Interview

Politikberater: "Bis jetzt hat mich keine Wahlkampagne überzeugt"

Der Wahlkampf in Bremen geht in die heiße Phase. Auch im Netz kämpfen Kandidaten um Stimmen. Wie gut schlagen sie sich? Eine Einschätzung von Politikberater Martin Fuchs.

Wahlplakat der CDU mit dem Wortlaut "Carsten Meyer Wer"
Mit dem Hashtag "Carsten Meyer-Wer" versucht die CDU die Bekanntheit ihres Spitzenkandidaten zu steigern. Bild: Imago | Eckhard Stengel
Bevor der Wahlkampf überhaupt offiziell begann, war der Politik-Neuling und Spitzenkandidat der CDU, Carsten Meyer-Heder, durch eine Plakataktion aufgefallen. Auf großformatigen Plakaten steht zum Beispiel der Schriftzug "Carsten Meyer-Wer?" Das ist auch Ihnen aufgefallen. War das ein guter Schachzug?
Es ging darum, Aufmerksamkeit für eine unbekannte Person zu generieren, die bisher in der Politik nicht wahrgenommen wurde. Das weckt erst mal Interesse. Darauf kann die CDU jetzt in der zweiten und dritten Welle des Wahlkampfs Inhalte aufbauen. Das ist schon ganz smart gemacht, gerade wenn man gegen bekanntere Politiker antritt wie Bürgermeister Carsten Sieling von der SPD. 
Dagegen wirken die richtigen CDU-Wahlplakate jetzt langweilig?
Im Vergleich zu dieser ersten Welle wirkt das schon langweilig. Aber jetzt haben die Wahlplakate eine andere Funktion. Sie sollen nämlich die eigenen Wähler motivieren, am 26. Mai eben nicht ins Schwimmbad zu gehen oder an die Weser, sondern ins Wahllokal. Und da muss es wieder klassischer werden. Es wäre viel, viel teurer sich auf Nichtwähler zu fokussieren oder Menschen zu überzeugen, von der SPD oder den Grünen zur CDU zu ziehen.
Martin Fuchs
Martin Fuchs Bild: Martin Fuchs
Bewerben die politischen Parteien ihre Inhalte auch im Netz richtig?
Zu sehen sind viele Bildchen von allen möglichen Parteien. Es wird viel Geld investiert in Videos und kreative Sprüche. Aber was mich ein bisschen ärgert, ist, dass sie das Netz in den vier, fünf Jahren dazwischen ein bisschen ausblenden.
Wenn man die CDU nimmt: Die Twitter-Kanäle waren jahrelang so gut wie unbespielt. Da gab es keine Informationen – und jetzt vor dem Wahlkampf wird das wiederentdeckt. So geht das aber nicht. Man muss als Kandidat oder als Partei eine Community aktiv aufbauen in den Jahren, in denen man aktiv Politik für Bremen macht. Und die kann man dann im Wahlkampf motivieren. Aber jetzt vier, fünf Wochen vor der Wahl bunte Bildchen zu produzieren, das wird nicht funktionieren. 
Die Spitzenkandidatin der FDP, Lencke Steiner, ist online sehr präsent. Sie zeigt sich auch in privaten Settings. Ist das geschickt?
Das finde ich schon sehr gut gemacht von der FDP. Die hat es auch einfach, weil sie eine sehr kleine, ansprechbare Zielgruppe hat, zwischen sechs und acht Prozent. Die kann man ganz anders ansprechen als die Zielgruppen von Volksparteien. Die versuchen, möglichst viele Bürger und Bürgerinnen mitzunehmen in der Kampagne.
Die FDP möchte ihren Markenkern hervorheben und zeigen, dass sie innovativ ist und digitale Themen voranstellt. So druckt Lencke Steiner ihre Telefonnummer auf Plakate und fordert dazu auf, ihr eine Nachricht zu schreiben. Wenn ich das tue, erhalte ich eine 35-sekündige Sprachnachricht von ihr. Das ich schon extrem gut. Ich frage mich nur, vielen Bremerinnen und Bremern sie diese kleinen Audionachrichten schicken kann. 
Klassisch punkten Parteien wie die Grünen oder die Piraten mit guten Online-Kampagnen. Wie sieht das in Bremen aus?
Bisher muss ich sagen, dass mich noch keine der gestarteten Kampagnen überzeugt hat. Vieles ist sehr klassisch. Das mag auch nicht falsch sein. Nach meinem Gefühl sehe ich den Europawahlkampf überhaupt nicht. Aber beim Bürgerschaftswahlkampf fehlen mir bisher die Highlights.
Das einzige, was ich bisher gesehen habe, ist die Aktion der Bremischen Bürgerschaft, die sehr gut auf eine Aussage des AfD-Spitzenkandidaten Frank Magnitz reagiert hat. Er hat in einem buten un binnen-Interview gefordert, die Bremische Bürgerschaft abzureissen und bezeichnete die Bürgerschaft als das "Zweite Rathaus". Und die Bürgerschaft hat sich sehr smart die Domain "das zweite Rathaus" gesichert. Wer diese Worte eingibt, gelangt dann auf die Seite der Bremischen Bürgerschaft. Das war die bisher coolste Aktion im bremischen Wahlkampf.
Vier Wochen vor der Wahl zeigen Meinungsumfragen, dass SPD und CDU in Bremen ungefähr gleichauf sind. Allerdings werden diese Umfragen telefonisch geführt. Wäre eine Online-Umfrage heute nicht sinnvoller?
Das ist eine große Diskussion bei den Meinungsforschungsinstituten. Bei Telefonumfragen werden bestimmte gesellschaftliche Gruppen nicht mehr repräsentiert. Deshalb haben die großen Forschungsinstitute auch Online-Panels mit dabei. Allerdings ist das Problem bei diesen Panels, dass sie nicht repräsentativ sind. Es beteiligen sich oft Menschen, die eine starke politische Meinung haben. Und dann gibt es die, die Online-Panels gezielt nutzen, um Meinungen zu beeinflussen. Das bedeutet also, eine gewisse Verzerrung ist möglich.

 

 

 

 

 

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 2. Mai 2019, 18:05 Uhr