40. Todestag: Wilhelm Kaisen – Bremens Bürgermeister des Wiederaufbaus

Wilhelm Kaisen führte die Hansestadt durch die Nachkriegszeit. Von den Amerikanern zum Senatspräsidenten ernannt, kämpfte er mit Trümmern und Gesetzen.

Audio vom 19. Dezember 2019
Wilhelm Kaisen
Wilhelm Kaisen

Die Nachricht von seinem Tod kommt nicht überraschend. Trotzdem sind viele Bremer traurig, als Wilhelm Kaisen am 19. Dezember 1979 mit 92 Jahren verstirbt. Viele Bremer sahen in ihm eine große Persönlichkeit, die sie für unersetzbar hielten. Einer, dem sie viel zu verdanken hatten – auch weil die Bürger mit ihren Sorgen immer zu ihm gehen konnten.

Wilhelm Kaisen war vieles in seinem langen Leben: Bauarbeiter, Bauer, Journalist, Abgeordneter und Senator. Aber für die Bremer ist er vor allem ihr Bürgermeister nach dem Krieg. Der Mann, der den Wiederaufbau leitete und dabei selbst mit angepackt hat, wie 1946 bei der Trümmerbeseitigung in Bremen-Walle. In Arbeitshose steht der Präsident des Bremer Senats da und gibt sogar noch ein Interview. Darin drückt er seine Hoffnung aus, dass mit dieser Initiative ein Großteil der Trümmer bald beseitigt werden kann. Und kräftig zupacken kann Kaisen: Körperliche Arbeit ist der Sohn eines Maurers gewohnt.

Von den Nazis zum Rücktritt gezwungen

Wilhelm Kaisen auf einer Briefmarke
Wilhelm Kaisen, Erstausgabetag 5. Mai 1987 Bild: Senatskanzlei Bremen

Nachdem die Nazis ihn 1933 zum Rücktritt als Senator gezwungen und kurzzeitig wegen Hochverrats verhaftet haben, zog er mit seiner Familie auf eine landwirtschaftliche Siedlerstelle in Bremen-Borgfeld. Als er im Juni 1945 gerade beim Pflügen mit seinem Ochsen auf dem Acker steht, warnt ihn ein Nachbar noch vor: "Willem, putz Din Zylinder, se kommt und holt Di!". Direkt vom Feld holen die Amerikaner ihn ins Bremer Rathaus.

Willem, putz Din Zylinder, se kommt und holt Di!

Nachbar von Wilhelm Kaisen, 1945 in Borgfeld

Mit 58 Jahren wird aus dem Bauern wieder ein Senator und kurze Zeit später der Präsident des Bremer Senats. Doch er bleibt bodenständig und bescheiden trotz seiner großväterlich-patriarchalischen Erscheinung im dunklen Dreiteiler mit goldener Uhrkette und Zigarre in der Hand. Er wird längst nicht mehr als Landespolitiker, sondern als Landesvater gesehen, der für jeden ein offenes Ohr zu haben scheint. Seinen Hof in Bremen-Borgfeld besorgt Kaisen trotzdem weiter – bis zu seinem Tod lebt er dort.

Eigenständigkeit des Landes gesichert

Sein späterer Nachfolger Hans Koschnick sagte über ihn: "Die Menschen hatten Vertrauen zu ihm, und er konnte Vertrauen vermitteln." Er hat Wilhelm Kaisen kurz vor dessen Tod noch im Krankenhaus besucht und dessen mahnende Worte beim Staatsakt im Bremer Rathaus wiederholt:

Denk an Bremen, denk vor allem an die große Zahl der kleinen Leute, die auf uns angewiesen sind. Und vergiss auch die Sparer nicht!

Wilhelm Kaisen


In diesen Worten – so empfand es Hans Koschnick – schien all das zu liegen, was ihn immer bewegte. 20 Jahre lang hat Kaisen Bremens Nachkriegsgeschichte mitgestaltet – hat die Eigenständigkeit des Landes gesichert und den Wiederaufbau organisiert. Für den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) vereinte Kaisen "staatsmännischen Weitblick mit kommunalpolitischem Pragmatismus".

Unverführbar gegenüber diktatorischen Ideen, bewundert, verehrt, ja geliebt von ungezählten Menschen weit über die Mitgliedschaft ihrer sozialdemokratischen Partei hinaus.

Helmut Schmidt

Das zeigt sich auch nach Kaisens Tod. 12.000 Bremer kommen ins Rathaus, wo der Sarg aufgebahrt ist, um persönlich Abschied von ihrem Bürgermeister zu nehmen.

Autorin

  • Birgit Sagemann

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Die Chronik, 19. Dezember 2019, 5:05 Uhr