Fragen & Antworten

Nach massiver Kritik: Warum Bremen die Luca-App trotzdem nutzen will

Bremen will zur Kontaktnachverfolgung auch die umstrittene Luca-App einsetzen – trotz diverser Sicherheitsbedenken. Kann die Corona-Warnapp jetzt wieder Boden gewinnen?

Video vom 11. April 2021
Alexander Noack im Studio von buten un binnen.
Bild: Radio Bremen

Wer hat sich mit wem, wann, wo aufgehalten – und wie lange? Wer solche Fragen im Falle einer Coronainfektion schnell und präzise beantworten kann, hat gute Chancen, weitere Ansteckungen im Umfeld aufzudecken oder zumindest zu verhindern. Ende März erteilte der Bremer Senat mit der Luca-App einer weiteren Kontaktnachverfolgungs-App den Zuschlag für eine Nutzung im Land Bremen – wie auch zahlreiche anderen Bundesländer, darunter Niedersachsen oder Mecklenburg-Vorpommern.

Doch die Kritik an Luca wird immer lauter: Zu groß seien die Sicherheitslücken und zu undurchsichtig das Vergabeverfahren. Der Chaos-Computer-Club forderte in dieser Woche gar den sofortigen Stopp der App. Doch warum könnte die Nutzung von Luca problematisch sein und was sind eventuell bessere Alternativen? Die wichtigsten Antworten im Überblick.

Warum steht die Luca-App anhaltend in der Kritik?
Der Chaos-Computer-Club (CCC) hat für die Beurteilung von sogenannten "Contact-Tracing-Apps" zehn Prüfsteine aufgestellt. Die Prüfsteine bestehen aus verschiedenen Themenkomplexen, wie zum Beispiel Freiwilligkeit, Transparenz, Datensparsamkeit oder Anonymität. Laut CCC erfüllt die Luca-App keinen einzigen der zehn Prüfsteine. Alexander Noack vom Bremer Chaos-Computer-Club weist auf verschiedene Sicherheitslücken und Anfälligkeiten der App hin, durch die in den letzte Wochen beispielsweise Fake-Veranstaltungen erstellt und massenhaft SMS verschickt wurden oder über den Schlüsselanhänger der App auf die Bewegungshistorien von App-Nutzern zugegriffen werden konnte. "Die meiner Meinung nach größte Schwachstelle liegt aber in der zentralen Datenhaltung", sagt Noack.
Was bedeutet eine zentrale Datenhaltung und wo liegen die Probleme?
Im Gegensatz zu anderen Kontaktverfolgungs-Apps lässt sich die Luca-App direkt mit der Software der Gesundheitsämter vernetzen. Die gesammelten Daten liegen dabei zentral in einer Datenbank, auf die Gesundheitsämter zugreifen können. Man müsse sich im Klaren darüber sein, dass hier mit sehr sensiblen Daten gearbeitet werde und immer die Gefahr bestehe, dass sich jemand Zugang dazu verschaffe, so Noack. "Wir haben Zweifel daran, ob der Hersteller in der Lage ist, sein Sicherheitsversprechen einzulösen", sagt der Bremer CCC-Sprecher. Im schlimmsten Fall könnten so die Bewegungsprofile von Millionen Menschen in Umlauf geraten. "Dass 80 Millionen Handys auf einmal geklaut werden, ist da schon unwahrscheinlicher", sagt Noack.
Welche Alternativen gibt es zu einer zentralen Datenspeicherung?
Neben der Luca-App gibt es noch zahlreiche andere Apps, mit denen eine Kontaktnachverfolgung möglich ist, zum Beispiel die Corona-Warn-App des Bundes oder die App der Bremer Gastrogemeinschaft. "Bei der Corona-Warn-App liegen die Daten ausschließlich auf den Handys der Benutzer und werden komplett anonym und dezentral erhoben, wenn sie gebraucht werden", sagt der Bremer CCC-Sprecher Noack. Die Bremer App "Gast Bremen" arbeitet mit einer sogenannten Gateway-Lösung. An diese Schnittstelle sind über 50 andere Apps zur Kontaktnachverfolgung angeschlossen. "Das Gateway ist wie ein Übersetzer, der die relevanten Informationen aus den Apps an das Gesundheitsamt liefert", sagt Oliver Trey von der Bremer Gastrogemeinschaft.
Wie reagiert das Land Bremen auf die Kritik an der Luca-App?
Direkte Konsequenzen zieht Bremen auf Anfrage bei der Gesundheitsbehörde aus den Vorwürfen nicht. Stattdessen setze Bremen auf den direkten Austausch zwischen den verschiedenen Bundesländern, die die Luca-App nutzen und den Herstellern der App selbst. Man stehe in engem Kontakt mit den Entwicklern der Luca-App, heißt es aus der Gesundheitsbehörde. "Aufgedeckte Mängel, wie den Missbrauch der Schlüsselanhänger oder die Kritik an der Barrierefreiheit, wurden bereits von den Entwicklern behoben" sagt Lukas Fuhrmann, der Sprecher der Gesundheitssenatorin. Auf alle Fragen der Länder sei bisher stets sehr schnell reagiert worden, so Fuhrmann.
Für welchen Zeitraum hat sich Bremen die Nutzungsrechte für die Luca-App gesichert und für welchen Preis?
Laut einer Sprecherin des Bremer Finanzsenators hat die Luca-Lizenz mit einer Laufzeit von 12 Monaten das Land Bremen 257.000 Euro gekostet.
Für die Corona-Warn-App, die Kontaktnachverfolgungs-App des Bundes, wird in den nächsten Tagen ein Update erwartet: Dann ist es möglich, sich mit der App per QR-Code in einem Geschäft oder einem Café anzumelden. Was verspricht sich Bremen von dieser neuen Funktion?
Rund 27 Millionen Menschen haben sich die Corona-Warn-App bis zum 15. April 2021 bereits heruntergeladen. Trotz des angekündigten Updates bezweifelt die Gesundheitsbehörde die Nutzbarkeit für das Land Bremen, schließlich sei es nach aktueller Corona-Verordnung des Landes Bremen und des Bundes für Gastronomiebetriebe erforderlich, Kontaktdaten zu erheben, vier Wochen zu speichern und im Infektionsfall dem Gesundheitsamt diese Daten zur Verfügung zu stellen, so die Behörde. "Eine anonyme Datenerhebung, wie sie durch die Corona-Warn-App durchgeführt wird, würde den Anforderungen nicht entsprechen und stellt somit keine Alternative zu den aktuell gängigen Praxen dar", sagt Fuhrmann. Ein weiterer Kritikpunkt: Nicht jeder Gast besitze ein Smartphone, die Luca-App dagegen ermögliche die Kontakterfassung auch ohne Smartphone.
Setzt Bremen also voll auf die Luca-App?
Nein. Bremen bewerte Luca vielmehr als einen Baustein in der Kontaktnachverfolgung und es sei wichtig, diesen im Portfolio zu haben, so Fuhrmann. Das Bremer Finanzressort verweist in der Entscheidung für die Luca-App auch auf die anderen Bundesländer. "Wenn die Restaurants wieder aufmachen, werden Gäste aus Bremen und anderen Bundesländern – vor allem aus Niedersachsen – dort essen. Neben diversen anderen Ländern hat Niedersachsen sich für die Luca-App entschieden", sagt Sprecherin Dagmar Bleiker.
Auch die App der Bremer Gastrogemeinschaft bekommt bald neue Funktionen. Welchen Rolle spielt sie für das Land Bremen?
Auch die Nutzung der Bremer App begrüßt die Gesundheitsbehörde grundsätzlich. "Den Betrieben steht es frei, sich für eine Lösung zu entscheiden, solange die Lösung der Corona-Verordnung entspricht", sagt Fuhrmann. Neben der bei "Gast Bremen" bereits vorhandenen Check-In-Funktion per QR-Code kündigt Oliver Trey von der Bremer Gastrogemeinschaft neue Funktionen an. So sollen Schnelltest-Ergebnisse direkt in die App übertragen werden und dort zusammen mit einem zeitlichen Countdown abrufbar sein. "Bisher kommen die Schnelltest-Nachweise der Testzentren per E-Mail oder auch über Betriebsärzte", sagt Trey. Viel einfacher wäre es, wenn das Ergebnis direkt in der App auftauche. Außerdem planen die Macher, die tagesaktuellen Corona-Regeln künftig in die App zu integrieren. Hierzu sei man noch im Austausch mit den Behörden, so Trey.
Was spricht gegen die Nutzung vieler verschiedener Apps im Land Bremen?
Oliver Trey findet: Konkurrenz belebe das Geschäft und jede App habe ihre individuelle Stärke. Wichtig sei aber, dass die Nutzer selbst entscheiden können, welche App sie bevorzugen. Alexander Noack vom Chaos-Computer-Club sieht das ähnlich und vergleicht die App-Angebote mit verschiedenen Messenger-Diensten. "Es geht uns nicht darum, die Luca-App madig zu machen, aber Menschen sollten eine informierte Entscheidung treffen können", sagt Noack. Hier müsse eine öffentliche Debatte über die unterschiedlichen Schwachstellen geführt werden, so Noack.
Einer hierfür wichtigen Forderung sind die Entwickler der Luca-App am Donnerstag nach vielfacher Kritik nachgekommen: Sie haben den gesamten Quellcode der App veröffentlicht und somit einsehbar gemacht.

Das sagt der Bremer Chaos-Computer-Club zu Datenschutz während Corona

Video vom 11. April 2021
Alexander Noack im Studio von buten un binnen.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Angela Weiß

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 16. April 2021, 23:30 Uhr