Interview

Armutsbetroffene aus Syke: "Wenn ihr Spartipps wollt, fragt uns"

Demonstration und Kundgebung der in sozialen Medien stark beachteten sozialen Bewegung.

Zahlen, Daten und Fakten zur Armut in Bremen

Bild: Imago | IPON

Schon vor der Krise hatten viele Menschen in Bremen, Bremerhaven und umzu zu wenig Geld. Jetzt droht eine soziale Katastrophe. Eine Frau erzählt, wie es ist wirklich arm zu sein.

Unter dem Hashtag #ichbinarmutsbetroffen erzählen User auf Twitter von ihrem Leben mit der Armut. Sie wollen Gesicht zeigen, deutlich machen, was Armut ist. Oft berichten sie von bedrückenden Situationen, es geht um Verzicht und um Ausgrenzung. Twitter-Userin @LuffyLumen aus Syke gehört dazu. Sie ist mit ihren Tweets sogar bis in den Bundestag gekommen. Die Mutter von zwei Kindern macht eine Ausbildung als Pflegefachkraft, seit März ist sie aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeitsfähig. Luffy Lumen hat buten un binnen erzählt, woran sie merkt, dass sie arm ist und wie die Twitter-Aktion für gute Momente im Leben von Armutsbetroffenen sorgt.

Luffy Lumen, ein Thema der Twitter-Aktion ist, Menschen zu erzählen, woran Armutsbetroffene merken, dass Sie arm sind. Woran merken Sie es?
An vielen Sachen. Ich merke es an ganz normalen Dingen wie alter Kleidung, ich trage so gut wie keine Kleidung, die mir gefällt, sondern das, was es im Sozialkaufhaus zufällig in meiner Größe gibt. Wir merken es auch daran, dass wir nicht essen können, worauf wir Lust haben. Auch an kaputten Möbeln. Eigentlich an allem. Dinge, die was kosten, gehen sowieso nicht, abends mal mit Freunden weggehen, was trinken, in die Kneipe, das ist einfach nicht drin. So verliert man nach und nach seine Freundschaften, weil man ja eh immer absagen muss. Man wird dann sowieso gar nicht mehr gefragt.

Und die Teilhabe für die Kinder ist ein großes Problem. Mal hier ein Eis essen, mal dort ins Kino gehen, mal hier ins Schwimmbad. Was andere Kinder mal eben so machen, das ist bei uns nur schwer drin. Ich muss auch immer wieder nein sagen, wir müssen eben auf viel verzichten. Die Selbstverwirklichung bleibt auf der Strecke – und die Gesundheit. Ich bin angeschlagen. Ich muss bei Medikamenten zuzahlen, bis zur Zuzahlungsbefreiungsgrenze und das ist eine Belastung. Wenn man zum Beispiel eine Erkältung hat, gehen andere Menschen einfach in die Apotheke. Wir wägen ab, ob noch Geld für Hustensaft da ist.
Was bedeutet das für Sie, sich unter #ichbinarmutsbetroffen zeigen zu können?
Es ist eine Erleichterung. Einem wird ja immer eingeredet, dass man selber Schuld sei, wenn man arm ist, andere können das ja auch. Der Hashtag hat einfach gezeigt: Nein, ich bin nicht alleine. Es gibt ganz viele, die damit nicht zurechtkommen, die Probleme haben und denen es vor allem genauso geht wie mir. Man hat dadurch auch wieder soziale Kontakte geknüpft mit Menschen in ähnlichen Situationen. Ich finde das großartig, was dort an sozialem Zusammenhalt herrscht. Es wird immer gesagt, wir seien "sozial schwach", aber das kann ich überhaupt nicht bestätigen. Das sind mit die sozialsten Menschen, die ich je kennengelernt habe. Eine Frau hat mich jetzt ein paar Tage mit dem 9-Euro-Ticket besucht. Aber auch über die Smart Mobs habe ich Leute kennengelernt.
Wie sind die Reaktionen auf ihr "Outing" als armutsbetroffene Person?
Mein erster Tweet hat direkt eine große Reichweite bekommen, mit der ich nicht gerechnet habe. Ich konnte damals keine Melonen für meine Kinder kaufen. Da waren auch nicht so "nette" Kommentare dabei, wie "Im Mai kauft man keine Melonen", "Selber Schuld" und "Geh doch arbeiten". Natürlich gibt es solche Kommentare, aber ich blocke die meisten jetzt tatsächlich weg. Der Tweet wurde dann auch im Bundestag vorgelesen, von Janine Wissler, einer der Parteivorsitzenden der Partei Die Linke. Ich war erstmal geschockt, aber am Ende war es gut, dass ich auch mal gesehen wurde.

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Sie sind Auszubildende in der Pflege, wie ist Ihre finanzielle Lage?
Das Ausbildungsgehalt ist tatsächlich relativ gut. Aber ich habe eine Familie, wir sind vier Personen, da reicht das nicht, also stocken wir auf. Seit März bin ich arbeitsunfähig. Im Krankengeld gibt es auch keinen Freibetrag. Dementsprechend haben wir nun, was Hartz IV-Empfängern zusteht.
Wie sind Sie eigentlich arm geworden?
Ich bin schon mein Leben lang von Armut betroffen. Meine Mutter war alleinerziehend und hatte nie viel Geld. Ich bin nie rausgekommen aus der Armut und hatte sehr früh Depressionen. Dazu habe ich eine schlechte mittlere Reife und keinen Ausbildungsplatz bekommen. Als ich dann eine Ausbildung hatte, hatte ich viel Pech.
Eine Frau steht vor dem Bremer Parkhotel
Twitter-Userin @LuffyLumen aus Syke schreibt über ihren Alltag, der von Verzicht geprägt ist. Bild: Privat
Sie haben gesagt, sie hatten früh Depressionen. Würden Sie sagen, dass Ihre Armut Sie auch psychisch belastet?
Es sind Existenzängste auf ganzer Linie. Wenn was kaputt geht, dann kann ich es nicht ersetzen. Uns ist im Mai die Waschmaschine kaputt gegangen. Vier Menschen sind wir und ich musste ein paar Tage mit der Hand waschen. Ein paar Rücklagen hatten wir noch, die für unsere Hochzeit gedacht waren. Die habe ich dann in eine neue Waschmaschine investiert. Wenn aber jetzt was kaputt geht, habe ich ein Problem.
Viele nehmen die Inflation wahr und bekommen Angst, die sonst solche Sorgen gar nicht kannten. Wie fühlt sich das für Sie an?
Die ganzen Regelsatzberechnungen passen vorne und hinten nicht. Da sind Lebensmittel für eine alleinstehende Person um die 150 Euro im Monat veranschlagt. Das ist mit der Inflation nicht mehr zu zahlen. Das war vorher schon nicht möglich, sich ausgewogen und gesund zu ernähren und so, dass man auch das isst, worauf man Lust hat. Es muss aus allen anderen Bereichen das Geld genommen werden. Für einen neuen Kühlschrank müsste man 30 Jahre sparen, dafür sind 30 Cent im Regelsatz vorgesehen. Insgesamt sind für Instandhaltung der Wohnung und Energiekosten um die 38 Euro vorgesehen. Das überwiegt derzeit die Energiekosten schon bei weitem.

So teilt sich der Hartz IV-Regelsatz auf

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Viele, die bei der Aktion #ichbinarmutsbetroffen mitmachen, haben in ihrer Twitterbiografie nun auch einen Link zu einer "Wishlist". Andere Menschen können darüber Dinge für Sie bestellen, Ihnen etwas schenken. Wie ist Ihre Erfahrung damit?
Ich wurde von vielen, die helfen wollten, ermutigt mir eine Wishlist anzulegen, Ich wollte das am Anfang gar nicht. Dann habe ich doch eine gemacht, wo die nötigsten Sachen draufstanden. Es ist eine riesengroße Erleichterung. Aktuell habe ich Lebensmittelvorräte, das kenne ich so gar nicht. Ich konnte sogar Sachen ermöglichen, wie meiner Tochter einen Wunschkuchen zum Geburtstag zu backen.
Es hat uns jemand zum Beispiel den Schulranzen für unsere Tochter bezahlt. Die sind eben sehr teuer und so hat sie jetzt einen sehr guten Schulranzen mit ihrem Wunschmotiv, wenn sie nächstes Jahr in die Schule kommt. Es kamen sogar Matratzen für mich, unsere waren 20 Jahre alt und schon gebraucht.
Was bekommen so im Alltag über die Liste geschenkt?
Lebensmittel kommen relativ oft, Sachen für die Kinder und Schulmaterial für die Große. Katzenfutter bekommt man immer mal wieder oder auch die essentiellen Sachen wie Toilettenpapier oder Waschmittel. Ganz normale Dinge, die eben sonst manchmal nicht drin wären. Es sind oft diese kleinen Dinge. Ich freue mich auch wahnsinnig über Müllbeutel, die uns geschenkt werden, weil es uns entlastet.
Werden die Wishlists auf Twitter auch kommentiert?
Viele Menschen wollen wirklich helfen. Es sehen aber auch viele sehr kritisch. Manche wollen einen sogar anzeigen, weil es ja Sozialbetrug wäre. Neuerdings gibt es viele Trolle, die die Listen leerräumen und dann die Bestellungen stornieren. So wird es als gekauft angezeigt und die Liste ist dann leer. Daraus machen die sich dann einen Spaß. Das ist gerade ein sehr großes Problem.

Was mir ganz wichtig ist, ist das die Stigmatisierung aufhört. Armutsbetroffene werden als faul hingestellt – als ob sie selbst Schuld wären. Das ist eines der größten Probleme, die wir haben. Wir sind eine große Masse Menschen, die betroffen sind und die meisten können nichts dafür. Es ist außerdem kein Leben in der Hängematte, was ganz toll ist. Den ganzen Tag zuhause sitzen ist auch nicht schön, es fördert Depressionen und Krankheiten.

@LuffyLumen, Twitter-Userin und Armutsbetroffene
In der Krise werden viele Spartipps gegeben. Wie kommt das bei Ihnen eigentlich an?
Ich finde es lächerlich. Wir werden mit Spartipps zugeschmissen. Wenn ihr wirklich Spartipps wollt, dann fragt Armutsbetroffene. Die sagen euch, wie man sparen kann, denn die sparen überall. Oft kommen dann auch Tipps wie: "Investiert doch in Aktien." Oder auch: "Kauft keine Markenprodukte" und "Schaut nach der reduzierten Ware." Das machen wir ja alle, das ist unsere erste Anlaufstelle im Supermarkt. Auch energieffiziente Geräte werden empfohlen, aber wovon soll man das kaufen?
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Was mir ganz wichtig ist, ist das die Stigmatisierung aufhört. Armutsbetroffene werden als faul hingestellt – als ob sie selbst Schuld wären. Das ist eines der größten Probleme, die wir haben. Wir sind eine große Masse Menschen, die betroffen sind und die meisten können nichts dafür. Es ist außerdem kein Leben in der Hängematte, was ganz toll ist. Den ganzen Tag zuhause sitzen ist auch nicht schön, es fördert Depressionen und Krankheiten. Ich wünsche mir auch in der Politik mehr Sichtbarkeit. 50 Euro mehr reichen da nicht aus, das ist nicht mal der Inflationsausgleich. Ich wünsche mir einfach ein Leben, in dem ich auch teilhaben kann, ein Leben in dem ich auch genug Essen kaufen kann und nicht rechnen muss.

Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 8. September 2022, 6:20 Uhr