Interview

Bremerhavener Szene feiert ersten eigenen CSD

CSD Bremerhaven
Bild: CSD Bremerhaven | Finigan Willem

Der erste Christopher Street Day bundesweit wurde vor mehr als über 40 Jahren in Bremen gefeiert. Bremerhaven ist heute das erste Mal dabei – für die Organisatoren überfällig.

Sonja Höstermann ist Pressesprecherin des CSD Bremerhaven + Bremen e.V. für Bremerhaven. Für sie ist der CSD, der am Samstag das erste Mal in Bremerhaven gefeiert wird, nicht nur eine spaßiges Fest, sondern auch ein politisches Statement. Schließlich diene der CSD der LGBTQIA+-Community auch zum gedenken und demonstrieren.

Frau Höstermann, wie fühlt es sich an einen CSD in Bremerhaven feiern zu können?
Es ist total schön! In Bremerhaven sind queere oft in großen Städten wie Hamburg und Bremen unterwegs. Sich da zu zeigen und zu outen wo man wohnt, im eigenen Zuhause, das ist nochmal was ganz Besonderes für viele die am Samstag mitlaufen, für mich auch.
Sonja Höstermann, CSD Bremerhaven + Bremen
Sonja Höstermann vom CSD Bremerhaven wünscht sich bessere Netzwerke für die LGBTQIA+-Community. Bild: CSD Bremerhaven
In Bremen findet der CSD schon länger statt. Warum in Bremerhaven erst jetzt?
Es gab bisher keine richtige Infrastrukur für queere Leute, also Orte, Bars und Gelder für Projekte, wo man sich vernetzen kann. Wir wollen diese Infrastruktur aber gerade für queere, junge Leute schaffen, z.B. mit entsprechenden Geldern von der Stadt. Ich bin da selber sehr überrascht, dass es das bisher nicht gab. Außerdem gab es in den letzten Jahren immer mehr Leute die hierhin ziehen, da soll Bremerhaven auch attraktiver werden. Und dazu gehört eben auch ein CSD.
Wie trifft sich denn die queere Szene in Bremerhaven im Moment?
Es gibt erstmal überhaupt gar keine Orte, wo sich queere Menschen treffen können, nur einen Jugendtreff mit der Prism Jugendgruppe. Daraus ist auch die Gruppe Queer Fischtown entstanden. Die haben 2020 auf dem Bahnhofsvorplatz in Bremen eine große Queer-Flagge aufgehangen. Das wars dann aber schon mit Gruppen. Also es gibt natürlich queere Menschen in Bremerhaven, die halten sich hier dann aber eher nicht auf, sondern gehen dafür in die großen Städte. Deshalb brauchen wir umso mehr eine Infrastruktur und auch Geld für queere Menschen.
Was hat die queere Szene in Bremerhaven was anderen Städte nicht haben?
Es gibt einen Städtepartnerschaft zwischen Bremerhaven und dem polnischen Stettin, auch auf queerer Ebene. Dazu zählen auch regelmäßige, gegenseitige Besuche der CSD. Letztes Jahr haben wir einen Besuch in Stettin abgestattet, jetzt findet ein Gegenbesuch statt. Insgesamt kommen 17 Menschen aus Stettin. In Polen ist Queer-Sein wegen der politischen Lage auch nicht ungefährlich, die Partnerschaft ist da also umso wichtiger.
Wo wollen Sie in Bremerhaven überhaupt langlaufen?
Wir starten um 12 Uhr am Hauptbahnhof, entlang am Alten Hafen, durch die Innenstadt in Richtung Lehe und enden dann am Zollinlandsplatz, auch Zolli genannt. Dort werden dann auch die Kundgebungen stattfinden, das Beet unterstützt uns mit seiner Technik. Teile der Strecke werden dann auch gesperrt sein, zum Beispiel die Kennedy-Brücke.
Worauf freuen Sie und die Szene sich am meisten?
Es ist was Besonderes zu Hause einen CSD zu veranstalten. Deshalb freue ich mich am meisten über Freunde und Familie, aber auch über viele Menschen, die am Rand stehen, neugierig und offen sind. CSD bedeutet für uns Brust raus, Flügel ausbreiten. Wir gehören ganz fest zu Bremerhaven. Ich wünsche mir deshalb auch nochmal viele Regenbogenflaggen und geschmückte Geschäfte für ein tolerantes und weltoffenes Bremerhaven. Denn man darf nicht vergessen: Das ist ja auch eine politische Demonstration, die wir da machen.

Bremerhaven hat Nachholbedarf bei der Queerfreundlichkeit

Bild: Imago | Müller-Stauffenberg

Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 9. Juli 2022, 19:30 Uhr