Interview

65 Jahre Bremer Vahr: Darum wurde sie "Stadtteil der Zukunft" genannt

Die Vahr war eines der ambitioniertesten Wohnungsbauprojekte der Nachkriegszeit. Architektin Katja-Annika Pahl erklärt, was hinter den Plänen steckte.

Der Stadtteil Vahr ist bekannt, auch über Bremen hinaus. Vor allem wegen des Romans "Neue Vahr Süd" von Sven Regener. Was nicht alle wissen: Vor 65 Jahren, genauer am 3. August, wurde der Rahmenplan für dieses große Wohnungsbauprojekt vorgestellt.

Frau Pahl, wer zum ersten Mal mit der Straßenbahn-Linie 1 in die Bremer Vahr fährt, wird sich vielleicht denken: 'Ohje, lauter hässliche Betonkästen im Quadrat, was soll hier das Besondere sein?'
Erst mal sind es keine Betonkästen. Die Vahr ist eine Großsiedlung, davon gibt es in Deutschland ganz viele. Das Besondere an der Vahr ist, dass es eine Großsiedlung ist, die man vor lauter Bäumen erstmal gar nicht sieht. Sie hat sich ganz gut in einer Parklandschaft versteckt. Es ist eine Großwohnsiedlung, in der die Menschen tatsächlich schon seit Beginn sehr, sehr gerne wohnen. Das liegt an verschiedenen Dingen.
Nach dem Krieg wurde viel gebaut, der Bedarf an Wohnungen war groß. Man hat im Laufe der Zeit auch viele Fehler gemacht, es sind schnell soziale Ghettos entstanden. In der Vahr war das nicht so. Was hat dort funktioniert, was woanders vielleicht nicht so gut funktioniert hat?
In der Vahr ist das ein bisschen anders. Die Vahr ist an einem Wendepunkt entstanden. Zwischen den Siedlungen, die direkt nach dem Krieg gebaut wurden, die noch ein bisschen an der Gartenstadt orientiert waren und den Siedlungen, auf die Sie hinweisen. Diese sind in den Siebziger Jahren entstanden, dort hat man versucht, Urbanität durch Dichte zu schaffen. So hat man das damals genannt und sehr dicht und sehr hoch gebaut. Das sind Siedlungen, von denen wir heute wissen, dass sie nicht so gut funktionieren. In der Vahr hat man ein wirklich gutes städtebauliches Konzept gehabt.
Die Architektin Katja Pahl spricht am Mikrophon
Für die Architektin Katja-Annika Pahl von der Hochschule Bremen sind es auch die vielen Grünflächen und Wasserwege, die die Vahr besonders lebenswert machen. Bild: Gewoba
Wie sah dieses Konzept aus?
Man hat fünf Nachbarschaften geschaffen, die jeweils eine Grundschule, einen Kindergarten, Läden für den täglichen Bedarf und Waschhäuser hatten. In diesen Nachbarschaften konnte man überschaubar und sehr gut wohnen. Ganz wichtig war auch, dass man von Beginn an einen Freiraum-Planer dabei hatte, der eine ganz tolle Parklandschaft entworfen hat, die die Häuser umspült und auch heute noch sichtbar ist. Die Neue Vahr wurde damals als eine Stadt der Zukunft bezeichnet, in der man sehr gerne gewohnt hat und in der man heute auch noch sehr gerne wohnt.
Sie beschäftigen sich auch mit der Zukunft von Stadtteilen und dem Potenzial solcher Siedlungen. Wo liegt denn das Potenzial eines solchen Stadtteils in einer Zeit, in der Familien ihr Glück eher im Einfamilienhaus mit Garten sehen?
Es gibt durchaus aus Menschen, die sich kein Einfamilienhaus mit Garten leisten können oder wollen. Die wohnen dann vielleicht gerne in solchen Strukturen. Es gibt allerdings auch Einfamilienhäuser mit Gärten in der Neuen Vahr. Wenn Sie sich den Stadtgrundriss anschauen, gibt es einen Gürtel aus ganz kleinen Reihenhäusern, der sich um die ganze Vahr herumzieht. Das gibt es dort durchaus auch. Wo die Zukunft der Vahr liegt, dazu gab es vor ein paar Jahren ein großes Leitbild-Verfahren, initiiert von der Gewoba, der ja ein Großteil des Wohnungsbestandes in der Vahr gehört.
Was kam dabei heraus?
Man hat sehr genau hingeschaut, was sich ändern muss. Wenn Sie die Leute, die in der Vahr wohnen befragen, dann sagen die erstmal: Hier soll sich gar nichts ändern, das ist alles super, wir wohnen sehr gerne hier. Dann hat man aber Fachleute schauen lassen, Stadtplaner, Freiraumplaner und Verkehrsplaner. Die haben geschaut, was man vielleicht an anderen Wohnungszuschnitten braucht. Es gibt heute andere Lebensmodelle, die vielleicht nicht mehr nur in einer Drei-Zimmer-Wohnung untergebracht werden können. Es gibt ein anderes Mobilitätsverhalten und Notwendigkeiten der Mobilität, das haben sich die Verkehrsplaner angeschaut. Die Freiraumplaner haben ganz genau geschaut, wie man die Straßenräume attraktiver machen kann. Sie haben nochmal auf das Wasser geschaut und auch hingeschaut, wie man die Vahr gegen künftige Klimaereignisse resistent machen kann und gleichzeitig attraktive, grüne und durch Wasser gestaltete Straßenräume herstellen kann.
Welche Grundidee steckt dahinter?
Man hat sich ganz viele Punkte angeschaut. Ich glaube das ist vielleicht auch der Sinn der Sache, dass man das städtebauliche Konzept nicht grundsätzlich umstrukturiert, sondern dass man schaut, wo man im kleinen Verbessern kann, um die Qualität für die Bewohner zu halten.

Sie wollten mitreden: Wie Bewohner sich 1972 für die Vahr engagierten

Bild: Radio Bremen

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 3. August 2021, 8:20 Uhr