Diese Bremerinnen waren Pionierinnen – und weitere sind auf dem Sprung

Annemarie Mevissen spricht mit Megaphon zu Tausenden Demonstranten
Annemarie Mevissen steht mutig "ihren Mann" mit Megaphon. Bild: dpa | Lothar Heidtmann

Die erste Frauenärztin, die erste promovierte Juristin oder die erste "First Lady": Frauen aus Bremen und dem Umland waren echte Vorreiterinnen. Wir stellen sie vor.

Frauen sind in der Geschichtsschreibung oft nicht mehr als Fußnoten. Denn Geschichte wurde über Jahrhunderte von Männern gemacht und auch geschrieben; Frauen traten in der Ehe und als Mütter in den Hintergrund.

Dabei haben Frauen schon immer aktiv in Gesellschaft und Politik mitgewirkt. In den letzten Jahrhunderten sind sie aus dem Schatten getreten – und haben mit ihren Leistungen nicht nur die Geschichte verändert, sondern haben auch den Weg geebnet, damit viele andere Frauen in ihre Fußstapfen treten können. Diese Bremerinnen gehören dazu.

1 Louise Ebert (1873 – 1955): Die erste deutsche "First Lady"

Louise Ebert Poträt
Louise Ebert engagierte sich schon früh. Bild: Stiftung Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte

Mit 18 Jahren ist Louise Ebert schon eine gestandene Aktivistin: Das frühere Dienstmädchen arbeitet in einer Bremer Tabakfabrik, engagiert sich für bessere Arbeitsbedingungen und ist Vize-Vorsitzende eines Holzarbeiterverbandes. Sie heiratet einen Sattlergesellen namens Friedrich Ebert, mit 26 Jahren ist Louise Ebert fünffache Mutter. Ihr Mann macht derweil Karriere in der SPD, die Familie zieht schließlich nach Berlin. Und 1918 wird Louise Ebert die erste "First Lady" Deutschlands, als ihr Mann der erste deutsche Reichspräsident der neu gegründeten Republik wird.

Louise Ebert tritt damit auf gewisse Weise die Nachfolge einer Kaiserin an – und erfüllt die Rolle mit Bravour: Sie tritt bescheiden und verständnisvoll auf, das beeindruckt die Menschen. Auch nach dem Tod ihres Mannes organisiert sie Wohltätigkeitsveranstaltungen und engagiert sich in der Deutschen Kinderhilfe.

2 Anita Augspurg (1857 – 1943): Deutschlands erste promovierte Juristin

Porträt von Anita Augspurg
Anita Augspurg studierte in der Schweiz, weil das Frauen in Deutschland noch nicht erlaubt war. Bild: gemeinfrei

Als Anita Augspurg im niedersächsischen Verden geboren wird, sieht ihr vorbestimmter Weg so aus: heiraten, eine Familie gründen, als Ehefrau ihren Mann unterstützen. Doch es kommt anders: Anita Augspurg wird die erste deutsche Juristin, Frauenrechtlerin, Autorin, Pazifistin.

Schon als junges Mädchen hilft sie in der Kanzlei des Vaters aus. Später beginnt sie, sich für Frauenrechte zu interessieren und einzusetzen. Mit Mitte 30 studiert sie Rechtswissenschaften in der Schweiz, denn in Deutschland dürfen Frauen noch keine Universitäten besuchen. So wird sie die erste promovierte deutsche Juristin.

Zurück in Deutschland engagiert sie sich im radikalen Flügel der deutschen Frauenbewegung. Außerdem gibt sie gemeinsam mit ihrer Partnerin eine Zeitschrift heraus, engagiert sich im Ersten Weltkrieg für den Frieden und warnt schon in den 1920er-Jahren vehement vor Adolf Hitler und dem Einfluss der Nationalsozialisten. 1933 flieht sie aus Deutschland und stirbt 1943 im Exil.

3 Hermine Heusler-Edenhuizen (1872 – 1955): Deutschlands erste Frauenärztin

Porträt von Hermine Heusler-Edenhuizen
Hermine Heusler-Edenhuizen setzte sich dafür ein, dass Frauen straffrei abtreiben dürfen. Bild: Hayo Prahm

Hermine Heusler-Edenhuizen aus der ostfriesischen Krummhörn bricht um das Jahr 1900 alle Konventionen, weil sie Medizin studiert. Sie und ihre Kommilitoninnen werden oft von den männlichen Studienkollegen ausgebuht, wenn sie den Hörsaal betreten. Aber Hermine Heusler-Edenhuizen setzt sich durch: Mit Auszeichnung macht sie ihr Examen, spezialisiert sich auf Frauenheilkunde und wird 1909 die erste niedergelassene Frauenärztin Deutschlands.

Sie führt schließlich eine Privatpraxis in Berlin, setzt sich aber auch für ärmere Frauen ein. So fordert sie kostenlose Verhütungsmittel, macht sich für Schwangerschafts- und Rückbildungsgymnastik stark und forscht über das Kindbettfieber. Und: Sie fordert, dass Frauen straffrei abtreiben dürfen. 1924 ist sie Gründungsmitglied des Deutschen Ärztinnenbundes, den es bis heute gibt. Während der Nazi-Zeit versucht sie immer wieder, jüdischen Patientinnen und ihren Familien zu helfen. Von den Nazis bleibt sie weitgehend unbehelligt, weil viele Frauen der Parteigrößen von ihr behandelt werden.

4 Käthe Popall (1907 – 1984): Bremens erste Senatorin

Porträt Käthe Popall
Käthe Popall wurde mit 38 Gesundheitssenatorin. Bild: Staatsarchiv Bremen

Im Mai 1945 enden für Käthe Popall zehn zehrende Jahre der Gefangenschaft: Als Kommunistin hatte sie sich dem Widerstand angeschlossen, bis sie mit 28 Jahren schließlich verhört, gefoltert und zu einer Haftstrafe verurteilt wird. Nachdem sie von den Alliierten befreit wird, läuft sie zu Fuß zurück in ihre Heimat Bremen, wo sie sofort beginnt, sich politisch zu engagieren. Ein Jahr nach Ende der Gefangenschaft wird sie mit 38 Jahren Gesundheitssenatorin.

1948 muss sie ihren Posten abgeben, da die Amerikaner keine Kommunisten mehr in der Regierung haben wollen. Sie bleibt aber noch weitere drei Jahre Abgeordnete in der Bürgerschaft. Aber als in ihrer Partei der Stalinismus erstarkt, kritisieren Käthe Popall und ihr Mann das öffentlich. Nach mehreren Parteiausschlussverfahren tritt sie schließlich verbittert aus.

5 Annemarie Mevissen (1914 – 2006): Erste Bremer Bürgermeisterin

Annemarie Mevissen 1954 am Telefon (Archivbild)
Annemarie Mevissen musste sich dursetzen: Als Frau und Mutter wurde sie zunächst im Senat nicht ernstgenommen. Bild: Staatsarchiv Bremen | Karl Edmund Schmidt

Als Annemarie Mevissen 1947 in die Bremische Bürgerschaft gewählt wird, ist die Sozialdemokratin die jüngste Abgeordnete im Parlament – und am Anfang einer steilen Karriere. Nach nur vier Jahren als Abgeordnete wird sie "Senatorin für das Jugendwesen". Im Senat hat sie es nicht leicht: Als Mutter und Ehefrau wird sie nicht ernstgenommen.Trotzdem wird sie 1967 schließlich zweite Bürgermeisterin neben Hans Koschnick – als erste Frau in der Bremer Geschichte.

1968 wird sie auch bundesweit bekannt: Als Jugendliche bei den Bremer Straßenbahnunruhen gegen die steigenden Preise der BSAG demonstrieren, droht die Lage zu eskalieren. Annemarie Mevissen erkennt die Gefahr, fährt zu den Demonstrierenden, steigt auf eine Streusandkiste, sucht den Dialog – und kann die Situation beruhigen. Als sie sich mit 60 Jahren aus der Politik zurückzieht, ist sie nach 23 Jahren die dienstälteste Landesministerin der Bundesrepublik.

6 Janina Marahrens-Hashagen (*1956): Erste Präses der Handelskammer und erste Schafferin

Janina Marahrens-Hashagen steht im Rathaus
Janina Marahrens-Hashagen wird 2019 als erste Frau Präses der Handelskammer. Bild: dpa | Sina Schuldt

Noch heute gibt es viele Posten, die Frauen bisher verwehrt geblieben sind. Die Bremer Unternehmerin Janina Marahrens-Hashagen hat in nur wenigen Jahren gleich zwei dieser Posten bekleidet, die bisher keine Frau vor ihr inne hatte: 2019 wird sie als erste Frau in das Amt des Präses der Handelskammer Bremen und Bremerhaven gewählt, den Posten hat sie bis zum Januar 2022 inne. Und in diesem Jahr hat sie erneut Geschichte geschrieben: Als erste Frau führt sie die Tafelrunde des Bremer Schaffermahls als erste Schafferin an.

"Müssen mit der Zeit gehen": Erste Frau richtet Schaffermahlzeit aus

Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Lisa-Maria Röhling
    Lisa-Maria Röhling