Interview

Mäurer zu Sportwetten-Werbung: "Würde diesen ganzen Spuk verbieten"

Video vom 14. Juli 2021
Ulrich Mäurer (SPD), Innensenator von Bremen, stellt während einer Pressekonferenz den Verfassungsschutzbericht 2019 für Bremen vor.
Bild: DPA | Mohssen Assanimoghaddam
Bild: DPA | Mohssen Assanimoghaddam

"Unverantwortlich", "alle Grenzen überwunden": Bremens Innensenator ist verärgert. Er hat der Werbung für Sportwetten den Kampf angesagt und scheut offenbar keinen Streit.

Inzwischen hat Ulrich Mäurer (SPD) auch den Deutschen Presserat und die Suchtbeauftragte des Bundes eingeschaltet. Bremens Innensenator sieht einen Dammbruch bei der Werbung für Sportwetten in den Medien und durch den Profifußball erreicht. Viele Menschen würden dadurch in den Ruin getrieben. Neben der "Bild"-Zeitung, die indirekt Geld mit Sportwetten verdiene, mache sich auch die ARD schuldig. Denn die Sportschau kooperiert ebenfalls mit einem Wettanbieter. Mäurer möchte Werbung für Sportwetten verbieten.

Herr Mäurer, was stört Sie konkret an der Kooperation von "Bild"-Zeitung und dem Sportwetten-Veranstalter BV Germany?
Es gibt eigentlich eine klare Trennung zwischen Pressefreiheit, Presseartikeln und Werbung. Es muss erkennbar bleiben, was ich mache. Diese Grenzen werden hier deutlich überschritten. Die Trennung zwischen Werbung und Presseartikeln wird nicht mehr gewahrt.

Wir sehen in den Beiträgen der "Bild"-Zeitung", dass sie das Thema der Sportwetten entdeckt hat. Dass sie dafür aktiv Werbung macht. Geschickt, nicht plump. Sie suggeriert, dass Sportwetten ein Produkt sind wie Milch und Butter. Man kann was erlernen, es besteht kein Risiko. Damit wird der Boden bereitet, um neue Kunden zu werben. Im Ergebnis partizipiert man dann wirtschaftlich, weil der Vertrag natürlich auch einen wirtschaftlichen Hintergrund hat.

In der Bundesrepublik haben wir zur Zeit etwa eine halbe Million Menschen, die auf der Kippe stehen bei dem Thema. 200.000 sind abhängig. Das bedeutet, dass sie ruiniert sind, dass sie ihre Familien ruinieren. Dieses Thema ist vermint. Ich halte es für unverantwortlich, dass sich Fußball und Medien zum Vorreiter dieser Kultur machen.

Ulrich Mäurer, Innensenator Bremen (SPD)
Was haben Sie gedacht, als Ihre Mitarbeiterin Ihnen das Thema geschildert und Ihnen die Beispiele gezeigt hat, die inzwischen auch publiziert worden sind?
Ich habe gedacht: Hier ist eine Grenze überschritten. Im Bereich der Sportwetten hat sich in den letzten Jahren viel verändert. Die Umsätze sind explodiert. Ich habe gesehen, dass der Profifußball zum Haupttreiber geworden ist. Fast alle Mannschaften der ersten und der zweiten Liga sind als Sponsoren unterwegs.

Selbst die Fußball-Nationalmannschaft wirbt nun für Bwin. Das zeigt, wie weit die Entwicklung vorangeschritten ist. Nicht zuletzt dank Oliver Kahn, Lothar Matthäus und vielen anderen, die Millionen dafür bekommen, das junge Publikum anzusprechen und anzusagen: 'Geht in den Bereich der Sportwetten!' Sie machen das, ohne zu thematisieren, welche Risiken damit verbunden sind.
Oliver Kahn macht Werbung für Tipico-Sportwetten.
Unter anderem der ehemalige Torwart der deutschen Nationalmannschaft Oliver Kahn macht Werbung für Sportwetten. Bild: Imago | Arnulf Hettrich
Vor ein paar Wochen ist bekannt geworden, dass auch die ARD mit einem bekannten Sportwetten-Anbieter kooperiert, dass es eine Werbepartnerschaft gibt zwischen der Sportschau und Tipico. Wie finden Sie das?
Ich finde, hier werden wirklich alle Grenzen überwunden. Ich halte die gesamte Entwicklung für unverantwortlich. Man kann ja sehen, was die Folgen sind. England hat vor vielen Jahren schon den Sportwett-Bereich neu organisiert. Heute gibt es ein massives gesellschaftliches Problem, mit dem sich das Parlament beschäftigt.

In der Bundesrepublik haben wir zur Zeit etwa eine halbe Million Menschen, die auf der Kippe stehen bei dem Thema. 200.000 sind abhängig. Das bedeutet, dass sie ruiniert sind, dass sie ihre Familien ruinieren. Dieses Thema ist vermint. Ich halte es für unverantwortlich, dass sich Fußball und Medien zum Vorreiter dieser Kultur machen.
Wie wollen Sie dagegen vorgehen?
Ich muss erst einmal Aufklärung betreiben. Meine Forderung ist sehr einfach: Ich bin für ein generelles Werbeverbot für alle. Wie bei Alkohol, wie bei Tabak. Sportwetten sind kein normales Ding. Dafür zu werben, halte ich für völlig verkehrt. Ich glaube, dass nur radikale Veränderungen da helfen.
Die Sportwett-Industrie wirbt damit, dass man Sportwetten bewerben müsse, damit diejenigen, die ohnehin wetten wollen, es legal machen dürfen und nicht ins Illegale abrutschen. Was halten Sie von dieser Argumentation?
Das ist fadenscheinig. Man sieht, wo die Werbemillionen eingesetzt werden: Es geht ganz gezielt darum, insbesondere junge Leute anzusprechen, die Fußball mögen, die glauben, sich mit Fußball auszukennen und die selber Sport treiben. Das ist das Umfeld, in dem man neue Kunden werben will. Und es ist völlig klar, wenn man sich die Umsatzentwicklung anschaut: Das geht nur mit neuen Kunden. Meine Position ist klar: Ich würde diesen ganzen Spuk verbieten.
Die Sportwett-Industrie wird von Experten immer wieder als starke Lobby beschrieben, der es gelingt, ihre Interessen durchzusetzen. Für wie einflussreich halten Sie diese Lobby, gerade auch mit Hinblick auf politische Akteure?
Sie haben es geschafft, den Staatsvertrag zu kippen. Es sind einige Länder ausgebrochen: Schleswig-Holstein mit der FDP an der Spitze. Andere Länder sind gefolgt. Das heißt: Es gibt keine einheitliche Linie mehr unter den Ländern. Insofern haben sie ihr Ziel erreicht: Wir sind zerstritten. Und es ist ihnen in der Vergangenheit ja auch vollkommen egal gewesen, ob die Werbung legal oder illegal gewesen ist. Die haben das einfach durchgezogen. Und mit Geld ist in dieser Republik offenbar alles möglich.
Glauben Sie, dass bald auch Ihr Telefon klingelt, wenn Sie jetzt hier so nach vorn gehen mit dem Ziel, Werbung im Sportwetten-Bereich zu verbieten?
Da bin ich gelassen. Ich habe mich ja auch schon öfter mit DFB und DFL angelegt. Da bin ich ein Überzeugungstäter.
Eine Sportwettenapp zeigt Wetten mit ihren Wettquoten auf einem Smartphone an.
Junge Menschen, die sich für Fußball interessieren, bildeten die Hauptzielgruppe der Wettanbieter, sagt Bremens Innensenator Ulrich Mäurer. Bild: Imago | Kirchner-Media
Was denken Ihre Amtskollegen aus anderen Ländern über das Thema?
Ich habe das Thema auf die nächste Innenministerkonferenz gesetzt. Ich habe den Eindruck, dass erst einmal ein Schritt in Richtung Aufklärung erforderlich ist, weil sich die meisten des Themas noch nicht angenommen haben. Insofern sind wir noch in einer Phase, in der wir erst einmal über das Thema diskutieren müssen.
Glauben Sie, dass es Ihnen gelingen wird, den einen oder anderen zu überzeugen?
Es wird lange dauern. Aber ich sehe auch, dass es Länder gibt, die inzwischen klüger und weiter sind als die Bundesrepublik. In Italien gibt es ein striktes Werbeverbot. Wir haben beim Alkohol und beim Nikotin auch klein angefangen. Inzwischen kann man nicht mehr so extensiv dafür werben, wie das in den 50er Jahren der Fall war. Also: Was spricht dagegen, es wieder zu versuchen?
Wie weit würden Sie gehen? Inwieweit würden Sie mit dem Thema vielleicht auch nerven?
Wie immer: hartnäckig.
Sie haben schon den Konflikt mit dem DFB und der DFL angesprochen. Warum kämpfen Sie diese Kämpfe, bei denen es ja nicht in erster Linie um urbremische Themen geht?
Ich finde: Es geht nicht, dass der Profifußball jenseits jeder gesellschaftlichen Verantwortung operiert, und dass völlig egal ist, für welche Produkte der Fußball wirbt. Es gibt auch moralische Grenzen. Aber die spielen offenbar in diesem System, in dem es nur um Raffgier geht, keine Rolle. Und das geht mir gewaltig auf den Keks.
Warum glauben Sie, dass ausgerechnet von Bremen aus der Impuls für eine Veränderung ausgehen muss oder kann?
Ich wünsche mit natürlich breite Unterstützung. Aber: Irgendwann muss man eben anfangen. Und Bremen macht das.

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Video vom 25. Juni 2021
Ein Mann sitzt vor einem Glücksspielautomaten
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Torben Ostermann Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 13. Juli, 19.30 Uhr