Exklusiv

Waffentransporte in Kriegsgebiete mit Hilfe einer Bremer Reederei

Waffengeschäfte, brisante Dokumente, ein geheimer Hafen. Mittendrin der deutsche Auslandsgeheimdienst BND. Auch eine Bremer Reederei spielt dabei eine zentrale Rolle.

Ein Panzer wird von einem Frachtschiff gefahren
Bild: Rainer Kahrs

Ein geheimer Hafen in der Ukraine und deutsche Schiffe, die mit Hilfe eines verdeckten Mitarbeiters des Bundesnachrichtendienstes (BND) Waffen aufnehmen und in Krisengebiete bringen, für die ein EU-Waffenembargo gilt. Klingt nach dem Stoff für einen spannenden Geheimdienstkrimi.

Tatsächlich ist das die Geschichte, die buten un binnen-Reporter Rainer Kahrs in "Die Story im Ersten" schildert: Nach sieben Jahren Recherche zu Waffengeschäften werden seinem Team geheime Schriftstücke zugespielt. Die Dokumente beweisen: Der deutsche Geheimdienst BND ist in Waffentransporte in die Krisen- und Kriegsgebiete dieser Welt stark involviert – an allen Kontrollinstanzen vorbei, offenbar ohne Kenntnis der zuständigen Bundesbehörden und vorbei am Außenwirtschafts- und Kriegswaffenkontrollgesetz.

Hafen in der Ukraine als Waffendrehkreuz

Die Operationen sind streng geheim, verlaufen im Stillen. Verschifft wird nicht in Deutschland, sondern über einen geheimen Hafen in der Ukraine. Der Hafen Oktyabrsk in der Ukraine ist ein blinder Fleck auf der Landkarte, von dessen Existenz nur Kenner der Materie wissen. Er soll Drehkreuz für Waffentransporte sein. Seeleute wollen hier auch Schiffe der Bremer Beluga-Reederei gesehen haben.

Ein Hafen in der Ukraine mit einem angelegten Schiff und mehreren Kränen
Lange Zeit Drehkreuz für Waffenlieferungen in alle Welt: Der ukrainische Hafen Oktyabrsk. Bild: Rainer Kahrs

Die Recherche führt nach Kiew. Der ehemalige Präsident der Ukraine, Wiktor Juschtschenko, bestätigt die Existenz des Hafens und von "delikaten" Waffengeschäften. Sein Auslands-Geheimdienstchef räumt in der "Story im Ersten" erstmals eine Beteiligung deutscher Reedereien an der Kriegswaffenverschiffung über die Ukraine ein und vermittelt die ersten und einzigen Fernsehbilder des geheimen Hafens.

Verstrickung des BND

Recherchen in den USA ergeben weitere und alarmierende Hinweise. Amerikanische Satellitenbilder zeigen den Hafen, in dem Schwergutfrachter Panzer, Haubitzen und anderes Kriegsgerät laden. Schiffe aus Norwegen, Dänemark, der Ukriane und Russland sollen von hier aus Waffen nach Afrika, Asien und Lateinamerika bringen. Auch in Konflikt- und Kriegsgebiete. Auch Schiffe von mindestens zwei deutschen Reedereien sind an solchen Transporten beteiligt.

Ein Mann sitzt vor einem Computer-Bildschirm, auf dem ein Satellitenbild geöffnet ist
Satellitenbilder belegen Waffentransporte über den ukrainischen Geheimhafen. Bild: Rainer Kahrs

Geheime Dokumente belasten vor allem den ehemaligen Weltmarktführer im Schwergutgeschäft: Vier Beluga-Schiffe werden explizit genannt. Ladelisten und Staupläne zeigen, dass die Reederei immer wieder Kriegswaffentransporte plant und durchführt. Immer beteiligt: ein Mitarbeiter des BND, Deckname "Klaus Hollmann". Er gibt Hinweise auf mögliche Waffen-Deals, spielt sich gelegentlich sogar als "Genehmigungsbehörde" auf, sagt ein Geheimdienstexperte dem ARD-Team. Und mehr als das: Er soll die Bremer Reederei Beluga regelrecht zu Lieferungen ermutigt haben.

Das Phantom "Klaus Hollmann"

Ausschnitt von einer gedruckten Frachtliste
Radio Bremen liegt geheime Korrespondenz des BND-Kontaktmanns Hollmann vor. Bild: Rainer Kahrs

Über 400 Mails gehen zwischen "Hollmann" vom BND und der Reederei hin und her. Dem "Story im Ersten"-Team liegen diese Mails vor. Darin fragt "Hollmann" unter anderem nach, ob Beluga Panzer von der Ukraine aus in den Jemen verschiffen will. Damit konfrontiert, bestätigt der ehemalige Reederei-Chef die Existenz und das Wirken des BND-Manns "Klaus Hollmann", wird aber schweigsam bei den Details.

Ich habe Hollmann vielleicht drei oder vier Mal getroffen.

Niels Stolberg
Niels Stolberg (2019)

Auch der Bundesnachrichtendienst selbst bleibt schweigsam. Bei seinem Präsidenten Bruno Kahl blitzt das "Story im Ersten"-Team ab. Kein Kommentar. Auch das Bundeskanzleramt, die Aufsichtsbehörde des BND, bleibt wortkarg. Es bestehe keine Auskunftspflicht. Die Bremer Staatsanwaltschaft hat den BND-Mitarbeiter "Klaus Hollmann" im Zuge eines Mammut-Prozesses gegen Niels Stolberg und andere Mitarbeiter der Beluga-Reederei anzuklagen versucht. Die von "Hollmann" und der Reedereispitze zu verantwortende Waffenlieferung nach Myanmar habe gegen ein EU-Embargo verstoßen und damit gegen das Völkerrecht.

Als angedacht war, den BND-Mitarbeiter als Zeugen zu vernehmen, da war der BND durchaus bereit, für diesen Mitarbeiter eine Aussagegenehmigung zu erteilen. Das hatte sich dann allerdings dadurch überholt, dass wir diesen Mitarbeiter zum Beschuldigten gemacht haben.

Pressesprecher der Bremer Staatsanwaltschaft Frank Passade.
Frank Passade, Sprecher der Staatsanwaltschaft Bremen

Letztlich stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren aber ein, weil keine Verstöße festgestellt wurden. Hollmann bleibt bis also heute ein Phantom. Keine Fotos. Kein Klarname.

Recherche zieht Kreise

Die Kontrollgremien des Deutschen Bundestages wurden erst durch das "Story im Ersten"-Team von Radio Bremen über die Waffenlieferungen mit BND-Beteiligung informiert. Es sind parlamentarische Anfragen in Vorbereitung, um die dubiosen Vorgänge aufzuklären.

Autor

  • Rainer Kahrs

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 11.März 2019, 7:45 Uhr