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Tests, Positivrate, Dunkelziffer: So hängen Corona-Kennzahlen zusammen

Mehr Tests, mehr Fälle? Fallende Inzidenz, weniger Fälle? Und was ist mit der Dunkelziffer? Wir erklären, was hinter den vier meist diskutierten Zahlen steckt.

Ein Arzt steht mit einem Tupfer für einen Corona-Abstrich parat.
Wer und wieviel getestet wird, ist mit entscheidend. Bild: DPA | Soeren Stache

Testenpässe, Positivraten, Dunkelziffern und 7-Tage-Inzidenz – durch die vielen Corona-Kennzahlen steigen die Wenigsten durch. Was diese vier Zahlen bedeuten, warum sie sich gegenseitig beeinflussen und weshalb das wichtig ist, zeigen wir hier.

1 Testzahl: Mehr Tests, mehr Fälle?

Mit der Zahl durchgeführter Covid-19-Tests in Bremen ist tendenziell auch die Zahl der gemeldeten Coronafälle seit Beginn der Pandemie angestiegen. So wurden in der dritten April-Woche mit 1.862 Tests 118 Corona-Fälle entdeckt. In der ersten November-Woche waren es mit 18.294 Tests 1.478 Fälle.

Dieser Zusammenhang erschließt sich auf den ersten Blick dadurch, dass nur gefunden werden kann, was auch gesucht wird – denn ein positiver Corona-Befund setzt einen Test voraus.

Anzahl durchgeführter Corona-Tests im Land Bremen

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Doch mehr Tests, mehr Fälle: Das ist nur die die halbe Wahrheit. Denn die gemeldeten Neuinfektionen sind im Sommer trotz gestiegener Testzahlen zwischenzeitlich sogar gesunken. So wurden in Bremen in der ersten Juli-Woche 7.352 Tests durchgeführt. Positiv getestet wurden aber nur 18 Probanden.

Dies zeigt, dass die Testzahl allein keine eindeutigen Rückschlüsse auf die Zahl der tatsächlich Infizierten zulässt. Dazu muss zusätzlich auch die sogenannte Positivrate betrachtet werden.

2 Positivrate: Was erklärt ihre U-Form?

Die Positivrate ergibt sich aus der Anzahl positiver Befunde unter allen Covid-19-Tests. Bei Ausbruch der Pandemie lag sie in Bremen bei 6,34 Prozent. Bis Ende Juni fiel sie dann kontinuierlich bis auf einen Tiefpunkt bei 0,19 Prozent, was den oben erwähnten 18 Positivbefunden bei 7.352 Tests entspricht.

Bis Anfang November ist die Positivrate im Land Bremen nun allerdings wieder auf 8,08 Prozent angestiegen.

Anzahl der positiven Tests von allen Getesteten im Land Bremen

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Die Gründe für den U-förmigen Kurvenverlauf der Positivrate (siehe Grafik) sind wissenschaftlich nicht abschließend geklärt. Dennoch könnte die immer wieder angepasste Teststrategie, national wie auch in Bremen, zumindest zum Teil den Verlauf begründen.

So konzentrierten sich die Testungen im Frühjahr vor allem auf Verdachtsfälle, die bereits Corona-Symptome aufwiesen oder die beispielsweise aus dem Ischgl-Urlaub zurückkamen – bevor Maskenpflicht und Abstandsgebote dort ein Thema waren. Die Wahrscheinlichkeit, unter diesen Getesteten Positivfälle zu finden, war vergleichsweise hoch.

Im Frühsommer entschied dann die Bundesregierung, dass Krankenkassen die Kosten für PCR-Tests übernehmen müssen. Daraufhin ließen sich immer mehr Menschen testen, die keine Symptome aufwiesen und nicht zu einer eindeutigen Verdachtsgruppe gehörten. Noch breiter angelegt wurden die Testungen dann, als pauschal Reiserückkehrer aus Risikogebieten getestet wurden und Bremen darüber hinaus damit begann, präventive Tests in Pflegeheimen und Schulen durchzuführen.

Sonst gleiche Rahmenbedingungen vorausgesetzt, dürften die vielen Testungen auch von Menschen mit geringer Erkrankungswahrscheinlichkeit schon rein mathematisch zu einer sinkenden Positivrate geführt haben. Seit dem Ende der präventiven Testungen in Bremen vor einigen Wochen ist die Positivrate entsprechend wieder angestiegen. Und die seit dieser Woche offiziell durchgeführten Konzentration der Testungen auf Verdachtsfälle mit Symptomen würde in dieser Logik – und bei sonst unveränderten Rahmenbedingungen – die Positivrate weiter erhöhen.

3 Dunkelziffer: Wie wirken sich Testengpässe auf sie aus?

Ein weiterer für die Corona-Kennzahlen bedeutsamer Aspekt gerät derzeit in den Vordergrund: Testengpässe. Aktuell arbeiten die neun Labore im Land Bremen am Anschlag. Das heißt, ein Testbefund für eingereichte Proben kann nicht mehr innerhalb von 24 Stunden gegeben werden. Die Lage hat sich in den vergangenen Tagen zwar leicht entspannt. So können dem Gesundheitsressort zufolge derzeit wieder alle eingereichten Proben innerhalb von 24 bis 36 Stunden mit einem Befund versehen werden. Allerdings werden derzeit auch nur noch die dringendsten Proben eingereicht. Denn der seit dieser Woche offiziell angepassten Teststrategie Bremens zufolge werden nur noch Verdachtsfälle getestet, die tatsächlich Corona-Symptome aufweisen.

Sollte sich der Anteil jener Menschen, die sich zwar mit dem Coronavirus infiziert haben, aber keine Corona-Symptome aufweisen, erwartungsgemäß nicht verändert haben, hätte dies vor allem Folgen für die sogenannte Dunkelziffer. Denn ohne Test und offiziellen Befund landen diese Kranken nicht in der offiziellen Statistik. Das ist wichtig, weil zu den gemeldeten Fällen die nicht gemeldeten Fälle – also die Dunkelziffer – addiert werden müssen, um die tatsächliche Zahl der Coronafälle in Bremen zu ermitteln.

Das nachfolgende grafische Modell veranschaulicht sehr vereinfacht, wie sich die Dunkelziffer verändert, wenn bei sonst gleichen Rahmenbedingungen unterschiedliche Gruppen getestet werden oder wegen Test-Engpässen nicht alle Menschen getestet werden können.

Einfluss von Testkapazität und Probandenauswahl auf die Dunkelziffer (Modell)

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Zur Einordnung: Einer Anfang November veröffentlichte Studie des Tropeninstituts am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München zufolge haben 1,8 Prozent der Münchner während der ersten Corona-Welle Antikörper gegen das SARS-CoV-2-Virus entwickelt. Damit lag der Anteil der Menschen mit nachgewiesenen Antikörpern etwa viermal so hoch wie der Anteil der bis dahin offiziell registrierten Coronavirus-Fälle in Bayerns Landeshauptstadt.

4 Inzidenzwert: Wie wird er von der Dunkelziffer beeinflusst?

Auch die im Hinblick auf politische Entscheidungen wichtigste Corona-Kennzahl, die 7-Tage-Inzidenz, ist letztlich mit den anderen Kennzahlen verknüpft. Denn der Wert misst die bestätigten Neuinfektionen in den letzten 7 Tagen pro 100.000 Einwohner.

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass mit wachsender Dunkelziffer der Inzidenzwert an Aussagekraft verliert. Im Extremfall, wenn zum Beispiel keine Tests durchgeführt werden würden, läge die 7-Tage-Inzidenz bei Null. Denn dann lägen keine bestätigten Neuinfektionen vor, obwohl tatsächlich und mit hoher Wahrscheinlich sehr viele Menschen an Corona erkrankt wären.

Vor diesem Hintergrund ist die Entwicklung des absoluten Inzidenzwerts im Land Bremen ebenfalls nur die halbe Wahrheit. Denn sie hängt nur, aber maßgeblich davon ab, welche Menschen und wieviele Menschen in Bremen getestet werden.

Neue Corona-Teststrategie: Kein Test mehr ohne Symptome

Video vom 16. November 2020
Viele Corona Test im Labor.
Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Kristian Klooß Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 18. November, 19:30 Uhr