Darum protestieren Landwirte in Bremern für bessere Löhne

Dieses Mal fordern die Landwirte faire Preise – insbesondere für ihre Milch. Ziel ist das "Deutsche Milchkontor". Los geht es um 11:30 Uhr, in Bremerhaven gegen 9 Uhr.

Zahlreiche Traktoren stehen auf der Parkallee in Bremen.
So sah es im Januar bei der letzten großen Trecker-Demo in der Parkallee aus. Etwas kleiner, im Prinzip aber ähnlich, könnte es heute werden. Bild: Radio Bremen | René Möller

Die Bremer Trecker-Demo im Januar hat für Aufmerksamkeit gesorgt. Heute gibt es eine Wiederauflage des Protests: Wenn sich heute je eine Treckerkolonne in die Innenstädte von Bremen und Bremerhaven aufmachen, dann geht es den Landwirten vor allem um den Milchmarkt. Ziel der Demo ist das "Deutsche Milchkontor" (DMK), des eigenen Angaben zufolge größten deutschen Milchverarbeiters mit Sitz hier in Bremen.

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In Bremen wird der Schlepper-Konvoi, der sich zuvor in Elsdorf trifft, laut Polizei Bremen ab etwa 11:30 Uhr für "erhebliche Verkehrsbehinderungen" in Bremen sorgen: Die Strecke verläuft von der Osterholzer über die Sebaldsbrücker Heerstraße Richtung Osterdeich, dann über die Wilhelm-Kaisen-Brücke über den Flughafendamm zur Henrich-Focke-Straße.

In Bremerhaven starten die Landwirte um 9:30 Uhr an der Stadthalle, fahren zum Wilhelm-Kaisen-Platz und dann weiter über die Stresemannstraße zur Schlachthofstraße.

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Unterstützung auch vom Bauern aus der Bürgerschaft

Letztlich ist es eben immer eine Frage des Geldes: "Der Erzeuger hat seine Kosten und kann die nicht einfach wegdrücken." Das sagt Uwe Michaelis, Landwirt aus Mahndorf und einer der Organisatoren der heutigen Trecker-Demos in Bremen und Bremerhaven. Doch nicht nur Milchbauern setzen sich auf ihre Trecker: Ackerbauern wie Michaelis sind ebenso dabei wie Fleischerzeuger. Denn im Kern zieht sich das Problem durch die gesamte landwirtschaftliche Branche: Die Produkte bringen den Erzeugern nicht mehr das, was sie brauchen.

Das sieht auch Frank Imhoff so. Der ist bekannt vor allem als Präsident der Bremischen Bürgerschaft. Er ist aber auch agrarpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion – und selbst Landwirt. Seine Familie betreibt einen Milchhof mit knapp 100 Tieren. Als Abgeordneter wird er deutlich.

Es ist eine Frechheit, dass die Discounter ihren Preiskampf über die Lebensmittel austragen.

Der Präsident der Bremischen Bürgerschaft Frank Imhoff im Interview.
Frank Imhoff, CDU-Abgeordneter

Er würde sich da auch von den Verarbeitern mehr Rückgrat wünschen, wenn sie mit dem Lebensmittel-Einzelhandel die Preise verhandeln. Denn "über den Mindestlohn reden wir in der Landwirtschaft schon lange nicht mehr."

Selbstausbeutung und Flächenverkauf retten den Kontoauszug

Mehrere Kühe in einem Kuhstall.
Milchkuhhaltung ist inzwischen selten rentabel. Bild: Radio Bremen

Was Karen Haltermann aus Oberneuland bestätigt. Auch sie betreibt einen Hof mit etwa 200 Milchkühen, produziert den Großteil des benötigten Futters selbst und ist außerdem als Beraterin tätig. Sie kennt wirklich viele Geschichten und Schicksale. Etliche Landwirte würden schon lange unterhalb der eigenen Kostenschwelle arbeiten.

Ausgeglichen wird das mit Selbstausbeutung, dem stückweisen Verkauf von Flächen und unterlassenen Investitionen in den Betrieb. Vernünftig sei das nicht, doch "Landwirte sind in der Regel zu verwurzelt mit der Geschichte", um den geerbten Hof zu verkaufen. Da bewirtschaften sie ihn lieber irgendwie bis 65, um ihn dann mit Würde aufzugeben – "weil die Kinder was anderes machen wollen", nennt Haltermann die gängige Umschreibung.

Derzeit bekommen Milchwirte durchschnittlich um die 30 Cent je Kilo konventionell erzeugter Milch – 45 müssten es bei realistischer Berechnung sein, erklärt Karen Haltermann.

Ich muss das Futter bezahlen, die Ernte, die Mitarbeiter, Strom, Energie, alles Mögliche. Und ich muss auch mein Kapital verzinsen und die eigene Arbeit bezahlen.

Karen Haltermann, Milchvieh-Halterin

Da reiche der jetzige Milchpreis einfach nicht. Und das habe sogar nur begrenzt mit der Betriebsgröße zu tun. Die "optimale Größe" liege so um die 400 bis 500 Milchkühe – darüber werde es nicht mehr profitabler.

Ist die Lösung "bio" – oder die Größe?

Ein Melkstall
Derzeit bringt jeder Liter Milch den Bauern Verlust. Bild: Radio Bremen

Das Preisproblem kennen in der Landwirtschaft jedoch nicht nur die Milchbauern. Michaelis ist wie erwähnt Ackerbauer: Weizen, Mais, Hafer – Getreide eben. Gerade hat der Mittfünfziger seinen Hof auf Bioproduktion umgestellt und liefert jetzt Getreide nach Bioland-Standard. Die zwei Jahre der Umstellung waren nicht ganz einfach. Manches Lehrgeld musste er für die neue Betriebsweise zahlen: "Es waren für mich auch sehr trockene Jahre was den Umsatz angeht." Doch am Ende ist alles gut – Michaelis steht zu der Idee, den Hof neu ausgerichtet zu haben.

Doch die Idee, dass im Biosegment alles heile Welt ist, ist falsch, sagt Michaelis: "Auch da gelten die Gesetze von Angebot und Nachfrage." Und die führen an den Kern des Branchen-Problems: Die industrialisierte Landwirtschaft ohne regionalen Bezug.

Nur die Größe zählt und mache eine Betriebsführung möglich, die mit den kümmerlichen Erlösen noch irgendwie klarkommt. Wer in der Liga nicht mitspielt hat es schwer. "Es ist nicht einfach – und einfach wäre zu einfach," sagt Michaelis.

Dass es nicht einfach ist für Landwirte, zeigen auch die Daten des Statistischen Bundesamtes: Über die Jahre schwanken die Preise für landwirtschaftliche Produkte teilweise extrem. Eine seriöse Planung ist den Bauern da kaum möglich.

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Molkerei: Preise kaum durchsetzbar

Ein Glas mit Milch vor einer Schiefertafel
Selbstgezapfte Milch: Die Direktvermarktung ist oftmals Zubrot für Landwirte. Bild: Radio Bremen | Verena Patel

Beim Deutschen Milchkontor hört man die Klage der Landwirte und würde sie gerne lösen: "Wir sind in der Sache komplett bei unseren Landwirten, was das Verständnis für höhere Preise von Lebensmitteln betrifft," sagt DMK-Kommunikationschef Oliver Bartelt auf Frage von buten un binnen.

Die 15 Cent je Kilo Milch, die die Landwirte mehr fordern, mögen angemessen sein, wären aber für die Rohmilch beim Landwirt eine Erhöhung um die 40 Prozent und für Bartelt ist fraglich, ob sich das so am Markt umsetzen ließe: "Der Marktpreis - auch der der Milch - richtet sich nach Angebot und Nachfrage, dem Verbraucherverhalten und globalen Märkten."

Damit ist der Ball dezent in das Spielfeld der Verbraucher gepasst worden. Wo Sonja Pannenbecker ihn nicht so gerne sieht. Die Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale Bremen hält den mehr oder minder versteckten Vorwurf, die Verbraucher würden nur 'billig, billig, billig' wollen und so die Preise drücken, für unangemessen.

"Politik am Kühlregal nicht möglich"

Ein Glas, in das Milch geschüttet wird.
Was ist uns Verbrauchern die Milch wert? Bild: Radio Bremen

Am Kühlregal könne keine Politik gemacht werden, da der reine Blick auf das Preisschild ja auch nicht helfe: Teurer müsse nicht unbedingt mehr Geld für den Bauern bedeuten. Die Preisbildung sei komplett intransparent und die Verbraucher gar nicht in der Lage, zu ermessen, was ein "fairer Preis" sei und wie sie einen solchen unterstützen sollten.

An einem Punkt aber sind Verbraucherschützerin Pannenbecker und Landwirt Michaelis Seit' an Seit': Beim Plädoyer für mehr Regionalität in der Ernährung. Weniger Weltmarkt und mehr Gemüse, Milch, Fleisch, Getreide aus der Region würden auf vielen Ebenen einen Fortschritt bedeuten, findet auch Pannenbecker.

Der Einkauf etwa im Hofladen oder beim Bauern auf dem Wochenmarkt bringe nicht nur mehr Einblick in die Zusammenhänge und Produktionsbedingungen, sondern letztlich auch die Sicherheit, dass das Geld dort landet, wo man es vielleicht selbst am liebsten sähe.

Autor

  • Karl-Henry Lahmann

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 19. November 2020, 19:30 Uhr