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Von Gröpelingen nach Harvard – und immer wieder zurück

Schüler in Stadtteilen wie Gröpelingen machen seltener Abitur. Das zeigt der buten un binnen-Bildungscheck. Anders Devrim Yilmaz: Er besuchte eine Elite-Uni. So hat er es geschafft.

Ein Junger Mann lehnt an einem Baum und blickt in die Kamera.

1999: Devrim Yilmaz ist sieben Jahre alt und besucht die zweite Klasse einer Gröpelinger Grundschule. Seine Lehrerin stellt Fragen, er kennt meist die richtigen Antworten. In der Schule merken die Lehrer schnell: Devrim lernt gut und gibt sich Mühe – der Junge hat Potenzial. Devrims Klassenlehrerin rät Familie Yilmaz ihn weiter zu fördern. Er soll eine Klasse überspringen oder auf eine anspruchsvollere Schule wechseln, doch Devrim will nicht.

2007: Devrim ist 15 Jahre alt. In der Schule läuft es eher mittelmäßig, die Noten könnten besser sein. Devrim hat keine Lust für die bald anstehende Klassenarbeit zu lernen und die Hausaufgaben nerven auch. Das nasskalte Nieselwetter treibt die meisten Gröpelinger an diesem Nachmittag von den Straßen. Wer kann, bleibt im Warmen, verkriecht sich auf die Couch oder vor den Kamin. Der Teenager hingegen klappt seine Bücher zu und macht sich auf in Richtung Basketballplatz. Devrim und seine Kumpels werfen Körbe bis es dunkel wird.

Kein Streber – aber jede Menge Ehrgeiz

2011: Devrim ist 19 Jahre alt. Seit dem frühen Morgen steht er im familienbetriebenen Kiosk an der Gröpelinger Heerstraße hinter dem Tresen und verkauft Bustickets, Zigaretten oder Kaffee. Nach dem Abitur hat Devrim erstmal ein paar Gänge runtergeschaltet, gefaulenzt und Freunde getroffen. Was er aus seinem Leben machen will, weiß er noch nicht so genau. Die Familie ist Devrim wichtig, die Eltern in ihrem Kiosk zu unterstützen für ihn selbstverständlich.

Heute ist Devrim 27 Jahre alt. Er leb in Ann Arbor, einer Universitätsstadt im Nordosten der USA. Nach seinem BWL-Studium an der Universität Bremen und der Harvard University, einer der renommiertesten Privat-Universitäten der USA, hat er als Projektberater in München, Berlin und Düsseldorf gearbeitet. Den Master in Business Administration will Devrim bis Mitte 2021 abschließen und sich so beste Voraussetzungen für vielfältige Job-Möglichkeiten schaffen.

Engagierte Eltern machen oft den Unterschied

Diese Momentaufnahmen aus Devrim Yilmazs Leben verdeutlichen: Auf dem Weg in ein erfolgreiches Berufsleben hat er nicht immer den geradlinigsten Weg eingeschlagen. Geschafft hat es Devrim  trotzdem, seine Eltern freut das umso mehr.

Wir sind sehr stolz, dass unser Junge aus Gröpelingen heraus diese Erfolge erzielt hat.

Yücel Yilmaz
Zwei Menschen stehen in einem Kiosk und blicken in die Kamera
Der Kiosk von Yücel Yilmaz und ihrem Mann Latif fraß immer schon viel Zeit – Zeit für die Kinder und ihre Schulsorgen war trotzdem immer da.

Dort, wo Devrim aufgewachsen ist und seine Eltern bis heute leben und arbeiten, schlagen nur wenige einen ähnlichen Ausbildungsweg wie der 27-Jährige ein. Gröpelingen hat so viele Einwohner wie kaum ein anderer Stadtteil Bremens. Als klassischer Arbeiterstadtteil leben hier viele kinderreiche Familien; gleichzeitig sind zahlreiche Menschen arbeitslos. Nirgendwo sonst in Bremen leben so viele Kinder von Hartz IV. Die unterschiedlichen Herkunftsländer der Bewohner machen den Stadtteil vielfältig, stellen aber gerade Kindergärten und Schulen vor große Herausforderungen. Rund 67 Prozent der Kinder in Gröpelingen konnten im Jahr 2018 ein Jahr vor ihrer Einschulung nicht richtig Deutsch sprechen oder verstehen –  keine besonders gute Ausgangslage für eine erfolgreiche Schulzeit.

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Gröpelingen ist mit vergleichsweise günstigen Mieten besonders für Menschen mit geringem Einkommen attraktiv. Die Ortsamtsleiterin für den Bremer Westen bezeichnete Gröpelingen zuletzt als einen "Ankommensstadtteil" für Menschen mit Migrationshintergrund. Auch Familie Yilmaz ist hier einmal angekommen, das war 1998, Devrim war sechs Jahre alt und seine Schwester Yesim acht.

Devrim erinnert sich an eine glückliche Kindheit und Jugend im Stadtteil – auch heute kehrt er immer wieder gerne dorthin zurück, trotz des schlechten Images. "Mich hat hier nie irgendwer quer angeschnackt oder ein Messer gezückt. Auch wenn Gröpelingen den Statistiken nach eine der schlimmeren Ecken sein mag, ist es das nicht", findet Devrim. In der Grundschule hatte er keine Probleme, war einer der besten der Klasse.

Nicht nur Kinder haben Sprachprobleme

Nicht der Stadtteil, sondern Menschen haben seinen Schulweg weiter beeinflusst: Devrims Grundschullehrerin, die seine Fähigkeiten früh erkannte und seine Mutter Yücel, die ihre beiden Kinder immer wieder zum Lernen ermutigte und sich in der Schule engagierte.

Viele Eltern machen das nicht, sie gehen nicht zu den Elternabenden. Am Anfang konnte ich fast kein Deutsch, ich habe mich aber trotzdem dort gezeigt und einfach zugehört.

Yücel Yilmaz, Kiosk-Betreiberin in Gröpelingen

Später studierte die gelernte Journalistin an der Universität Bremen Sozialpädagogik während Devrims Vater Latif mit dem kleinen Kiosk das Einkommen der Familie sicherte.

In der siebten Klasse wechselte Devrim schließlich von der Schule an der Fischerhuder Straße in Gröpelingen auf das Alte Gymnasium in der Innenstadt. Damit erweiterte sich Devrims Lernspektrum – und auch sein Freundeskreis. "Ich konnte gut mit den Leuten mit Migrationshintergrund hier in Gröpelingen aber auch mit den Deutschen auf dem Gymnasium", erinnert er sich. Heute sieht Devrim seine Position in der Mitte, er identifiziert sich weder ausschließlich als Deutscher noch als Türke. In der Schule flachten seine Leistungen etwas ab, Basketball und PC-Spiele waren oft wichtiger als Latein oder Mathe.

Traumziel USA

Sein Lebensziel Studium behielt er jedoch immer im Auge. Dabei hätte sich Devrim ohne seine Liebe zum Basketball nach dem Abitur vielleicht nie für einen Sprachkurs in den USA entschieden. Im Anschluss an die drei Monate an der Sprachschule reiste er quer durch das Land, lernte Menschen und deren Mentalität kennen und schätzen. Gerade der Umgang der Amerikaner mit dem Thema Nationalität und Herkunft gefiel dem damals 20-Jährigen.

Mit den Amis, da funkt es einfach bei mir. Diese Kultur, diese Offenheit – da fragt mich keiner, wo ich ethnisch herkomme. Das interessiert die gar nicht.

Devrim Yilmaz

Vom US-Fieber gepackt, kehrte er für sein BWL-Studium an die Universität Bremen zurück und startete voll durch. Während Devrim zu Schulzeiten nur das Nötigste erledigte, lieferte er an der Uni Spitzenergebnisse im oberen Einser-Bereich. 2014 bekam er dann den Zuschlag für mehrere Stipendien, noch im gleichen Sommer ging er an ein renommiertes Privat-College an der Ostküste der USA und setzte im Anschluss daran mit der Zusage an der Harvard University den wohl größten Paukenschlag seiner bisherigen Karriere.

Ist Harvard überbewertet?

Nicht nur Devrims Freude, auch das Medienecho war damals groß. "Harvard: Out of Gröpelingen" titelte Die Zeit in einer Reportage über Devrim, auch lokale Zeitungen berichteten. Seine Eltern waren stolz und sahen sich in ihrem Umgang mit dem Thema Bildung bestätigt. "Wir haben immer gesagt: Geld und Eigentum sind nicht so wichtig, wie ein eigenes Diplom. Das Geld kannst du ausgeben, die Wohnung verkaufen, aber dein eigenes Diplom, das kannst du nicht verkaufen", erinnert sich Devrims Vater. Viele Gröpelinger Eltern setzten hier falsche Prioritäten, sie wüssten schlicht nicht, wie wichtig Bildung ist und würden ihren Kindern stattdessen empfehlen möglichst schnell einen Job zu finden, ergänzt seine Frau Yücel.

Geld und Eigentum sind nicht so wichtig, wie ein eigenes Diplom.

Latif Yilmaz, Kioskbetreiber in Gröpelingen

Genau wie Gröpelingen ist Harvard als US-amerikanische Eliteuniversität klischeebehaftet. Devrim räumt damit jedoch gerne auf. "Schwer ist Harvard überhaupt nicht. Wenn man sich ein bisschen Mühe gegeben hat, würde ich behaupten, dass durchfallen eigentlich unmöglich ist", findet der 27-Jährige. Die Studierenden seien keine Super-Genies, sondern einfach motiviert und diszipliniert.

Der "beste Prof" war in Bremen

Auch auf die Psyche wurde in Harvard sehr geachtet, wie Devrim erzählt. "Wenn mal irgendwas war, ein Erdbeben oder eine nationale Katastrophe, sind am nächsten Tag direkt fünf Therapeuten an der Uni angetanzt, mit denen man darüber sprechen konnte." Wer zu viel Stress hatte, konnte als Ausgleich mit Therapiehunden Gassi gehen, in Prüfungswochen gab es für die Studierenden Eis am Stil – und zwar kostenlos. Das Niveau der Harvard-Professoren hätte zwar besser nicht sein können, aber: "Den besten Prof, den ich je hatte, hatte ich hier in Bremen", sagt Devrim anerkennend.

Seine eigenen Netzwerke aufbauen, sein eigener Chef sein – für einige Zeit vielleicht im Ausland, langfristig aber ganz sicher in Deutschland – das sind Zukunftspläne des Gröpelingers. Die Zeit in den USA war lehrreich und hat für ihn vieles in Perspektive gerückt. "Viel besser als in Deutschland kann man es weltweit gar nicht erwischen, auch wenn das den Leuten hier manchmal nicht bewusst ist."

Der Heimat etwas zurückgeben

Ein Junger Mann lehnt an einem Baum und blickt in die Kamera.
Seine ersten Schuljahre verbrachte Devrim an der Ganztagsgrundschule an der Fischerhuder Straße in Gröpelingen.

Wann immer er kann und wieder zuhause in Bremen ist, engagiert sich Devrim ehrenamtlich im Sozial- und Bildungsbereich. Das sei er der Gesellschaft, die ihn lange unterstützt und auch finanziell gefördert habe, schuldig. Solche Dinge kosteten ihn kein Geld, sondern Zeit und die gebe er gerne. So war er bereits Mentor für einen Geflüchteten aus Gambia und half zweimal pro Woche in einer Türkisch-Klasse an der Neuen Oberschule in Gröpelingen aus. Wie groß die sprachlichen Unterschiede an den Schulen im Stadtteil sind, erkannte der damals 23-Jährige sofort. "Das Spektrum war riesig. Wenn der Lehrer nur Farben unterrichtete, dann waren die einen gelangweilt. Wenn er ganze Bücher lesen ließ, verstanden die anderen nur Bahnhof", so Devrim.

Damit sein Lebenslauf in Zukunft keine Ausnahme mehr bleibt, sondern für alle Kinder und Jugendliche aus benachteiligten Stadtteilen ein realistisches Ziel werden kann, müsse viel mehr in Bildung investiert werden, findet der Master-Student. Genauso wichtig seien Vorbilder, mit denen man sich identifizieren könne. "Ich hatte früher keinen Onkel, der Arzt war oder einen Kumpel von meinem Papa, der Anwalt war oder einen Opa, der mal Richter war. Alle hatten hier und da einen Kiosk und stammten aus der Arbeiterschicht", sagt Devrim. Für die nächste Generation habe sich diese Situation zwar schon ein bisschen verbessert – an den teils massiven Unterschieden zwischen den Stadtteilen müsse aber weiterhin hart gearbeitet werden. "Einen Masterplan habe ich zwar selber nicht, aber ich denke dafür haben wir hier in Bremen doch wohl genug kluge Köpfe", findet Devrim.

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Autorin

  • Angela Weiß

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 11. November 2019, 9:15 Uhr