Fragen & Antworten

Was "trans" überhaupt heißt und was sich Bremens Community wünscht

So geht es der Bremer Trans-Community nach den Angriffen

Bild: DPA | Sina Schuldt

Der Angriff auf eine Bremer Transfrau hat viele schockiert. Gleichzeitig wissen manche nur wenig über diese Community. Wie kann ein respektvoller Umgang gelingen?

Eine Woche ist der Angriff auf eine Transfrau in der Bremer-Neustadt jetzt her. Das Krankenhaus konnte sie mittlerweile wieder verlassen. Nur wenige Tage zuvor endete die Attacke auf einen 25-jährigen Transmann am Rande des CSD in Münster tödlich. Viele Transpersonen machen sich Sorgen, die Verunsicherung ist groß – auch in Bremen. Freyja Pe* von Rüden engagiert sich seit 2015 bei dem Bremer Verein Trans Recht und berät Transpersonen und Angehörige zu den unterschiedlichsten Themen. Sie ist überzeugt: gewalttätige, körperliche Übergriffe auf Transpersonen sind nur die Spitze des Eisbergs. Gleichzeitig haben viele Menschen in Bremen nur wenige Berührungspunkte mit der Community. Wir klären wichtige Fragen.

Wenn es um das Thema Transgender oder Geschlechtervielfalt geht, kursieren viele verschiedene Begriffe. Doch was genau bedeuten sie – zum Beispiel die Bezeichnung 'trans'?
Nicht alle Menschen identifizieren sich mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Dazu passend fällt häufig der Satz: "Ich bin im falschen Körper geboren". Das bedeutet: Jemand fühlt sich nicht, nicht ganz oder nicht immer dem Geschlecht zugehörig, das der Person bei der Geburt zugewiesen wurde.

Trans, oder auch Transgender, ist ein Oberbegriff für alle Menschen, die so fühlen. Transident oder transsexuell sind weitere Unterbegriffe, sie stellen jeweils unterschiedliche Aspekte in den Fokus. Bei der Transidentität geht es um das Verständnis der Geschlechterrolle. Der Begriff "transsexuell" stammt dagegen aus der Medizin und wird laut der Antidiskriminierungsstelle des Bundes oft als veraltet und unpassend empfunden. Der Grund: Transsexualität wurde in der Medizin fälschlicherweise lange mit einer Erkrankung gleichgesetzt. Viele Menschen bevorzugen deswegen heute die Bezeichnung trans, transgeschlechtlich, transident oder transgender. Der Bundesverband Trans hat ausführliche Informationen zu wichtigen Begriffen in einer Broschüre zusammengefasst.
Wie viele Transpersonen leben in Bremen?
Offizielle Zahlen für Deutschland oder Bremen gibt es hierzu nicht. Der Grund: Diese Angabe wird an keiner offiziellen Stelle abgefragt oder erfasst. Freyja Pe* von Rüden schätzt die Zahl aber auf etwa ein Prozent der Bevölkerung und bezieht sich dabei auf vergleichbare Untersuchungen in den USA. "Ich halte das auch in Bremen für realistisch, die Zahlen verändern sich aber auch mit einer gesellschaftlichen Akzeptanz", sagt Freyja Pe* von Rüden. Dadurch, dass etwas gesellschaftlich anerkannter, weniger stigmatisiert und offener gelebt werde, erhöhten sich auch die Zahlen. "Bei Trans-Geschlechtlichkeit sind wir gerade in einer Übergangsphase", sagt sie. Manche sprächen dann von einem negativen "Hype", auf einmal seien es so viele. Die Beraterin sieht darin jedoch eine ganz normale Entwicklung, wenn Dinge, die gesellschaftlich hoch stigmatisiert waren, auf einmal lebbar werden.
Mit welchen Themen kommen Transpersonen in die Beratung?
Das Spektrum der Anliegen ist breit. Angefangen bei der Frage 'Bin ich trans?' über den Umgang mit Coming-out-Situationen, Familien und Beziehungsthemen. Laut von Rüden geht es aber häufig auch um Diskriminierungserfahrungen und den Umgang mit psychischen Belastungen bis hin zu praktischen Fragen, zum Beispiel nach Namensänderungen. Außerdem wichtig seien Anträge an Krankenkassen oder Adressen von Anlaufstellen oder Arztpraxen, so die Beraterin.
Wie können Transpersonen Mobbing und Diskriminierung begegnen und wo können sie dies melden?
Eine landesweite Antidiskriminierungsstelle wird in Bremen gerade gegründet. Wichtig sei, dass Mobbing und Diskriminierung in Institutionen wie Betrieben und Schulen nicht geduldet werden, sagt von Rüden. "Es ist wichtig, da ein klares Profil in der Einrichtung zu haben", so die Beraterin. Weitere Hilfe bieten bestimmte Anlaufstellen, die gegen Diskriminierung arbeiten, wie zum Beispiel 'Arbeit und Leben Bremen' (ADA) bei Diskriminierung am Arbeitsplatz. Kommt es zu Diskriminierung oder Mobbing in Schulen, gibt es Anti-Diskriminierungs-Ansprechpersonen in Regionalen Beratungs- und Unterstützungszentren (ReBUZ) für Bremer Schulen.
Viele Menschen in Bremen und Bremerhaven haben möglicherweise bislang nur wenige Berührungspunkte mit Transpersonen. Was für ein Miteinander wünscht sich die Community selbst?
Für Freyja Pe* von Rüden ist klar: Transpersonen müssen ein selbstverständlicher und akzeptierter Teil der Gesellschaft sein. Lesbischen oder schwulen Personen gelinge das in weiten Teilen schon gut, gleiches wünscht sie sich für Transpersonen. "Es geht darum, dass wir nicht als etwas exotisches, fremdes dargestellt werden", sagt sie. Wichtig sei außerdem die Selbstwahrnehmung von Transpersonen zu achten, sie also so anzusprechen, wie sie angesprochen und gesehen werden möchten. "Das bedeutet zum Beispiel eine Transfrau auch als Frau anzusprechen und nicht solche Dinge zu sagen, wie 'Die ist eigentlich ein Mann' oder 'Die war früher mal ein Mann' oder 'Die fühlt sich als Frau'", sagt von Rüden. Vielmehr solle man darauf vertrauen, dass die jeweilige Person schon wisse, wer sie ist, und dies zu achten.

Es gibt Tausende kleine Akte der Nicht-Anerkennung.

Eine Frau mit gelbem Pullover und Brille schaut in die Kamera
Freyja Pe* von Rüden, Beraterin bei Trans Recht
Was, wenn man sich unsicher ist, wie man jemanden ansprechen soll – mit 'Frau', 'Herr' oder keines von beidem?
Ein erster wichtiger Schritt ist, ins Gespräch zu kommen. Menschen bei Unsicherheit zu fragen, wie sie angesprochen werden möchten, sei eine gute Idee, so von Rüden. Gerade für non-binäre Menschen, die sich keinem der beiden gesellschaftlich anerkannten Geschlechter zuordnen, ist außerdem wichtig, andere Optionen zu schaffen. Ihre Devise: Wenn es geht, weglassen. Eine Alternative, wenn man auf ein 'Herr' oder 'Frau' bei der Begrüßung oder Ansprache verzichtet, ist die Person lediglich mit Vor- und Nachnamen anzusprechen. Für Formulare wünscht sich von Rüden im Namen ihrer Community mehr Vielfalt bei den Antwortmöglichkeiten und zwar 'Männlich', 'Weiblich', 'Divers' und 'Keine Angabe'. Auch im Alltag sei die Angabe des Geschlechts oft nicht nötig, findet sie. "Wenn ich mir eine Pizza bestelle, ist mein Geschlecht dafür ziemlich egal", so die Beraterin.

Geht in E-Mails vielleicht auch anstatt einem 'Sehr geehrter' auch einfach nur 'Guten Tag'?

Eine Frau mit gelbem Pullover und Brille schaut in die Kamera
Freyja Pe* von Rüden, Beraterin bei Trans Recht

Das fordert die queere Community beim CSD in Bremen von der Politik

Bild: Radio Bremen

Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 9. September 2022, 19:30 Uhr