Wie dieser Bremer andere queere Afghanen vor Verfolgung retten will

So hilft ein Afghane queeren Menschen bei der Flucht aus seiner Heimat

Bild: Radio Bremen

Ali Tawakoli lebt seit Juni in Bremen. Er gehört zu mindestens 80 homosexuellen oder transgeschlechtlichen aus Afghanisten geflohenen Aktivisten. Jetzt will er anderen helfen.

Bei einem Spaziergang an der Weser kommt Ali Tawakoli zur Ruhe. Seit Juni lebt der Afghane in Bremen. In seiner Heimat wurde er von den Taliban gefoltert, mit dem Tod bedroht – weil er sich für die Rechte von queeren Menschen eingesetzt hat. Der 30-jährige Afghane ist einer von mindestens 80 homosexuellen und transgeschlechtlichen Aktivisten, die nach Angaben des Auswärtigen Amtes nach der Machtübernahme der Taliban nach Deutschland kamen.

"Ich bin sehr wütend, weil ich das Gefühl habe, dass uns keiner zuhört. Nicht nur jetzt, sondern seit Monaten", sagt Tawakoli. Denn seit Monaten versucht er zusammen mit Jörg Hutter vom queeren Verein Rat&Tat in Bremen gefährdete homosexuellen und transgeschlechtlichen Afghaninnen und Afghanen außer Land zu helfen. Das ist in Deutschland auf legalem Wegen nur über sogenannte humanitäre Visa der Bundesregierung möglich.

Bremer Verein hilft

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Ali Tawakoli lebt seit Juni in Bremen und kommt hier zur Ruhe, wie er sagt. Bild: Radio Bremen

Vor mehr als ein Jahr, als die Taliban die Macht in Afghanistan übernahmen, versprach die Bundesregierung schnelle Hilfe. Ortskräfte der Bundeswehr und anderer Organisationen und besonders gefährdete Personen durften mit diesem besonderen Visum ausreisen. Darunter Aktivisten wie Ali Tawakoli. Als Kriterium galt die Exponiertheit. Queere Menschen mussten also gleichzeitig Aktivisten sein, um für so ein Visum infrage zu kommen. "Aber sich zu engagieren oder gar sich zu outen, ist für viele in Afghanistan unmöglich. Sie wurden auch schon vor den Taliban ermordet", erzählt er. Viele, so schildert es Ali Tawakoli, hätten sich unsichtbar gemacht, um sich zu schützen. Und wurden von der Bundesregierung übersehen.

Trotz geringer Chancen stellen er und Jörg Hutter 200 Anträge im Namen Betroffener beim Auswärtigen Amt. Mit ihnen ist es im ständigen Kontakt. Sein Handy klingelt im Minutentakt. Er tippt Nachrichten ein, telefoniert. Sie sind oft verzweifelt. Eine Frau am Telefon berichtet, sie werde von den Taliban gesucht, weil sie trans ist. Sie hat Angst um ihr Leben. "Ich höre jeden Tag, dass jemand verhaftet oder gefoltert wurde. Jeden Tag erreichen mich solche Nachrichten", erzählt Tawakoli.

Hilfe für queere Menschen vom Bund

Dabei hätte die Bundesregierung die Möglichkeit gehabt, die humanitären Visa auch auf Gruppen wie die queere Community auszuweiten, sagt der Anwalt für Asyl und Menschenrecht, Jens Dieckmann. "In humanitären Katastrophenlagen bietet Paragraf 22 des Aufenthaltsgesetzes der Bundesregierung die Möglichkeit, Personengruppen politisch zu definieren, denen sie wegen der besonderen Bedrohungslage ein solches Visum gewähren", erklärt Dieckmann.

Organisationen und Verbände wie der LSVD, der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland e. V., haben lange einen besseren Schutz für queere Afghaninnen und Afghanen gefordert. Auch Jörg Hutter von Rat&Tat. "Diese Gruppe wird systematisch verfolgt von den Taliban. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie nicht von Anfang an als hochgefährdet betrachtet worden ist und bislang bei den Evakuierungen ignoriert worden ist", sagt Hutter.

Aufnahmeprogramm für queere Menschen

Mehr als Ein Jahr ist seit dem Fall von Kabul vergangen. Erst jetzt, in dieser Woche, hat die Bundesregierung ein Aufnahmeprogramm vorgestellt, das neben politisch besonders exponierten Gruppen wie Menschenrechtsaktivisten, Journalisten und Politikern auch Menschen berücksichtigt, die "aufgrund ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität (…) eine sich aus den besonderen Umständen des Einzelfalles ergebende spezifische Gewalt oder Verfolgung erfahren bzw. erfahren haben", heißt es aus dem Bundesinnenministerium und dem Auswärtigen Amt. Dies gilt aber nur für die, die in Afghanistan sind. Ihre Anträge müssen außerdem über Partner-Organisationen der Bundesregierung gestellt werden.

Ali Tawakoli hofft trotzdem, dass zumindest einige gerettet werden. Dafür möchte er sich weiterhin einsetzen, jetzt wo er in Sicherheit ist. "Ich fühle mich gut in Bremen. Hier habe ich ein ruhiges Leben, kann vielleicht studieren. Aber ich habe immer ein schlechtes Gewissen, weil Menschen in Afghanistan immer noch sterben."

Nachtrag der Redaktion, 28. Oktober: Nur einen Tag nach dieser Berichterstattung erteilte das Auswärtige Amt 25 LGBTIQ+ Afghaninnen und Afghanen eine Aufnahmezusage. Sie gehören zu den 200 Fällen, die von Ali Tawakoli und Jörg Hutter vom queeren Verein Rat&Tat eingereicht wurden. "Wir sind überglücklich. Es sind LGBT-Aktivisten und Aktivistinnen, aber auch Transgeschlechtliche, die sehr weiblich wirken", erzählt Jörg Hutter. Transgeschlechtliche, ergänzt Ali Tawakoli, seien aufgrund ihres Aussehens besonders von den Taliban verfolgt worden. „Sie sind schnell zu erkennen“, sagt Tawakoli.

Das Auswärtige Amt räumt indessen ein: Da öffentliches Engagement als LSBTI-Verteidigerinnen und Verteidiger in Afghanistan auch schon vor der Machtübernahme der Taliban sehr schwer gewesen sei, sei der Begriff des Engagements weit ausgelegt und bereits öffentliches Auftreten als LSBTI-Person als eine Form von Engagement bewertet worden. Ein Novum in der bisherigen Verfahrensweise. Für die 25 LGBTIQ+ Afghaninnen und Afghanen beginnt nun eine neue riskante Etappe. Sie müssen es sicher aus Afghanistan in eines der Nachbarländer schaffen. Erst von dort aus können sie nach Deutschland geflogen werden. Das kann noch Monate dauern.

Autorin

  • Andrea Brack Peña

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 22. Oktober 2022, 19:30 Uhr