Interview

Zwischen Violine und Werder: Das ist der neue Philharmoniker-Intendant

Zwischen Violine und Werder: Das ist der neue Philharmoniker-Intendant

Bild: dpa | Sina Schuldt

Im März bekommen die Bremer Philharmoniker einen neuen Intendanten: Guido Gärtner wechselt vom Bayrischen Staatsorchester an die Weser. Wer ist der neue Leiter des Orchesters?

Guido Gärtner ist als Musiker schon rumgekommen. Erste Orchester-Erfahrung sammelte er an der Geige in seiner Heimat Münster, studiert hat er danach in Berlin, den USA und der Schweiz. Seit 2008 spielte er im Bayrischen Staatsorchester, wo er auch das hauseigenen Klassik-Label "Bayerische Staatsoper Recordings" leitete. Nun reiht sich ein weiterer Ort in Gärtners Musiklaufbahn: Bremen. Der 45-Jährige wird im März neuer Intendant der Bremer Philharmoniker.

Herr Gärtner, Sie sind als Musiker schon ein bisschen rumgekommen – haben Sie die Erfahrung gemacht, dass Menschen an unterschiedlichen Orten klassische Musik unterschiedlich wahrnehmen?

Natürlich, absolut. Interessanterweise – und das vergisst man leider allzu oft – ist das Publikum ja ein genauso wesentlicher Bestandteil eines Konzertes wie diejenigen, die spielen. Und da merkt man die Unterschiede bei den Rezipienten sehr schnell und auch sofort. Das zeigt sich zum Beispiel darin, wie begeisterungsfähig ein Publikum ist, wie konzentriert es ist, wie groß ist es. Und ich glaube, da hat jedes Publikum seine eigenen Wesensarten.

Haben Sie denn schon eine Vorstellung vom Bremer Publikum?

Ich habe das Bremer Publikum und das Publikum der Philharmoniker schon erlebt. Ich war wirklich angetan von der Begeisterungsfähigkeit und Offenheit des Publikums. Und darauf setze ich natürlich auch, denn wir wollen das Publikum jetzt in den nächsten Jahren richtig mitnehmen.

War diese Begeisterungsfähigkeit auch einer der Gründe, warum Sie nach Bremen gegangen sind?

Ich gehe davon aus, dass überall das Publikum grundsätzlich von der Kraft der Musik zu begeistern ist. Der entscheidende Grund war eher das Orchester selbst. Die Bremer Philharmoniker sind ein Traditionsorchester, bald 200 Jahre alt, kommen aus der Mitte dieser Stadt und sind in einer bürgerschaftlichen Initiative gegründet worden. Und das merkt man diesem Orchester an: Mit all seinen Initiativen, seiner Vielfalt, seinen Spielorten, vielen Aktivitäten, aber auch mit dem gesellschaftspolitischen Engagement, was die Musikvermittlung oder den Klimaschutz angeht.

Es gibt sehr viele Bereiche, in denen man merkt: Dieses Orchester will etwas bewegen. Das war für mich ein ganz wesentlicher Faktor.

Guido Gärtner, designierter Intendant der Bremer Philharmoniker

Das andere, was entscheidend war, war Bremen als Standort: Ein Bundesland und Zwei-Städte-Staat, ein Ort, der ein bisschen vom Understatement lebt, aber auch einen gewissen Stolz hat und letztlich – und das ist der ganz zentrale Punkt – eine Musikstadt ist. An so einem Ort wirken zu dürfen und so eine wichtige und traditionsreiche Institutionen zu führen, ist natürlich ungemein reizvoll.

Hand aufs Herz: Hat für sie als Werder-Fan auch die Nähe zu ihrem Lieblingsverein da eine Rolle gespielt?

(lacht) Es ist tatsächlich so: Seit ich ein kleiner Junge bin, bin ich begeisterter Werder-Anhänger. Von diesem richtigen Weg bin ich auch nicht abgekommen, als ich mich 15 Jahre am Alpenrand aufgehalten habe. Darum freue ich mich, wenn ich ins Weserstadion gehen kann. Aber bei der Entscheidung für Bremen waren natürlich dann doch die Dinge, um die es ja eigentlich geht, ausschlaggebend.

Dann lassen Sie uns über diese genauer sprechen. Was werden konkret Ihre Aufgaben als Intendant sein?

Das Spannende an einer solchen Position ist die Komplexität, deswegen kann man das eigentlich nicht in einzelnen Schlagworten zusammenfassen. Ganz zentral ist aber, am Profil des Orchesters zu arbeiten – zum Beispiel das künstlerische Profil zu schärfen. Das bedeutet, gemeinsam mit dem Orchester zu überlegen, welches Repertoire man spielen will, mit welcher Ausrichtung man da herangeht, mit welchen Dirigenten, Solisten und Komponisten man sich assoziiert. Darüber hinaus stellen sich die Fragen: Wie wollen wir wahrgenommen werden? Welche Bedeutung wollen wir in der Stadt Bremen spielen? Welche Schwerpunkte setzt man? Wie leisten wir Musikvermittlung? Spielen wir auch Gastspiele? Wie schafft man es, dieses Orchester sichtbar und zugänglich zu machen? Und natürlich wollen wir dabei auch klarmachen: Es gibt uns seit fast 200 Jahren und es gibt eine große Berechtigung, warum es dieses Orchester gibt. Damit wollen wir es auch überlebensfähig machen, denn auch darum geht es beim Managen einer Organisation.

Gerade beim Thema Musikvermittlung geht es ja auch darum, Menschen für die Musik zu begeistern. Wie haben Sie sich für Musik begeistert?

Ich bin in meinem Elternhaus mit Musik aufgewachsen, nicht professionell, aber Musik hat immer eine Riesen-Rolle gespielt. Das war für mich früh eine Leidenschaft. Über das Instrument, das ich dann gelernt habe – Geige, mit sechs, sieben Jahren – bin ich dann noch mehr reingekommen und war auch im Schul- und im Landesjugendorchester. Darüber entwickelt sich bei den meisten Musikern und Musikerinnen diese Leidenschaft: dass man etwas kennenlernt wie die klassische Musik und merkt, dass einem das liegt – dass man da ein Talent hat. Das ist so eine Sogwirkung. Jetzt ist es ein großes Privileg, dass ich diese Leidenschaft habe und zum Beruf machen darf.

Bleibt für Sie in Zukunft als Intendant überhaupt noch Zeit für diese Kreativität als Musiker oder ersticken Sie eher in organisatorischen Dingen?

Ich würde da ganz vorsichtig widersprechen. Ich glaube, als Intendant zu arbeiten, ist hochkreativ – das ist ja das Spannende.

Die künstlerischen und strategischen Fragen hängen ja zusammen. Und das ist das, was so irrsinnig Spaß macht.

Guido Gärtner, designierter Intendant der Bremer Philharmoniker

Ich weiß aber natürlich, was Sie meinen. Ich werde Musiker bleiben und da, wo ich es mir zeitlich erlauben kann, werde ich auch weiter Kammermusik machen. Ich finde das auch ganz wichtig. Denn genau das ist etwas, was ich beisteuern kann: dass ich sehr genau weiß, was einem Musiker, einer Musikerin wichtig ist und worauf es ankommt.

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 11. Oktober 2023, 19:30 Uhr