Experte: "Als rechtsextrem würde ich Frei.Wild nicht verorten"

Freitagabend hat die umstrittene Band Frei.Wild in Bremen gespielt. Gegner protestierten vorab nahe der ÖVB-Arena. Ein Experte erklärt, wie er die Texte der Band einordnet.

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Die Band Frei.Wild aus Südtirol ist umstritten. In ihrem Song "Wahre Werte" heißt es etwa: "Sprache, Brauchtum und Glaube sind Werte der Heimat. Ohne sie gehen wir unter, stirbt unser kleines Volk." Kritiker werfen der Band rechte Gesinnung vor. Die Gruppe distanziert sich aber von Rechtsaußen. Der österreichische Autor, Journalist und Extremismus-Experte Thomas Rammerstorfer erklärt im Interview mit Bremen Zwei, warum auch er die Band nicht als rechtsextremistisch bezeichnen würde.

Sind Frei.Wild jetzt rechts oder nicht?
Es kommt darauf an, was man unter rechts versteht. Ich würde sie schon in einem politikwissenschaftlichen Sinn als rechts, im Sinne von konservativ, verstehen, ja. Als rechtsextrem, rechtsradikal oder gar faschistisch, neonazistisch würde ich sie nicht verorten.
Was macht denn einen Text rechts? Wo ziehen Sie da die Grenze?
Es werden sehr eindeutig konservative Werte vertreten. Und die Bandmitglieder, beziehungsweise der Autor der Texte, Sänger Philipp Burger, verorten sich selbst durchaus als konservativ. Das ist im Grunde eine Eigendefinition.
In den Texten steckt diese Bezugnahme auf Heimat, Volk, auf Brauchtum und Glaube. Mit der Heimat ist meistens Südtirol gemeint, aber oft bezieht sich das schon auch erweitert auf den gesamten deutschsprachigen Raum.
Aber ist Frei.Wild denn irgendwie ok? Oder schürt diese Band letztendlich Ressentiments und arbeitet nicht gerade an der Pluralität der Gesellschaft?
Bei Frei.Wild wird sehr stark an einem mythischen Opferstatus gearbeitet. Mittlerweile ist ja das vorrangige Thema der Band, die Band selbst. Sie sind sehr selbstreflexiv in den Texten. Schon seit einigen Jahren geht es in den Texten mehr darum, wie die Bandtexte rezipiert werden und wie sehr sie missverstanden werden von der Öffentlichkeit.
Aber so viel misszuverstehen ist da doch gar nicht. Die Band zeigt sich zum Beispiel nicht besonders offen, was Frauen angeht. Eine Frau in der Band sei nicht denkbar, weil die ja ständig ihre Tage habe. Auch sollte eine Frau mit nicht allzu vielen Männern geschlafen haben. Das alles sagt Frontmann Philipp Burger. Und auch noch vieles, was heftiger ist. Seit wann ist so ein prüder Konservatismus Rock'n'Roll?
Das ist schon seit einigen Jahren so. Ich glaube, es ist übersehen worden, dass es diese konservativen Positionen schon immer im Rock'n'Roll gegeben hat. Insbesondere wenn es um Frauen geht.
Wir haben einen unglaublichen Sexismus zum Beispiel bei den Rolling Stones oder anderen Bands dieser Jahre. Also auch bei Bands, die wir eher im progressiven Lager verorten oder zumindest niemals als rechts bezeichnen würden. Diese Frauenfeindlichkeit ist schon fast eine Konstante in der Rockmusik.
Was natürlich bei Frei.Wild neu ist, ist diese Heimatdudelei. Die kommt sonst ja eher selten vor. Denn der Rock'n'Roll hat das Aufbegehren gegen den Konservatismus und den Mief des Patriotismus. Er will eher in die Welt hinaus und neue Kulturen kennenlernen — das Zurückziehen in die eigene Stube passt da nicht so.
Aber dieses Heimatgedudel ist ja auch eine Art Provokation. Macht die Band doch alles richtig?
Natürlich ist es eine Strategie der Vermarktung. Es ist eine Band, deren musikalische Originalität gewissen Beschränkungen unterliegt. Bei ihr ist es nicht so, dass sie musikalisch mit irgendwelchen Neuerungen für Aufsehen sorgt. Das, wofür die Band bekannt ist, ist ihr Identitätsangebot, das eben in diesem rechtskonservativem Spektrum liegt — oder wenn sie so wollen auch nur im konservativen Spektrum.
Trotzdem distanziert sie sich doch recht glaubwürdig vom Rechtsextremismus. Von Linksextremismus müssen wir bei Frei.Wild glaube ich gar nicht reden. Das hat denen auch noch nie jemand vorgeworfen. Aber sie distanzieren sich auch davon. Diesen Rebellenstatus haben sie durch ihren konservativen Positionen und auch durch die, meiner Meinung nach stark übertriebenen, Geschichten, davon, dass sie vom Establishment verfolgt werden.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 13. April 2018, 11:34 Uhr