Fragen & Antworten

Warum Bremen die Hochburg der Alleinerziehenden ohne Arbeit ist

Eine Mutter hält ihr Kind an der Hand.

Alleinerziehend sein – betroffen und jetzt?

Bild: DPA | Zoonar | Elmar Gubisch

Bei Negativstatistiken ist Bremen gerne mal vorne: So ist beispielsweise die Zahl der Alleinerziehenden, die keinen Job haben, in Bremen höher als in anderen Bundesländern.

Wie viele Menschen sind in Bremen alleinerziehend?
Die aktuellsten Zahlen geben den Stand vom Jahr 2020 wieder. Demnach gibt es in Bremen 17.000 Alleinerziehende mit Kindern unter 18 Jahren. Das sind 27 Prozent aller Familien mit minderjährigen Kindern. Also wird fast jeder dritte Haushalt mit Kindern von nur einer Person geführt. Im bundesweiten Durchschnitt sind es nur 17 Prozent.
Wie können Alleinerziehende in Bremen Kinder und Beruf vereinbaren?
Die Vereinbarkeit von Job und Kindern ist sicher das größte Problem von Alleinerziehenden – und in Bremen sind davon mehr Menschen betroffen als anderswo. Nach einem Bericht der Arbeitnehmerkammer Bremen, die regelmäßig Statistiken der Arbeitsagentur und der Statistischen Landesämter auswertet, sind 63,9 Prozent der Alleinerziehenden in Bremen berufstätig. Das ist die schlechteste Quote im Vergleich aller Bundesländer. In den Stadtstaaten Hamburg und Berlin sind es 73 Prozent und 70 Prozent. Im Bundesdurchschnitt 76,2 Prozent. Bremen scheint also ein vergleichsweise schlechtes Pflaster zu sein, um Kinder und Beruf zu vereinbaren.

Daraus folgt, dass in Bremen besonders viele Alleinerziehende (62,4 Prozent) auf finanzielle Hilfen des Staates angewiesen sind. Laut Arbeitnehmerkammer ist auch hier Bremen negativer Spitzenreiter. Im Bundesdurchschnitt sind es nur 33,7 Prozent.
Wieso schneidet Bremen schlechter ab als andere Bundesländer?
Laut Arbeitnehmerkammer ist ein Knackpunkt die Kinderbetreuung. Demnach lag 2020 die Betreuungsquote von Kindern zwischen drei und sechs Jahren in Bremen bei rund 86 Prozent – der niedrigste Wert aller Bundesländer. Außerdem fehlen in Bremen Kitaplätze. Seit Jahren gibt es mehr Bedarf als Plätze. Außerdem ist es schwierig sein Kind unterjährig, also außerhalb der offiziellen Fristen, in einer Kita unterzubringen, obwohl der Rechtsanspruch besteht. Es gibt aber schlicht zu wenig Plätze. Eine große Hürde für Alleinerziehende, die sich die Betreuung des Kindes nicht mit einem Partner oder einer Partnerin teilen können. "Eine verlässliche Kinderbetreuung ist das A und O für Alleinerziehende, um zu arbeiten", sagt Bernd Schneider, Sprecher vom Bremer Sozialressort.

Ein weiterer Grund, warum in Bremen mehr Alleinerziehende nicht arbeiten als anderswo, könnte in der deutlich höheren Zahl an Zuwanderern liegen. Bremen hat deutlich mehr Ausländer aufgenommen als andere Bundesländer. "Für Nicht-Muttersprachler ist der Zugang zum Arbeitsmarkt noch schwieriger", so Schneider.

Außerdem, so die Arbeitnehmerkammer Bremen, hätten 74,2 Prozent der alleinerziehenden Arbeitslosen keinen Berufsabschluss. Auch das ist der schlechteste Wert im Bundesvergleich.
Was müsste sich in Bremen verändern?
An erster Stelle steht der weitere Ausbau der Kinderbetreuung. "Man braucht erst eine Betreuung, um dann einer Beschäftigung nachgehen zu können", sagt Lisa Fuchs vom Netzwerk für Alleinerziehende in Bremen. Dazu wünscht sie sich von Arbeitgebern mehr Flexibilität, damit Alleinerziehende Kinder und Job besser unter einen Hut bringen können. Das betreffe beispielsweise auch Führungsebenen – dort könnten geteilte Führungsposten die Eltern entlasten.

Alleinerziehend zu sein sollte kein Stigma sein, so Fuchs. Sie wünscht sich in dieser Hinsicht eine vorurteilsfreie Gesellschaft.
Wo können Alleinerziehende Hilfe und Beratung bekommen?
In Bremen gibt es diverse Organisationen und Ansprechpartner, wo Alleinerziehende Rat und Hilfe bekommen können. Einen guten Überblick bietet die Webseite Familiennetz Bremen. Dort können Interessierte Angebote aufgeteilt nach Stadtteilen und Themenbereichen finden.

Außerdem gibt es bei der Senatorin für Soziales und Familien eine 27seitige Broschüre mit einem Überblick, wem in welcher Lebenssituation welche finanziellen Hilfen zustehen.

Im Projekt VIA, das vom europäischen Sozialfonds gefördert wird und über fünf Jahre läuft, wird Alleinerziehenden bei der Weiterqualifizierung und Jobsuche geholfen. Seit dem Start 2018 sind rund 150 Alleinerziehende vermittelt worden, rund 80 in reguläre Arbeitsstelle, 70 in Qualifizierungsmaßnahmen oder Sprachkurse. VIA könnte noch mehr Menschen unterstützen, heißt es dort.

Des Weiteren läuft in Bremen seit rund einem Jahr ein Modellprojekt am Jobcenter, um Alleinerziehenden die Rückkehr in den Beruf zu erleichtern. Dort werden Kinderbetreuungsplätze unterjährig mit flexiblen Zeiten angeboten, so dass Alleinerziehende Job- oder Weiterbildungsangebote auch spontan annehmen können.

Bremer Jobcenter hilft Alleinerziehenden bei der Kinderbetreuung

Bild: Radio Bremen

Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 28. September 2022, 8:10 Uhr