Bremens Jugend: Vom Internet politisiert

Hatte das Rezo-Video Einfluss auf die Bremer Wahl? Die Landeszentrale für politische Bildung sagt: Social Media spielte bei der Wahlentscheidung eine Rolle.

Klimademo Friday for Future in Bremen.
So grün die Forderungen sind: Von einzelnen Parteien wollen sich viele Jugendliche nicht vereinnahmen lassen.

Das Vorurteil, dass junge Menschen sich nicht für Politik interessieren würden, ist lange überholt. Seit Fridays-for-Future und Demos gegen Uploadfilter ist klar: Die Generation YouTube steht für ihre Belange ein, geht dafür auf die Straße und – geht auch wählen. Verantwortlich dafür sind aber nicht zielgruppengerechte Wahlkampagnen der Parteien, sondern das Medienverhalten der Jugend. Auf dem Smartphone und Laptop rücken neben Katzenvideos und Schminktutorials inzwischen andere Inhalte immer mehr in den Vordergrund: politische Diskussionen. Das beobachtet Thomas Köcher von der Landeszentrale für politische Bildung in Bremen. Politik ist in. Parteien hingegen nicht.

Facebook und Co. als Orientierungshilfe

Social Media ist für junge Leute längst an die Stelle des Fernsehens gerückt und beeinflusst die politische Meinungsbildung, bestätigt Köcher: "Die informierende Rolle von analogen Medien wurde von den Sozialen Medien übernommen.“ Ob Klimakrise, Datenschutz oder Bildungspolitik: Die Jugend klickt sich zu Themen, die sie bewegt, einfach durchs Netz. Und dort positioniere sich immer mehr Influencer auf Instagram oder Vlogger auf Youtube auch politisch.

Wenn man zu Hause sitzt und auf YouTube irgendwas sieht, dann überlegt nochmal, denkt darüber nach, was man selber machen kann und geht dann auf eine Demo, um sich zu engagieren und bastelt Schilder, dass dann das Richtige gewählt wird.

Paula, Bremer Schülerin auf Fridays-for-Future-Demo

Der "Rezo-Effekt"

Der deutsche YouTuber Rezo hat in seinem Video "Die Zerstörung der CDU" etwa eine Woche vor der Europa- und Bürgerschaftswahl mit etablierten Parteien abgerechnet und seine Community dazu aufgerufen, nicht CDU, SPD und AfD zu wählen. Das Video wurde über 13 Millionen Mal geklickt. Und soll tatsächlich zum sogenannten "Rezo-Effekt" bei der Europawahl geführt haben – einem Abwenden junger Wähler weg von den großen Parteien in Deutschland.

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Auch wenn für die Bremer Bürgerschaftswahl keine konkreten Zahlen zu einem solchen Phänomen vorliegen, vermutet Thomas Köcher einen ähnlichen Effekt auch in Bremen: "Wir haben in Gesprächen festgestellt, dass es Faktoren gab, die die Zustimmung für die CDU bei jungen Wählern erschwert haben."

Gut 600 Menschen demonstrierten in Bremen gegen die Urheberrechtsrefom der EU – vor allem Upload-Filter.
Gut 600 Menschen protestierten auch in Bremen gegen die Urheberrechtsreform der EU. Darunter waren viele junge Demonstranten.

Dazu zählte insbesondere die Positionierung der Partei zu und in den Sozialen Medien: "Gerade für junge Menschen ist die Meinungsfreiheit auf Social Media ein hohes Gut." Die Uploadfilterdiskussion sei bei dieser Klientel ganz stark in Verbindung mit der CDU gebracht worden, so Köcher. Auch weil in sozialen Netzwerken darüber verstärkt berichtet und diskutiert wurde.

Köcher sieht darin eine längerfristige Entwicklung: "Es wurde erkannt, dass Fragen zur Diskussion stehen, zu denen man sich positionieren muss. Viele junge Wählerinnen und Wähler haben das Gefühl, die Demokratie zu verteidigen und dass die eigene Stimme von Bedeutung ist."

Jugendliche wählen Thema – nicht Partei

Es scheint, als würden Jugendliche thematisch wählen und sich dabei nicht auf Parteien festlegen zu lassen: Wer als Partei für Klima, Meinungsfreiheit und soziale Gerechtigkeit steht, steht hoch im Kurs. Das zeichnet sich auch bei den vorläufigen Erhebungen zur diesjährigen Bürgerschaftswahl ab. Im Vergleich zur Wahl 2015 haben unter jugnen Wählern SPD und CDU stark verloren, die Grünen und Die Linke hingegen dazugewonnen – sowohl bei den Wählern unter 25 als auch bei den Erstwählern ab 16 Jahren.

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Schülerwahl zeigt ähnliche Tendenz

Auch bei der Juniorwahl in Bremens Schulen sieht es ähnlich aus: Während SPD und CDU vor vier Jahren gemeinsam noch auf fast 50 Prozent der Schülerstimmen gekommen sind, erreichten sie dieses Jahr noch knapp 40 Prozent. Die Grünen und Linken konnten hingegen deutlich zulegen.

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Es gibt eine neue politisierte Generation: Junge Menschen wollen gehört werden, ihre Themen in die Politik bringen, etwas verändern – unabhängig von Partei-Zugehörigkeiten. Sie orientieren sich auch laut Köcher nach wie vor auch an der politischen Haltung des Elternhauses. Besonders das Thema Klima und die Fridays-for-Future-Bewegung zeige aber, wie stark über Social Media mobilisiert und eine ganze Generation politisiert werde. Jetzt hofft der Leiter der Landeszentrale für politische Bildung darauf, dass die keine Eintagsfliegen sind und das politische Engagement im doppelten Wortsinn "nachhaltig" bleibt – online und offline.

buten un binnen Extra: Die neue Jugend-Protestkultur

Moderator János Kereszti im Studio von buten un binnen.

Mehr zum Thema:

Dieses Thema im Programm: buten un binnen Extra, 30. Mai 2019, 19:30 Uhr