4 Wochen Schulen dicht? So bewerten Bremer Fachleute den Vorschlag

28 deutsche Spitzenforscher der Nationalen Akademie der Wissenschaften plädieren für vierwöchige Schulschießungen. Was halten Experten aus Bremen von der Forderung?

Eine Maske liegt auf einem Federmäppchen.
Spitzenforscher fordern eine coronabedingte Aussetzung der Schulpflicht vom 14. Dezember bis zum 10. Januar. Bild: DPA | Sebastian Gollnow

Die Corona-Kennzahlen verharren auf hohem Niveau. Und auf eine Impfung müssen die meisten Menschen noch Monate warten. 28 deutsche Spitzenforscher fordern daher in einem Schreiben der Nationalen Akademie der Wissenschaften, der Leopoldina, einen harten und umfassenden Lockdown vom 24. Dezember bis zum 10. Januar.

Noch früher sollen den Forschern zufolge die Schulen heruntergefahren werden. Hier fordern sie, ab dem 14. Dezember die Schulpflicht aufzuheben – und zwar bis zum 10. Januar 2021. Für die Zeit danach raten die Wissenschaftler zu einer bundesweiten Maskenpflicht für alle Jahrgangsstufen. Darüber hinaus fordern sie bundesweit einheitliche Regeln für den Wechselunterricht, also den Unterricht in Halbgruppen. Diese Regelung soll ab der Sekundarstufe und ab einer bestimmten Inzidenz greifen. Für Kinder, die zuhause nicht lernen können, fordern die Wissenschaftler die Schaffung alternativer Lernorte.

Epidemiologe: Bundeseinheitliche Regelung sinnvoll

Die Entscheidung der Leopoldina, Regeln nicht nur bundeslandspezifisch, sondern für alle gleich festzulegen, hält der Bremer Epidemiologe Hajo Zeeb für den richtigen Weg. "Man kann heute nicht mehr sagen, wir haben deutschlandweit so substantiell unterschiedliche Entwicklungen, dass man das kleinteilig lösen kann", sagt der Forscher am Bremer Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie.

Um Entwarnung zu geben, müssten Inzidenzwerte über zwei, drei Wochen auf ein niedrigeres Niveau sinken. Ein solcher Trend sei derzeit nirgendwo erkennbar. "Diese Situation haben wir in Bremen ja auch so", sagt Zeeb. Und auch den Zeitraum hält der Epidemiologe angesichts der anstehenden Ferien und der ruhigen Phase zwischen den Jahren für ideal.

So schaffen wir den Raum, um im Frühjahr zur Normalität zurückkehren zu können.

Hajo Zeeb, Epidemiologe

Dennoch folgt Zeeb dem Leopoldina-Konzept nicht in jedem Punkt uneingeschränkt. "Bei der Maskenpflicht für die ganz Kleinen tue ich mich schwer."

Bildungsexpertin: Maskenpflicht und Halbgruppen verknüpfen

Bei der Maskenpflicht zeigt sich, dass nicht jede wissenschaftlich begründete Entscheidung einfach umsetzbar ist. "Es ist oft schwierig, eine Maskenpflicht in der Schule umzusetzen", sagt Elke Suhr, Landessprecherin der Bildungsgewerkschaft GEW. Viele Schüler und Lerngruppen neigten dazu, die Masken abzunehmen oder falsch zu tragen, wenn die Lehrkräfte sie nicht stets kontrollierten und ermahnten. "Das sind Probleme, die uns von Schulen gemeldet werden", sagt Suhr.

Sie hält den von der Leopoldina empfohlenen Wechselunterricht – in Bremen und Bremerhaven wird hier von Halbgruppen-Unterricht gesprochen – genau deshalb für sinnvoll. Denn um die Hygienemaßnahmen einhalten zu können, seien kleine Gruppen wichtig. Kleingruppen, das hätten erste Erfahrungen gezeigt, förderten darüber hinaus die Leistungsfähigkeiten vor allem der Grundschulkinder. "Gerade diejenigen, die sich vorher weggeträumt haben und weggerutscht sind, die kommen dann plötzlich ins Lesen", sagt Suhr.

Kinder- und Jugendarzt: Schüler eher keine Infektionsstreiber

Andere sehen dies vor allem im Hinblick auf die konkrete Pandemiebekämpfung skeptischer. "Es fehlt bislang die Evidenz, dass Kinder Treiber der Infektion sind", sagt Stefan Trapp, Landesvorsitzender des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. "Je jünger die Kinder sind, desto weniger infektiös sind sie", sagt der Arzt. Junge Erwachsene verbreiteten die Infektionen zwar. Bislang sei es aber meist so, dass sie sich außerhalb der Schule angesteckt und die Infektion dann in die Schulen geschleppt hätten.

Dennoch erkennt auch Trapp einen Sinn in den Forderungen der Leopoldina. "Wenn man einen totalen Lockdown macht, bei dem alles ruht, was nicht lebensnotwendig ist, dann kann ich auch verstehen, dass man die Schulpflicht aussetzt", sagt der Arzt.

Studie: Kinder leiden unter Lockdown-Folgen

Dies sei allerdings keine Dauerlösung. Zumal schon der erste Lockdown im Frühjahr Folgen für Kinder vor allem in sozial schwachen Familien offengelegt habe. So sei eine Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf zu dem Schluss gekommen, dass sich die psychische Gesundheit auffällig vieler Kinder seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie verschlechtert habe und sie beispielsweise häufiger als sonst unter Gereiztheit, Einschlafproblemen oder Bauchschmerzen litten.

Daher sei es auch wichtig, so Trapp, dass die Forderung der Leopoldina-Forscher, alternative Lernorte für Schüler zu schaffen, umgesetzt werde, sollte tatsächlich Wechselunterricht eingeführt werden. "Denn selbst wenn manche Kinder ein iPad geliehen bekommen, fehlt ihnen oft die Unterstützung zuhause", sagt Trapp.

Bremer Bildungssenatorin: Keine massenhaften Infektionen in Schulen

Video vom 7. Dezember 2020
Claudia Bogedan im Interview. Sie trägt eine Mund-Nasen-Bedeckung.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Kristian Klooß Autor

Dieses Thema im Programm: Bremens Eins, Der neue Morgen, 9. Dezember 2020, 6:40 Uhr