Interview

"Perfekter Organismus": Warum Zecken so gefährlich wie nützlich sind

Bremerin verrät bei 3nach9, warum Zecken faszinierend sind

Bild: DPA | Marijan Murat

Ute Mackenstedt ist Parasitologin. In der Radio-Bremen-Talkshow 3nach9 klärt sie über Irrtümer auf – und sie verrät, was es mit der "Monster-Zecke" Hyalomma auf sich hat.

Als renomierte Zecken-Expertin und Professorin der Universität Hohenheim in Stuttgart kennt Ute Mackenstedt die Mythen und Irrtümer, die sich um die Spinnentiere ranken. Bei 3nach9 hat sie ihre spezielle Faszination für die Parasiten geteilt und erklärt, was an einem Zecken-Stich wirklich gefährlich sein kann.

Warum gibt es überhaupt Zecken, welchen Sinn haben diese achtbeinigen Blutsauger?
Zecken gehören zu den Parasiten. Man schätzt, dass 40 bis 50 Prozent aller Organismen Parasiten sind oder eine parasitische Lebensphase haben. Diese Tiere haben enorme Einflüsse, sie können Nahrungsketten beeinflussen. Wenn ein Wirt geschwächt wird, kann ein Raubtier dieses Tier zum Beispiel schneller erbeuten. Sie haben also eine Funktion im biologischen System und einen enormen Einfluss, das wird oft komplett übersehen.
Ute Mackenstedt sitzt im Studio von 3nach9
Ute Mackenstedt ist Parasitologin. Bild: Radio Bremen | Matthias Hornung
Durch die Parasiten können verschiedene Krankheiten übertragen werden. Besonders Borreliose und Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME). Was ist der Unterschied zwischen diesen Krankheiten?
FSME ist eine Virus-Ekrankung und man kann sich dagegen impfen lassen. FSME-positive Zecken findet man nicht überall in Deutschland. Borreliose ist eine bakterielle Erkrankung, die man behandeln kann. Spinnentiere, die diese Krankheit übertragen können, findet man flächendeckend im gesamten Bundesgebiet.
Stimmt es, dass es in Süddeutschland mehr Zecken gibt als im Norden?
Nein, das ist ein Mythos. Wenn man sich die Karte der FSME-Risikogebiet anschaut, sieht man, dass Bayern und Baden-Württemberg dunkelblau eingefärbt sind. Das heißt aber nicht, dass es dort mehr Zecken gibt. Wir beobachten auch, dass die Risikogebiete immer weiter nach Norden wandern. Sie sind da. Überall.
Eine Hyalomma-Zecke liegt neben einer gemeiner Holzbock-Zecke  auf einem Millimeterpapier
Der Holzbock (links) ist deutlich kleiner als die "Hyalomma-Zecke. Bild: dpa | Fabian Sommer
Wie gefährlich ist die tropische "Monster-Zecke" Hyalomma?
Im Zuge des Klimawandels müssen wir damit rechnen, dass neue Arten einwandern. Zecken aus dem Mittelmeerraum sind viel besser an hohe Temperaturen und lange Trockenperioden angepasst. Ein erster Vorbote ist die Hyalomma-Zecke. Diese Tiere sind größer als der gemeine Holzbock und haben ein anderes Jagdverhalten. Während der blinde Holzbock sich einfach von seinem zukünftigen Wirt abstreifen lässt, geht die Hyalomme-Zecke, deren Name "Glasauge" bedeutet, auf Wirtssuche. Sie kann uns sehen und auch chemisch wahrnehmen. Und dann läuft sie los.
Judith Rakers und Giovanni di Lorenzo mit Gästen im Studio von 3nach9
Am Freitag war Ute Mackenstedt (rechts) zu Gast bei 3nach9. Bild: Radio Bremen | Matthias Hornung
Wie lange saugen Zecken, wenn man sie lässt?
Erwachsene Zecken saugen zehn bis 15 Tage. Das ist ein perfekter Organismus, ein austariertes System. Der Stich einer Zecke ist schmerzlos, damit sie vom Wirt nicht bemerkt wird. Der Speichel des Tieres reguliert die Blutgerinnung herunter, damit es weiter Blut saugen kann. Ebenso enthält der Speichel Stoffe, die das Immunsystem des Wirts beeinflussen, damit der Parasiten nicht sofort abgetötet wird.

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Dieses Thema im Programm: NDR/Radio Bremen Fernsehen, 3nach9, 10. Juni 2022, 22.30 Uhr