Fragen & Antworten

Rettung in Bremen: Wie Afghaninnen und Afghanen Zuflucht finden

Angehörige von Helfern aus Afghanistan verlassen ein Flugzeug.
Seit fast zwei Wochen werden gefährdete Menschen aus Afghanistan durch internationale Luftbrücken aus dem Land gebracht. Bild: DPA | Zumapress.com | Mc2 Claire Dubois/U.S. Navy

49 Schutzbedürftige aus Afghanistan sind inzwischen in Bremen angekommen. Wie geht es jetzt für sie weiter? Hier finden Sie Fragen und Antworten zum Thema.

Am Donnerstag hat die letzte Maschine der Bundeswehr vom Kabuler Flughafen abgehoben. Damit ist die Evakuierungsaktion von afghanischen Ortskräften und gefährdeten Menschen offiziell abgeschlossen. Viele warten jedoch noch vor den Toren des Flughafens. Andere hingegen sind seit einigen Tagen in Bremen angekommen. Wie geht es jetzt für sie weiter? Welche Perspektiven öffnen sich für sie in Deutschland?

Wie viele Menschen werden insgesamt in Bremen ankommen?
Bislang sind in Bremen 49 Personen angekommen, die per Luftbrücke aus Afghanistan evakuiert wurden. Das bestätigt die Bremer Sozialbehörde. Davor waren bereits zwei Ortskräfte mit ihren Familien auf eigene Faust eingereist: eine Mitte Juli und eine Mitte August. Sie mussten sich selbst um Visum und Flug kümmern. Insgesamt könnten noch 100 weitere Menschen nach Bremen kommen: Das kleinste Bundesland hatte schon vor einiger Zeit mitgeteilt, bis zu 150 Menschen aufnehmen zu können. Ob das tatsächlich passiert, ist allerdings noch nicht klar.

Da auch in anderen Ländern noch große Unterbringungskapazitäten vorhanden sind, ist noch nicht absehbar, ob uns vom Bund noch Menschen zugewiesen werden, oder ob diejenigen, die jetzt noch in Frankfurt landen, alle in andere Bundesländer gehen.

Wolf Krämer, Sprecher der Bremer Sozialsenatorin
Einige Menschen sind durch die Ereignisse in ihrem Land oder die Flucht traumatisiert. Werden sie psychologisch betreut?
Einige der angekommenen Schutzsuchende haben von dramatischen Situationen berichtet, wie Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) buten un binnen erzählte. Zwei Frauen seien beispielsweise auf dem Weg zum Flugzeug durch das Gedränge der Menschenmenge von ihren Kindern getrennt worden. "Und so sind die beiden Frauen jetzt in Bremen – am Boden zerstört und von den Kindern getrennt", so Stahmann.

Ab nächster Woche wird eine psychologische Erstberatung für Geflüchtete in mehreren Aufnahmeeinrichtungen organisiert. Das Angebot steht nicht in Zusammenhang mit den Ereignissen in Afghanistan, die Afghanen und Afghaninnen können es aber in Anspruch nehmen. "Aufgabe der psychologischen Erstberatung ist unter anderem die Feststellung von Hilfebedarfen und die Einleitung erforderlicher Behandlungen. Es können dann spezifische Behandlungsangebote vermittelt werden", sagt Krämer.
Wie geht es jetzt in Bremen für die Menschen weiter?
Die 49 Schutzsuchenden sind bereits in ein Übergangswohnheim gezogen. Wer ankommt, wird zunächst in der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes untergebracht. Möglich ist, dass einige in Zukunft Bremen wieder verlassen werden. Zum Beispiel, weil sie Verwandte in einer anderen Stadt haben. Sie können ebenfalls in eine eigene Wohnung ziehen, deren Miete eventuell im Rahmen von Sozialleistungen vom Job-Center übernommen werden kann, so das Sozialressort: "Es wurden bereits zahlreiche Wohnungen angeboten und wir hoffen auf schnelle Vermittlung."
Welchen Aufenthaltsstatus haben sie?
Erstmal haben sie ein Visum für drei Monate bekommen. Welchen Status sie längerfristig erhalten, soll in den drei Monaten geklärt werden. Alle Ortskräfte mit ihren Familien werden nach Auskunft der Bremer Behörde eine sogenannte Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen zur Wahrung der politischen Interessen Deutschlands bekommen. Auch anderen Schutzsuchenden, die nicht zu den ehemaligen Ortskräften zählen, kann dieser Status gewährt werden. "Alle anderen können Asyl beantragen und das entsprechende Verfahren durchlaufen", so Krämer. Aufenthaltserlaubnisse sind befristete Aufenthaltstitel, die verlängert werden können. Die eingereisten Afghanen dürfen damit dann sofort arbeiten.
Wird etwas benötigt?
Laut Sozialressort besteht vor allem Bedarf an Baby- und Kleinkinderkleidung, Herrenkleidung und Fahrrädern. Wer spenden möchte, kann sich an die AWO wenden (per E-Mail an arne.vogenbeck@awo-bremen.de) oder an die Initiative "Gemeinsam in Bremen" (www.gemeinsam-in-bremen.de). Viele Bremer und Bremerinnen sollen zudem Wohnungen, Sprachkurse oder Kinderbetreuung angeboten haben.
Gibt es für die Schutzsuchenden Integrationsangebote?
Die Schutzsuchenden haben Anspruch auf Grundsicherung und damit Zugang zu allen Integrationsangeboten des Job-Centers. Dazu gehören beispielsweise Integrationskurse. "Es werden sicher auch spezifische Angebote entwickelt, das ist jetzt aber noch in Arbeit", sagt Krämer. Man wolle dazu bald Gespräche mit der afghanischen Gemeinschaft und anderen Hilfswilligen in Bremen führen.

In Bremen leben mehr als 3.700 Afghaninnen und Afghanen. Zu ihren Vereinen gehören etwa die "Independent Afghan Women Association" und die Afghanisch-Deutsche Kulturinitiative. Deren zweite Vorsitzende, Annegret Merke, sagt: "Sobald es geht, werden wir hingehen und sie fragen, wie wir ihnen helfen können." Noch seien die Menschen in Quarantäne. Dann sei Hilfe beim Übersetzen, bei medizinischen Fragen oder etwa durch Sachspenden denkbar.

Wir werden helfen so viel wir können.

Annegret Merke, 2. Vorsitzende Deutsch-Afghanische Kulturinitiative Bremen

Anzahl der Afghanen und Afghaninnen in Bremen

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Die deutsche Luftbrücke ist nun beendet – doch Vereine beklagen, man habe viele Schutzberechtigte zurückgelassen. Was bedeutet das für die Zukunft?
Mehr als 100.000 Menschen sind aus Afghanistan in den vergangenen Tagen ausgeflogen worden. Gut 5.300 von deutschen Kräften. Doch insgesamt ging das Außenministerium von etwa 10.000 schutzberechtigten Afghanen auf deutschen Listen aus. Unklar ist, wie viele davon sich noch in dem Land befinden. Manche könnten eventuell versuchen, auf dem Landweg zu fliehen – ein gefährliches Unterfangen. "Das wird sicherlich auch passieren", schätzt die Bremer Sozialbehörde.

Klar ist, dass eine solche Flucht sehr strapaziös und gefährlich ist, und wir Schutzbedürftigen andere Möglichkeiten bieten müssen, um in Sicherheit zu kommen.

Wolf Krämer, Sprecher der Bremer Sozialsenatorin

Viele seien bereits in die Nachbarländer geflohen, in Länder, in denen die Bedingungen teilweise schwierig sind. Das bestätigt der Bremer Flüchtlingsrat: "Menschen in Not fliehen immer. Man kann das Land nicht abriegeln", sagt Gundula Oerter von der Hilfsorganisation. Man habe die Menschen "im Stich gelassen", indem man die Rückholaktion bereits abgeschlossen habe.

Wir bekommen täglich Dutzende Anfragen von Bremern und Bremerinnen, die Familienmitglieder in Afghanistan haben und besorgt sind.

Gundula Oerter, Bremer Flüchtlingsrat

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hatte ebenfalls für eine Verlängerung der Evakuierungen plädiert. "Die zunehmenden Medienberichte über Menschenrechtsverletzungen wecken bei der Amnesty International große Befürchtungen hinsichtlich der Folgen der Taliban-Herrschaft", teilte der Verein mit. Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) hat angekündigt, dass er sich um weitere Ausreisemöglichkeiten für gefährdete Afghanen bemühen will.

Will Bremen ein eigenes Landesaufnahmeprogramm auf die Beine stellen?
Der Bremer Senat hat sich kürzlich gegen ein eigenes Landesaufnahmeprogramm entschieden. Der Flüchtlingsrat kritisiert die Entscheidung. Nach dem Ende der Evakuierungsaktion brauche man erst recht ein Aufnahmeprogramm für Bremen, so Oerter. Sie plädiert zudem für einen erweiterten Familiennachzug.

Bremen will sich nach Angaben des Sozialressorts für ein Bundesaufnahmeprogramm für unbegleitete Minderjährige einsetzen. "Wir wollen außerdem auf ein Bund-Länder-Programm hinwirken, mit dem die Familienangehörigen von hier lebenden Afghanen und Afghaninnen nach Deutschland kommen können", so Krämer.

Erste Schutzbedürftige aus Afghanistan in Bremen angekommen

Video vom 23. August 2021
Soldaten und Menschen mit Kindern stehen an den Grenzen in Afghanistan.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. August 2021, 19:30 Uhr