Interview

AWI-Forscher zieht ernüchterndes Fazit nach Weltklimakonferenz

Hans-Otto Pörtner

AWI-Forscher zieht ernüchterndes Fazit nach Weltklimakonferenz

Bild: DPA | Lars Grübner/Alfred-Wegener-Institut

Die Klimakonferenz ist zwar nicht gescheitert, Jubel löst das Ergebnis in Deutschland aber nicht aus. Auch der Bremerhavener Klimaforscher Hans-Otto Pörtner ist enttäuscht.

Nach zwei Wochen Verhandlungen ist die UN-Klimakonferenz COP27 in Sharm el Sheikh in Ägypten zu Ende gegangen. Vor Ort mit dabei war Hans-Otto Pörtner, Klimaforscher am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Im Gespräch mit Bremen Zwei zieht er Bilanz.

Herr Pörtner, hat sich die Klimakonferenz ihrer Meinung nach gelohnt?
Die hat sich in einem Aspekt gelohnt sicherlich, dass es endlich gelungen ist, auch Schadensausgleich in die Klimaverhandlungen einzubeziehen und damit den Ärmsten der Armen auch die Mittel zur Verfügung zu stellen, die es braucht, um Schäden zu reparieren. Aber das ist natürlich eine rückwärtsgewandte Maßnahme, die Teil eines Gesamtpakets sein muss und nicht als einziges erreichtes Ergebnis sozusagen jetzt auf den Teller gehoben wird. Und dabei ist eben noch nicht einmal klar, wer sich alles dort beteiligt. Denn einige, die sich beteiligen müssten, machen sich einen schlanken Fuß.
Haben Sie als Klimaforscher überhaupt irgendetwas an positiven Erkenntnissen oder Erfahrungen mitgebracht aus Ägypten für ihre weitere Arbeit?
Wir können natürlich als Wissenschaftler sagen, dass unsere Berichte im Weltklimarat gesehen werden, gelesen, gehört und aufgenommen in die Papiere. Also bei uns sind die beiden Berichte, die jetzt in diesem Jahr erschienen sind, darunter auch unser Bericht der Arbeitsgruppe II, prominent zitiert im Abschlussdokument. Und dann gibt es in dem Messe-Umfeld der Klimakonferenz viele Veranstaltungen, die auch im Prinzip das gemeinsame Denken in Richtung Klimaschutz zur Rolle der Ozeane und so weiter bestärken. Aber das alles reicht natürlich nicht, wenn diese Erkenntnisse nicht im Kernpunkt der Klimakonferenz auch aufscheinen. Vieles wird ja erwähnt, aber es wird eben dann, wenn es mit Blick in die Zukunft geht, in vage Formulierungen gegossen und entscheidende Bewegungen, also im Prinzip die Zeitenwende in Richtung massive Emissionsreduktionen, die ist nicht sichtbar.
Wo sehen Sie nun ganz konkret den Auftrag für die deutsche Politik?
Die deutsche Politik muss, wie viele andere Regierungen auch, die Sachkenntnisse nach vorne stellen, im Prinzip die Emissionsreduktionen zielorientiert vornehmen, und darf die Ziele nicht immer wieder mit Blick auf kurzfristige Kompromisse verbessern. Das ist ein Grundthema.
Warum fällt es denn selbst einer Nation wie Deutschland so schwer, bestimmten Regierungen vor Ort in Sharm el Sheikh klar zu machen, dass es eine Gefahr für uns alle ist und dass alle mehr machen müssen?
Das ist eine gute Frage. Ich denke, diejenigen, denen existenziell das Wasser bis zum Halse steht, die wirtschaftliche Nöte haben, die sind sehr konzentriert auf die sehr nahe Zukunft. Und das ist natürlich ein Hindernis auf dem Weg. Hier geht es um Probleme, die eben in 10, 20, 30 Jahren erst richtig massiv auftreten werden, und da ist das Lösen von kurzfristigen Problemen zunächst einmal scheinbar wichtiger. Wenn man dann im Blick hätte, das Langfristige nicht zu verletzen, so wie es ja im Moment in der Diskussion ist bei unserer Energiekrise, dann, denke ich, besteht ja noch eine Chance.

Das Interview führte Keno Bergholz für Bremen Zwei, aufgeschrieben von Sonja Harbers.

So schätzt ein AWI-Forscher den Fortgang der Weltklimakonferenz ein

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 21. November 2022, 8:10 Uhr