschen gekündigt wurde, zugenommen.
Welche Menschen in Bremen sind durch die Pandemie von Armut betroffen?
Laut Wissenschaftler René Böhme sind es vor allem diejenigen, die vor der Corona-Krise in prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt waren, also Leiharbeiter oder Minijobber. "Menschen, die zum Beispiel einen Minijob in der Gastronomie hatten, haben ihn eventuell jetzt verloren." Hinzu komme, dass diese Menschen auch keinen Anspruch auf das Kurzarbeitergeld hätten, so Böhme. Dabei würden Frauen auf dem Arbeitsmarkt die Auswirkungen der Krise besonders spüren, so die Arbeitnehmerkammer Bremen. "Denn sie sind oft in den stark betroffenen Branchen wie dem Einzelhandel und der Gastronomie tätig", sagt Hauptgeschäftsführer Ingo Schierenbeck. Auffällig hoch sei im vergangenen Jahr der Anteil der Frauen in den Beratungen gewesen.
Eine Grafik die darstellt, welche finanziellen Folgen die Corona-Krise in Bremen ausgelöst hat. -7,508€ -7,508€ -7,508€ -14,2% -2,7% 21,3 Prozent aller Bremer Beschäftigen waren im Mai 2020 in Kurzarbeit 30 Prozent mehr Nachfrage bei Schuldnerberatungen in Bremen und Bremerhaven Um 4,9 Prozent sind die Löhne in Bremen 2020 zurückgegangen Un- und Angelernte: Lohn Lohn Fach- und Führungskräfte: Quelle: Schuldnerhilfe Bremen, DRK Bremerhaven Quelle: Arbeitnehmerkammer Bremen Quelle: Arbeitnehmerkammer Bremen
Bild: Radio Bremen
Wer ist aktuell durch die Pandemie noch von Armut bedroht?
Die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie treffen auch Solo-Selbstständige, wie Katharina Kähler von der Inneren Mission berichtet: "Wir haben durchaus schon zu einzelnen Menschen Kontakt, die sich bis vor einem oder einem halben Jahr noch ganz gut selber finanziell über Wasser halten konnten und wo es jetzt existenzielle Notlagen gibt." Diese Menschen kämen jetzt zu Essenausgaben oder anderen Anlaufpunkten, an denen es die Möglichkeit gibt, sich zu versorgen. Ähnliches beobachtet auch Uwe Schneider, Leiter der Bremer Tafeln: "Wir haben zum Beispiel zwei Künstler, die keine Aufträge mehr haben, und jetzt regelmäßig zu uns kommen." Durch die Pandemie sei die Nachfrage bei der Tafel zwar nicht gestiegen, aber die Kundschaft habe sich verändert: "Das sind Menschen, die sich vorher nie vorstellen konnten, zur Tafel gehen zu müssen."
Wie geht es denjenigen, die schon vor Corona unter schwierigen Bedingungen gelebt haben?
Vor allem wohnungslose Menschen trifft die Pandemie hart: "Für diejenigen, die es ohnehin sehr schwer haben, die über wenig Einkommen verfügen, haben sich die Lebensbedingungen deutlich verschärft", sagt Katharina Kähler von der Inneren Mission. Das betreffe sowohl Verkäufer und Verkäuferinnen der Zeitschrift der Straße, die zum Teil keine Anknüpfungspunkte mehr fänden, um die Zeitschrift anzubieten und zu verkaufen, aber auch Menschen, die bisher davon gelebt hätten, dass sie Pfand sammeln. Laut Kähler hat die Zahl der Menschen, die in Bremer Notunterkünften übernachten, bislang aber noch nicht stark zugenommen. Der leichte Anstieg sei zudem nicht nur auf die Pandemie zurückführen, sondern habe eher mit der aktuellen Kälteperiode zu tun.
Wird die soziale Ungleichheit durch die Pandemie größer werden?
Soziale Ungleichheit sei schon vor Corona ein Thema gewesen, sagt Wissenschaftler René Böhme. "Aber durch die Pandemie wird die vorhandene Ungleichheit noch verstärkt." Und dabei gehe es nicht nur um die Einkommensunterschiede: "Auch in den Bereichen Bildung und Gesundheit hat sich die Ungleichheit durch Corona noch einmal verschärft", so Böhme. Für Kinder aus sozial benachteiligten Familien stelle etwa der Unterricht zu Hause eine viel größere Herausforderung dar. "Während des Lockdowns war dort auch der Bewegungsmangel ein viel größeres Problem als in Familien aus besseren Verhältnissen." Im Vergleich zu anderen Bundesländern sei Bremen da wie ein Brennglas: "Weil sich Ungleichheit hier auf kleinem Raum abbildet", sagt der Wissenschaftler. Die Haltung der Bremer Bildungssenatorin, Schul- und Kitasschließungen möglichst zu vermeiden, hält er daher auch für richtig.
Der Staat hat bislang viel Geld ausgegebenen, um die Folgen der Pandemie zu kompensieren: Hilfspakete für Solo-Selbstständige, Kinderbonus. Reicht das?
Wissenschaftler René Böhme ist der Meinung, dass vor allem auf Bundesebene noch mehr getan werden muss: "Zum Beispiel beim Kurzarbeitergeld. Denn da sind Minijobs bislang ausgeschlossen und dadurch fallen viele Menschen durchs Raster." Der Kölner Armutsforscher Christoph Butterwegge fordert, den Hartz IV-Satz vorübergehend zu erhöhen: 100 Euro als eine Art Zuschlag auf den Regelbedarf bei Hartz IV, das sei angemessen, so Butterwegge. "Wenn der Sozialminister Hubertus Heil jetzt zumindest angedeutet hat, er werde sich dafür einsetzen, dass es einen solchen Zuschlag auf Hartz IV gibt, dann ist das ein Hoffnungsschimmer." Der Zuschlag sollte dann allerdings auch rückwirkend gezahlt werden, sagt der Wissenschaftler. Finanziert werden könnte der über einen sogenannten "Corona-Solidaritätszuschlag", so der Vorschlag von Butterwegge. "Das heißt, man würde bei den sehr Reichen das wieder auflegen, was ja jetzt mit dem Solidaritätszuschlag zumindest zum Teil abgeschafft wurde."

Autorin

  • Catherine Wenk Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 29. Januar 2021, 19:30 Uhr