Geht bei Werder mehr als nur der Klassenerhalt?

So bereitet sich Werder auf das Pokal-Spiel gegen Cottbus vor

Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Mit großer Euphorie hat Trainer Ole Werner Werder in die Bundesliga zurückgeführt – und lässt Bremen nun von mehr als nur dem Minimalziel träumen. Der Teamcheck.

Die heißeste Debatte des Bremer Sommers drehte sich um die eine Frage: Lachs oder Mortadella? Welche Farbe hatten sie denn nun, die neuen Werder-Auswärtstrikots, an denen sich die Fan-Geister scheiden? "Pfirsich", klärte Trainer Ole Werner ganz trocken auf. Man merkt sofort – es war ein sehr ruhiger Sommer an der Weser.

Werner konnte sich in aller Ruhe fünf Wochen lang auf seine erste Bundesligasaison vorbereiten, für den Verein in die erste nach einem Jahr in der 2. Liga. Bis auf leichten Unmut über die letzten beiden Testspiele gegen niederländische Teams, die ohne Zuschauer stattfinden mussten, lief der Sommer geradezu geräuschlos. Vor einem Jahr nach dem Abstieg war das noch ganz anders – umso größer ist nun die Hoffnung bei den Bremern, dass die Rückkehr in die Bundesliga besser laufen könnte als gedacht.

Rückblick: Abstiegs-Frust, Anfang-Skandal, Aufstiegs-Rausch

Der erste Bundesliga-Abstieg nach 40 Jahren war im Mai 2021 der absolute Tiefpunkt für Werder Bremen, für den Verein und die fußballbegeisterte Hansestadt. Sportchef Frank Baumann wird von den Fans als einer der Hauptschuldigen für die grün-weiße Misere ausgemacht. Die "Baumann raus"-Rufe haben jedoch einen kuriosen Effekt: Der Sportchef wird vom Aufsichtsrat gestärkt – dann tritt der Aufsichtsrat um Marco Bode selbst zurück.

Baumann macht weiter, holt Markus Anfang aus Darmstadt für 500.000 Euro als neuen Trainer. Und dessen Mantra lautet: Wiederaufbau vor Wiederaufstieg. Doch der gestaltet sich schwierig. Das peinliche Pokal-Aus gegen Drittligist VfL Osnabrück ist ein erster Rückschlag, die völlig unklare Kaderplanung erschwert den Neustart zusätzlich. Erst mit Transferschluss am 31. August steht fest, wie Werders Zweitliga-Team tatsächlich aussieht.

Leistungsträger wie Milot Rashica, Josh Sargent, Ludwig Augustinsson und die Eggestein-Brüder haben den Verein verlassen. Und die Grün-Weißen tun sich schwer in dieser starken 2. Liga. Als Ende November die Impfpass-Affäre von Trainer Anfang bekannt wird, scheint Werder im freien Fall.

Doch mit Ole Werner ist schnell der Retter gefunden, unter dem Ex-Kieler holen die Bremer sieben Siege in Folge. Die erste Niederlage unter Werner folgt erst im vergangenen März. Auf der Zielgeraden wird es zwar nochmal spannend, doch mit dem neuen Erfolgscoach gelingt Werder die direkte Rückkehr in die Bundesliga.

Sechs Neue für kleines Geld

Werders finanzielle Lage ist nicht rosig, der Klub musste sich insgesamt 37 Millionen Euro leihen, die TV-Gelder sind zudem gesunken. Viel Spielraum hat Baumann nicht. "Im Rahmen dieser Möglichkeiten können wir mit dem Kader sehr zufrieden sein. Budgetmäßig geht einfach nicht mehr", bilanziert der Sportchef, dem ein paar gute Griffe gelangen: Von sechs Neuzugängen kamen fünf ablösefrei an die Weser – Niklas Stark (Hertha BSC), Amos Pieper (Arminia Bielefeld), Oliver Burke (Sheffield United), Lee Buchanan (Derby County) und Mitchell Weiser (Bayer Leverkusen).

Nur für Jens Stage vom FC Kopenhagen bezahlt Werder vier Millionen Euro. Doch ausgerechnet der Mittelfeldspieler, der schon mit dem dänischen Ex-Bremer Thomas Delaney verglichen wird, hat Anlaufschwierigkeiten. Bisher konnte er sich – wie auch Stark – überraschend noch nicht durchsetzen. Möglich, dass beide zum Saisonstart die Bank drücken müssen.

Dass von den Leitwölfen nur Kapitän Ömer Toprak von Bord ging, hat dieses Mal für eine ruhige Vorbereitungszeit bei den Bremern gesorgt. Mit Stammkräften wie Jiri Pavlenka, Niclas Füllkrug, Neu-Kapitän Marco Friedl und Milos Veljkovic verlängerte Baumann die Verträge und hat damit eine gewisse Planungssicherheit geschaffen.

Trainer Ole Werner ist ein Glücksgriff

Der Schlüssel zum soweit geglückten Neustart ist aber sicherlich der Coach. Es wirkt, als haben sich Werner und Werder gesucht und gefunden. Ein Glücksgriff bisher. Mit seiner nordisch-nüchternen, rational-analytischen Art passt er genau zum Verein und erinnert dabei manchmal an Vereins-Ikone Thomas Schaaf. Nur ohne das Brummelige. Werners offene Herzlichkeit hat ihm längst die Sympathien in der Hansestadt eingebracht.

Und er fühlt sich bereit für das Abenteuer Bundesliga. "Ich bin überzeugt von meinen Spielern und überzeugt, dass wir eine gute Saison spielen können", betont Werner, "ich freue mich sehr auf diese Saison." Dass diese herausfordernd wird, will der 34-Jährige gar nicht bestreiten. Werder hat keine Stars, sie müssen über den Zusammenhalt funktionieren.

Und man wird sehen, wie schnell Werder in der 1. Liga an seine Grenzen stoßen wird. Nach Belieben wie in der 2. Liga wird das Traum-Duo Marvin Ducksch und Niclas Füllkrug sicherlich nicht mehr treffen. Doch Werner will nicht nur sich, sondern auch seiner Idee von Fußball treu bleiben. "Wir versuchen die Dinge beizubehalten, die uns letztes Jahr ausgezeichnet haben", erklärt er: "Wir haben viele Stärken im eigenen Ballbesitz und wollen weiter für guten und offensiven Fußball stehen."

Dass seine Spielidee im bevorzugten 3-5-2-System ziemlich anspruchsvoll ist, merkten die Neuzugänge wie Stage direkt. Werner ist ein akribischer Arbeiter, überlässt nichts dem Zufall. Er arbeitet nach einem klaren Plan, mit klaren Abläufen. Vermittelt seinem Team Sicherheit.

Was geht für Werder in der neuen Saison?

Werder Bremen geht als Aufsteiger ins Rennen, das sieht Werner ganz realistisch: "Es geht nicht darum, vor dem ersten Spieltag Ziele zu formulieren. Als Aufsteiger sollte jedem das Ziel bewusst sein. Auch wenn der Name Werder Bremen groß ist, sind die Möglichkeiten in Bremen verglichen mit der Konkurrenz klein."

Nach ein paar Spieltagen wird wohl klarer zu sehen sein, wo die Grün-Weißen noch nachjustieren müssen, wie konkurrenzfähig der Kader ist oder wo sie vielleicht schon stabiler sind als erwartet. Dann wird sich deutlicher abzeichnen, ob die Bremer tatsächlich nur gegen den Abstieg kämpfen oder ob doch mehr als das Minimalziel Klassenerhalt drin ist. Ein Platz im Tabellen-Mittelfeld wäre ein Erfolg.

Zumindest eines scheint vorab fest zu stehen: Ole Werner wird sich auch im Scheinwerferlicht der Bundesliga-Bühne nicht aus der Ruhe bringen lassen. Auch, wenn die Fragen dann weit unangenehmer werden als: Lachs oder Mortadella?

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Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 27. Juli 2022, 18:06 Uhr