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Bremer Feuerwehr in Personalnot: "Mir macht das ein mulmiges Gefühl"

Feuerwehrleute berichten von Personalnot bei der Bremer Feuerwehr

Bild: DPA | Philipp Schulze

Bei manchen Einsätzen fühle er sich nicht sicher, sagt ein Feuerwehrmann. Es komme vor, dass Kräfte auf eigenes Risiko handeln müssen. Er schildert die Lage aus seiner Sicht.

Die Lage sei brisanter als die Feuerwehr Bremen und Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) zugeben. Das sagen zwei Feuerwehrleute, die sich unabhängig voneinander – ohne vom anderen zu wissen – bei buten un binnen gemeldet haben. Dass Personal fehlt, ist nicht neu. Die Feuerwehr und der Senator räumten im Juli ein, dass Corona zu einem hohen Krankheitsstand und die Urlaubszeit zu größeren Engpässen führten, es käme aber zu keinen wirklichen Einschränkungen. Dem hat die Feuerwehrgewerkschaft widersprochen und auch die beiden Einsatzkräfte sehen das anders. Sie haben buten un binnen anonym erzählt, wie sie die Lage erleben. Das Gespräch mit einem von ihnen lesen Sie hier.

Herr Baumann (Name geändert), Sie haben ein Interview von sich aus angeboten, was hat dazu geführt?
Das war ein Bericht bei buten un binnen über die Personallage bei der Feuerwehr, in dem von Seiten der Feuerwehr gesagt wurde, es gebe keine Gefährdungen, keine wirklichen Einschränkungen. Die Fakten zeigen ganz klar etwas anderes. Vieles am System funktioniert nur, weil wir als Kolleginnen und Kollegen das irgendwie noch mittragen, aber in der Folge zu großen Teilen wirklich darunter leiden.
Was hat das ausgelöst, als Sie das gelesen haben, Ärger?
Nein, eine Unsicherheit. Weil die Darstellung einfach nicht der Realität entspricht, und wenn wir immer so weiter machen würden, wie wir es bis jetzt getan haben – das schön zu reden – auch keine Veränderungen erreichen werden.
Was sagt die Faktenlage denn aus Ihrer Sicht?
Dass wir so wenig Personal haben, dass anders, als es offiziell gesagt wurde, sehr wohl auch Löschfahrzeuge ausfallen. Wir haben acht Löschfahrzeuge, eins ist regelmäßig außer Dienst, schon mehrere Monate. Früher war das nur so, wenn es eine Krankheitswelle gegeben hat. Seit Anfang des Jahres passiert das aber immer wieder. Und es betrifft auch die Besetzung der Löschfahrzeuge, dass manchmal eine Kraft weniger auf dem Wagen sitzt, das geht auf Kosten der Sicherheit – und es gibt manchmal auch zu wenig Taucher.
Blicken wir auf die Taucher, wie viele sind normalerweise im Dienst?
Es müssen immer vier Taucher im Dienst sein. Wenn es nur einer weniger ist, dürfen die gar nicht mehr tauchen, sondern nur noch eine Oberflächenrettung machen, weil sie nicht gesichert werden können. Das funktioniert so, dass immer einer taucht und durch einen Kollegen mit einer Leine gesichert ist. Aber die Leine kann sich zum Beispiel verhaken, da kann man nicht einfach jemanden hochziehen. Das zweite Paar ist deshalb dazu da, den Taucher gegebenenfalls zu retten. Bei nur drei Kollegen geht das nicht, dann können sie nur noch auf eigenes Risiko tauchen. Das kommt selten vor, das ist eine absolute Ausnahmesituation, aber es passiert.

Wenn da zum Beispiel ein Kind in einem See wäre, würde doch jeder versuchen, das Kind zu retten. Das würden alle Taucher bei der Feuerwehr auch machen. Aber auf eigenes Risiko.

Feuerwehrmann, Feuerwehr Bremen
Es ist eine Ausnahmesituation, aber wie fühlen Sie sich im Dienst, wenn Sie wissen, das ist die Lage?
Schlecht.

(macht eine lange Pause)

Wenn da zum Beispiel ein Kind in einem See wäre, würde doch jeder versuchen, das Kind zu retten. Das würden alle Taucher bei der Feuerwehr auch machen. Aber auf eigenes Risiko. Die würden ziemlich sicher ihre Sicherheit aufs Spiel setzen, von Dienstvorschriften abweichen, gegen Dienstvorschriften sogar verstoßen, um den Menschen zu retten – aber auf eigenes Risiko.
Was häufiger vorkommt, ist, dass Sie auf Wache kommen und 15 Kräfte oder mehr fehlen. Wie gehen Sie damit um?
Dann geht es mir ehrlich gesagt auch schlecht. Wenn sehr viele Kollegen in der Schicht fehlen, dann macht mir das ein mulmiges Gefühl. Weil ich weiß, dass deutlich weniger Kräfte zeitnah als Rückendeckung da sein können, auch zu meiner eigenen Sicherung.
Sie sagen auch, es ist ein Löschfahrzeug regelmäßig außer Dienst. Was hat das für Folgen?
Das bedeutet, dass Bereiche in Bremen, die ohnehin schon schlechter versorgt sind, noch langsamer erreicht werden. Wir halten die Frist, bis Hilfe kommen muss – das sind sogenannte Hilfsfristen, die eingeplant sind – in einem Teil Bremens eh oft nicht ein. Deshalb wird ja auch die Feuerwache 7 gebaut, um da schneller zu werden.
Wann wird das zu einer Gefahr aus Ihrer Sicht?
Wenn es einen Brand gibt und mehrere Löschfahrzeuge gebraucht werden, dann kommen die auch. Die Frage ist nur, von wo die kommen – und wie lange das dauert. Wenn es mehrere Einsätze gleichzeitig gibt, dann ist das ein Problem. Wenn ein Löschfahrzeug geplant außer Dienst ist, haben die anderen einen längeren Anfahrtsweg.

Es ist kein gutes Gefühl, wenn man zu einer Einsatzstelle kommt und weiß, man ist in den nächsten zehn oder 15 Minuten alleine. Es ist schon vorgekommen, dass zwei Kollegen auf der Drehleiter erst mal alleine vor Ort waren. Die können eigentlich nur die Einsatzstelle vorbereiten und erkunden. Denn man geht ja in der Regel in verrauchte Bereiche, und da geht man immer nur zu zweit rein – und ein zweiter Trupp muss als Sicherung vor Ort sein.

Wenn noch keiner da ist, der einen sichern kann, würde sich ja keiner an die Dienstvorschriften halten, wenn man weiß, da ist noch eine Person drin, die man retten kann.

Feuerwehrmann, Feuerwehr Bremen
Doch die Kollegen würden ja nicht nur bei einem Badeunfall Risiken eingehen, sondern auch bei einer Feuermeldung. Wenn noch keiner da ist, der einen sichern kann, würde sich ja keiner an die Dienstvorschriften halten, wenn man weiß, da ist noch eine Person drin, die man retten kann.

Es ist gar nicht lange her, da hat sich ein Kollege die Atemschutzmaske aufgesetzt und ist ohne Sicherung reingangen in ein Gebäude, um zu gucken, ob da jemand liegt. Er ist dann aber nicht weiter in den dichten Rauch, weil klar war, dass der Bewohner nicht zu Hause war. Die Kollegen sind ja entsprechend ausgebildet und zum Glück nicht lebensmüde. Aber es widerspricht den bundesweit geltenden Feuerwehr-Dienstvorschriften alleine und ungesichert in verrauchte Bereiche vorzugehen.
Gerade erst, am Freitag, gab es in Bremen zwei Aufsehen erregende Brände. Ein Mensch starb am Morgen im Bremer Viertel bei einem Dachstuhlbrand, am Abend dann ein Großfeuer im Industriehafen. Müssen sich die Bremer Sorgen machen, dass die Feuerwehr zu spät kommt?
Nein, im Viertel, in der Innenstadt, ist die Feuerwehr sehr schnell da, immer. Da muss man sich keine Sorgen machen. Und bei einem Großbrand, hat auch eine personelle Unterbesetzung erst mal keine gravierenden Folgen. Da ist von vornherein immer klar, dass das nicht mit den Kräften der Berufsfeuerwehr allein zu schaffen ist. Da werden gleichzeitig auch die Freiwilligen Feuerwehren immer mit alarmiert.

Ein größeres Problem ist, dass Sonderfahrzeuge, wie ein Tanklöschfahrzeug, was man bei so einem Brand im Industriehafen ganz sicher braucht, oder ein Umweltschutzwagen, oft außer Dienst sind, weil das Personal auf den Löschfahrzeugen sitzt. Da ist keiner mehr, der mit den Sonderfahrzeugen ausrücken kann. Und weil die Ressourcen der Berufsfeuerwehr endlich sind, können bei weiteren Einsätzen die zeitlichen Fristen, bis man den Ort erreicht, unter Umständen nicht mehr eingehalten werden.
Es hört sich so an, als machten Sie sich im Moment Sorgen vor allem um sich und Ihre Kollegen. Glauben Sie, Sie sprechen da auch im Namen Ihrer Kollegen?
Wenn man den Gesprächen glauben darf, die wir miteinander führen, dann sieht das ein Großteil der Kollegen genauso. Die Stimmung ist an bestimmten Stellen sehr schlecht. Es wird viel Personal hin- und hergeschoben – das geht auch nicht anders aktuell – aber da wechselt man auch in einer Schicht mal die Wache. Man weiß nie, was man wirklich an dem Tag machen muss. Und es fehlen die Ruhezeiten.

Eine Schicht hat 24 Stunden, das heißt ja nicht, dass man die ganze Zeit rumsitzt und wartet, bis es einen Einsatz gibt. Es gibt Büroarbeiten, es laufen Fortbildungen, die Fahrzeuge und Geräte müssen gewartet werden. Da war es immer wichtig, dass man auch mal eine ruhigere Schicht hat, wie zum Beispiel auf den Sonderfahrzeugen. Doch die werden ja oft nicht mehr besetzt, weil die Leute im Rettungsdienst oder auf den Löschfahrzeugen sitzen, und da kommt man nie wirklich zur Ruhe.
Woher kommt denn der akute Personalmangel aus Ihrer Sicht? buten un binnen liegen Dienstpläne vor, danach sah es im März nicht so schlecht aus wie aktuell.
Es ist schon was dran, dass Urlaub und Krankheitsfälle die Lage noch zuspitzen. Aber bis vor zwei Jahren haben deutlich mehr Kollegen freiwillige Mehrarbeit angeboten. Wir haben wegen der 56-Stunden-Woche regelmäßig freie Tage, die haben viele aber nicht genommen, sondern für Geld mehr gearbeitet. Das passiert inzwischen so gut wie gar nicht mehr.
Was hat sich geändert?
Es hat einen ersten Knick gegeben, als das Ende 2020 mit dem Skandal bei der Feuerwehr passiert ist. Das ist vielen sehr an die Nieren gegangen. Wir haben ja nicht nur für Geld gearbeitet, sondern einfach für und mit den Kollegen zusammen. Und weil man sich bei der Feuerwehr ja auch verpflichtet fühlt, ein Vorbild zu sein. Viele hatten das Gefühl, sie werden in der Öffentlichkeit nicht mehr so wahrgenommen und waren völlig demotiviert. Die Stimmung war da schon deutlich schlechter.
Und je länger dann Corona dauerte, desto mehr wurden die Kollegen auch zu Hause gebraucht, um das Familienleben am Laufen zu halten, Kinderbetreuung, Homeschooling. Und dann wurden die Schichten nach und nach immer stressiger, weil sich die Arbeit auf immer weniger Schultern verteilt hat – da helfen 200 Euro nicht weiter. Und dann kommt auch eine Spirale in Gang, das spitzt sich zu, sodass wir jetzt alle wirklich erschöpft sind und die Ruhetage auch brauchen, um zu regenerieren.
Sie haben die Wache 7 schon angesprochen. Die soll voraussichtlich Anfang des neuen Jahres kommen. Die muss auch personell besetzt werden. Was glauben Sie, wie das geht?
Das geht nur, wenn man Personal woanders abzieht, denke ich. Aber eigentlich geht das nur mit deutlich mehr Feuerwehrleuten. Aber die zu finden, ist schwierig. Die Anforderungen sind hoch, und die können wir nicht runterschrauben. Ich gehe davon aus, dass zumindest die Sonderfahrzeuge in den Wachen noch seltener besetzt werden und das Personal umverteilt wird.
Was wünschen Sie sich von Ihrem Amtsleiter und Ihrem Dienstherren, dem Innensenator?
Naja. Über die 60 Euro Sonderzulage für die Sommermonate haben wir sehr gelacht. Wenn man das in Stundenlohn umrechnet, sind wir je nach Dienstgrad bei Mindestlohn.
In den letzten 25 Jahren war der Personalabbau bei der Feuerwehr politisch gewollt. Und jeder wusste, dass in Notfällen die Freiwillige Feuerwehr kommt und dass Feuerwehrleute Personen in Not immer retten würden. Wir sehen auch die Bemühungen, neue Kollegen für die Feuerwehr Bremen zu finden. Die Entwicklung jetzt umzukehren ist schwierig, aber wir brauchen mehr Personal – und Sicherheit kostet Geld. Dass das alles so schnell nicht geht, wissen wir. Aber ich wünsche mir wenigsten eine ehrliche Kommunikation darüber, intern und nach außen.

Als ich 2008 Innensenator wurde, hatte die Feuerwehr 474 Stellen, im Jahr 2023 sind wir bei 679 Stellen. Wir haben damit ein Drittel mehr. Wir sind somit auf dem richtigen Weg.

Ulrich Mäurer, Innensenator Bremen

Das Innenressort widerspricht der Behauptung, der Personalabbau sei politisch gewollt und verweist auf die Aufstockung des Personals bei der Feuerwehr Bremen. Das teilte die Behörde buten un binnen mit:

Großeinsatz im Bremer Viertel: Ein Mensch stirbt bei Dachstuhlbrand

Bild: Radio Bremen

Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Nachrichten, 8. August 2022, 7 Uhr