So versöhnte sich diese Bremerin nach einer Funkstille mit ihrem Vater

Gonca Efe-Şahantürk
Gonca Efe-Şahantürk

So versöhnte sich diese Bremerin nach einem Jahr mit ihrem Vater

Bild: Radio Bremen | Mario Neumann

Früher hatte Gonca Efe-Şahantürk immer wieder Streit mit ihrem Vater. Sie zieht aus, er spricht nicht mehr mit ihr – bis ein Uni-Diplom die Wende bringt.

Bremen-Gröpelingen, Anfang der 90er – die kleine Gonca steckt mitten in der Pubertät. Für sie so erstmal kein Problem. Sie fühlte sich in ihrem Stadtteil wohl, kannte die Leute, wenn sie draußen auf der Straße unterwegs war, beim Bäcker und in anderen Läden, erzählt sie im Podcast "Eine Stunde reden" von Bremen Zwei. Doch je mehr sie eine junge Frau wurde, desto stärker entwickelte sie ihre eigene Persönlichkeit, lebte ihre eigene Identität aus, gab es schwierige Momente. In ihrem sehr muslimisch geprägten Elternhaus treffen unterschiedliche Kulturen aufeinander, den Eltern fiel es schwer zu verstehen, warum sich ihre liebe Tochter so anders entwickelte, als sie erwarteten.

Da gab es häufig Disput, speziell zwischen meinem Vater und mir, bis ich dann entschieden habe, von zu Hause ausziehen. Meine Intention und seine Befürchtungen, warum ich ausziehen möchte, waren sehr unterschiedlich. Er konnte mich nicht verstehen, ich konnte ihn nicht verstehen.

Gonca Efe-Şahantürk

Kein Kontakt zwischen Vater und Tochter

Aus der Sicht des Vaters war seine Tochter anarchistisch. Ihre Erwartungen, Ansprüche, Wünsche, wie beispielsweise ins Ausland gehen zu wollen, waren für ihn undenkbar. Gonca Efe-Şahantürk nahm den Kampf auf sich, mit allen Konsequenzen. Ein Graben tat sich auf zwischen Vater und Tochter, er habe sie gehen lassen und dadurch bestraft, dass er nicht mehr mit ihr gesprochen hat, erzählt sie: "Das habe ich hingenommen, aber ich habe geduldig gewartet. Weil ich darauf gehofft habe, dass er mich irgendwann irgendwie verstehen wird und auch sehen wird, dass seine Befürchtungen nicht richtig sind."

Der Vater arbeitete als Schweißer auf der AG Weser Werft. Er war Gründungsmitglied von Vatan-Sport, dem ersten Sportverein in Bremen, den vor allem Menschen mit Migrationshintergrund ins Leben gerufen haben. Es hat ein Jahr gedauert. Das war keine einfache Zeit, erinnert sich Gonca Efe-Şahantürk. Immer wenn sie zuhause zu Besuch war, war es besonders schmerzhaft. Trotzdem hielt sie den Kontakt aufrecht. Zwar hatte es der Vater so empfunden, dass ihm seine Tochter den Rücken zukehrte, aus ihrer Perspektive aber hatte er sie ignoriert.

Verständis zeigen und Brücken bauen

Es war dann ein Moment, der das gekittet hat, uns wieder zusammen gebracht hat: Nachdem ich meinen Uniabschluss in Soziologie und Wirtschaft gemacht hatte, schenkte ich ihm das Diplom in einem Rahmen. Weil ich wusste, das war immer sein Herzenswunsch. Ich wollte ihm zeigen, dass ich seinen Herzenswunsch erfüllt habe.

Gonca Efe-Şahantürk

Sie küsste ihrem Vater damals die Hand, wie es zum Zuckerfest Tradition ist. Das hatte ihn sehr berührt. Was sie berührt hatte? Ihr Vater, denn er hatte einen Brief geschrieben, den er ihr gab. Und dann haben beide geweint und sich umarmt. Sie zog sich zurück, las den Brief, darin standen großzügige Worten voller Liebe, schildert sie. Da wurde ihr klar, dass auch ihr Vater gelitten hatte. Die Brücke über den Graben war gebaut, sie waren sich wieder nah. Er hat ihr wieder zugehört, war wieder für sie da.

Dieses Jahr machte Gonca Efe-Şahantürk ein dreimonatiges Sabatical in Frankreich, genoss die morgendliche Joggingrunde über die Strandpromenade von Nizza, den Kaffee mit den Einheimischen, die Ausflüge ins Hinterland. Und ihr Vater konnte sich für sie freuen.

Wie der Vater, so die Tochter

Inzwischen sind ihre eigenen Söhne groß und Gonca Efe-Şahantürk erkennt immer wieder Charakterzüge ihres Vaters in sich: Dass sie durchaus mal aufkocht, nichts auf sich sitzen lassen möchte. Wie die Wut kocht aber auch die Freude in ihr, ist sie oft gut gelaunt und überzeugt: Wenn sie lächelt, geht es ihr besser. Musik ist ihr wichtig, sie singt gerne, wie ihr Vater, ist Teil eines Chors.

Was die Religion betrifft, ist sie sich sicher, dass jeder Mensch seine eigene Form dafür finden muss, seinen Glauben auszuleben. Dass müsse jeder für sich finden und entscheiden dürfen, sagt die 49-Jährige: "Ich finde es nicht fair, wenn jemand dir das auf oktroyiert, wie du deinen Glauben auszuleben hast. Es kann nicht sein, dass es so etwas wie eine Checkliste geben muss, wenn du das erfüllt hast, dann bist du fromm oder gläubig oder was auch immer. Das fängt ja in deiner Seele, in dir selber, in deinem Geist, in deinem Wohlbefinden an, und da hört es auch auf. Und nur du selber entscheidest das."

Toleranz und Respekt prägen auch den beruflichen Alltag von Gonca Efe-Şahantürk, die in Bremen internationale Studiengänge organisiert, wo teilweise Menschen aus Ländern in einem Raum sitzen, die untereinander in Konflikt stehen. 

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Autor

  • Mario Neumann
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Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Abend, 30. November 2023, 21:05 Uhr