Coronavirus: Was ist Mythos, was Wahrheit?

Das Coronavirus kursiert ebenso wie die Ängste der Menschen vor ihm. Bremer Experten erklären, was man über Ansteckung, Sterberate und Quarantäne wissen muss.

Eine Labormitarbeiterin in Schutzkleidung mit Proben in den Händen.
Eine Priorität derzeit ist, den Verlauf der Coronavirus-Ausbreitung möglichst auszubremsen. Bild: Imago | localpic

1 Wie ansteckend ist das Virus?

Die Schätzungen, dass sich 60 bis 70 Prozent der deutschen Bevölkerung an Covid-19 anstecken könnten, machten schon vor einigen Tagen die Runde – und viele Menschen sehr nervös. Was dabei jedoch oft außer Acht gelassen wurde, ist vor allem der Zeitraum, in dem dies geschehen könnte.

Sanitäter führen Corona-Tests bei einigen Menschen durch.
Sorge vor der Ansteckung: Vorsorgemaßnahmen sind im Alltag allenthalben sichtbar. Bild: DPA | Beata Zawrzel/NurPhoto

"Die 60 bis 70 Prozent, die gehen auf ein Rechenmodell zurück", sagt der Leiter des Medizinischen Labors Bremen, Andreas Gerritzen. Das Modell lege mehrere Jahre als Verbreitungszeitraum zugrunde. Demnach kommen die Infektionen erst dann zum Erliegen, wenn es gelinge, den so genannten Kontagiositätsindex zu senken, also die Neuansteckungen, die von einer Person ausgehen. "Bei Corona liegt diese Zahl derzeit ganz grob zwischen 2,5 und 3", sagt Gerritzen – und damit deutlich niedriger als bei Windpocken oder Masern. Erst wenn der Kontagiositätsindex unter 1 gedrückt werde, komme die Ausbreitung des Virus zum Erliegen.

Dies könne dadurch geschehen, dass bis dahin schon viele Menschen Covid-19 gehabt hätten und entsprechend immun seien, aber auch durch Einschränkungen im öffentlichen Leben oder durch eine Impfung, die vielleicht im kommenden Jahr zur Verfügung stehen könnte.

"Das Ganze kann in einer Superepidemie über uns hergehen oder eben in einem Zeitraum von zum Beispiel fünf Jahren", sagt Gerritzen. Die Epidemiologen hätten natürlich ein Interesse daran, dass die Epidemie möglichst flach verlaufe. Denn: Je mehr Menschen erkranken, um so drastischer sind nicht nur die Auswirkungen auf das öffentliche Leben, um so schlechter wird vor allem auch die medizinische Versorgungslage, was wiederum Auswirkungen auf die Sterblichkeitsrate haben kann.

Der Bremer Virologe Andreas Dotzauer, Leiter des Laboratoriums für Virusforschung der Uni Bremen, hält am Freitag, den 13. März um 19 Uhr an der Jacobs University einen Vortrag mit dem Titel "Coronaviren – Was sie sind, wie sie funktionieren, welche Gefahr von ihnen ausgeht und wie wir uns vor ihnen schützen können". Dabei greift er auch auf Erfahrungswerte von früherer Epidemien zurück.

Zahlen wie die 60 bis 70 Prozent kommen tatsächlich zustande, wenn man sich vergangene Epidemien anschaut.

Andreas Dotzauer, Leiter des Laboratoriums für Virusforschung der Uni Bremen

Ob sich dies jedoch bei Covid-19 wiederholen werde, sei völlig offen. Zwar könne die Zahl der Erkrankungen anfangs exponentiell steigen. "Wenn viele die Krankheit gehabt haben und Immunschutz vorliegt, ebbt das aber wieder ab. Das ist das Typische bei einer Epidemie oder Pandemie."

2 Wie sinnvoll ist Quarantäne?

Den Sinn und die Umsetzung von Quarantänemaßnahmen, die Corona eindämmen sollen, hinterfragen viele Menschen. Andere argumentieren, dass die Ausbreitung des Virus nur eingedämmt werden kann, wenn öffentliche Einrichtungen konsequent geschlossen würden. So zum Beispiel der Virologe Alexander Kekulé. Der Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg fordert mindestens zwei Wochen "Corona-Ferien" für Schulen und Kindergärten.

Von buten un binnen befragte Experten halten Quarantäne generell für sinnvoll. "Ich denke, im Moment macht es absolut Sinn, das so zu machen", sagt Andreas Dotzauer. Denn wenn man bei einem Ausbruch einen betroffenen Personenkreis erfasse und isoliere, könne eine Ausbreitung der Krankheit zumindest stark verlangsamt werden. "Das ist das einzige, was wir der Krankheit entgegenzusetzen haben", sagt Dotzauer.

Quarantäne hält auch Hajo Zeeb vom Bremer Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie für richtig.

Quarantäne ist dann sinnvoll, wenn man nachgewiesene Fälle hat.

Hajo Zeeb, Forscher am Bremer Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie

Schulen und Kitas für 14 Tage zu schließen sei allerdings als Maßnahme schon "sehr drastisch", sagt Zeeb.

Zumindest für Bremen hält auch der Leiter des Medizinischen Labors Bremen, Andreas Gerritzen, Quarantänemaßnahmen für absolut sinnvoll, "damit es nicht zu einem Aufbrennen der Epidemie kommt."

Für andere Regionen Deutschlands, wie beispielsweise Nordrhein-Westfalens, schätzt der Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie die Situation hingegen anders ein. "Dort haben wir diese Phase schon verlassen", sagt Gerritzen. Bestimmte Quarantänemaßnahmen lehnt er zudem grundsätzlich ab. "Kreuzfahrtschiffe unter Quarantäne zu stellen, halte ich für den falschen Weg. Da schafft man doch erst eine Inkubationskammer."

3 Wie gefährlich ist das Coronavirus?

Zur Letalität, also zur mit der Corona-Krankheit einhergehenden Sterblichkeitsrate, gibt es sehr unterschiedliche Zahlen. So spricht der Berliner Virologe Christian Drosten für Deutschland von einer Sterblichkeitsrate, die bei 0,3 bis 0,7 Prozent liegen dürfte. Die Weltgesundheitsorganisation geht global von ungefähr 0,7 Prozent aus. Demgegenüber stehen die aus Italien gemeldeten Zahlen: Dort sind bislang (Stand: 8. März) von 7.375 Infizierten 366 gestorben. Das sind rein rechnerisch knapp fünf Prozent.

Dass sich die Sterblichkeit in Deutschland dennoch deutlich unter einem Prozent bewegen wird, schätzen jedoch auch die von buten un binnen befragten Experten.

Die Zahlen, die gemeldet wurden, lassen alle außer Acht, dass vielen Menschen gar nicht bekannt ist, dass sie infiziert sind oder waren.

Mann mittleren Alters mit Brille guckt für Portraitfoto leicht seitlich in die Kamera
Andreas Gerritzen, Medizinisches Labor Bremen

Viele blieben einfach zwei Tage zu Hause, weil sie sich unwohl fühlten. Danach gehe es ihnen schon wieder besser. "Die Dunkelziffer ist daher sehr hoch", sagt Gerritzen.

Ein Argument, dass auch der Virologe Andreas Dotzauer anführt. "Die 0,3 bis 0,7 Prozent, das sind Hochrechnungen, die solche Dunkelziffern, die ungefähr bei der zehnfachen Menge der bekannten Infizierten liegen dürften, mit einbeziehen", sagt er. Dennoch warnt Dotzauer, dass die Sterblichkeitsrate vor allem bei Risikogruppen hoch ist. "Bislang ist meines Wissens nach noch kein Kind unter zehn Jahren an der Krankheit gestorben." Bei Menschen ab 70 Jahren steige die Quote auf rund 3,8 Prozent, bei Menschen ab 80 sogar auf rund 15 Prozent.

So begründet auch der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, die vergleichsweise hohe Sterblichkeitsrate in Italien damit, dass in den stark betroffenen Regionen viele ältere Menschen angesteckt worden seien.

4 Wie neuartig ist das Coronavirus?

Das Coronavirus wird meist als "neuartiger Virus" beschrieben. Dies wird von manchem jedoch zumindest in Frage gestellt. So warnt beispielsweise der deutsche Arzt und Politiker Wolfgang Wodarg in einem Fachbeitrag davor, nicht leichtfertig "Panik-Meldungen" hinterherzulaufen. So argumentiert er, dass bei jeder Grippe-Welle auch immer sieben bis 15 Prozent der akuten Atemwegserkrankungen auf das Coronavirus zurückgehen. Weshalb die jetzt addierten Fallzahlen immer noch völlig im Normbereich lägen. Nur wegen eines positiven Coronavirus-Tests müssten daher nicht gleich Quarantänemaßnahmen eingeleitet werden.

Virologe Sandro Halbe betrachtet in einem Forschungslabor des Instituts für Virologie der Philipps-Universität Marburg auf einem Computermonitor die Elektronenmikroskopaufnahme eines MERS-Coronavirus, einem engen Verwandten des neuartigen Coronavirus.
Coronaviren sind nicht neu und unser Immunsystem hat sich immer wieder auf sie einzustellen verstanden. Bild: DPA | Arne Dedert

Die von buten un binnen befragten Experten bestätigen, dass Coronaviren kein neues Phänomen sind. "Die grundsätzliche Aussage, dass nicht jeder mit einem leichten Schnupfen auf Coronaviren geprüft werden sollte, ist vollkommen korrekt", sagt Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie.

Eine Aussage, die auch andere Experten teilen. "Unser Immunsystem hat gelernt, sich mit diesen Coronaviren abzugeben", sagt Andreas Gerritzen.

Dennoch betont der Leiter des Medizinischen Labors Bremen, dass Coronaviren veränderlich sind. Sie könnten, wie jetzt geschehen, eine Spezies-Barriere überspringen und dabei Eigenschaften verändern, die Sterberate und Ansteckungsgefahr erhöhen, sagt Gerritzen. "Was bei Hühnern und Schweinen ungefährlich war, kann beim Menschen schwere Symptome auslösen", sagt Gerritzen.

Autor

  • Kristian Klooß

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, Die Vier am Morgen, 9. März 2020, 5:50 Uhr