Roboter mit Temperament: Wie Stella, Bella & Co einen Hafen übernehmen

Der Jade-Weser-Port Wilhelmshaven probiert den Hafen der Zukunft aus: Roboter übernehmen, Menschen schauen nur noch zu. Bekommt auch Bremerhaven einen Geister-Hafen?

Der Jade Weser Port mit mehreren Container und einem Containerstapler.

Ein Bereich des Jade-Weser-Ports in Wilhelmshaven ist zur Zeit fest in finnischer Hand. Unter der Leitung von Varkko Mäkiranta proben Hafenarbeiter und Logistik-Profis des Helsinkier Milliarden-Konzerns Kalmar die Zukunft des Hafens: den automatisierten Containerumschlag. Im Hintergrund fahren vier riesige und scheinbar führerlose Van Carrier umher, gesteuert wie von Geisterhand, in Wirklichkeit geführt aus einem Büro weit abseits auf dem Gelände – vorsichtshalber selbst gesichert mit einer Burg aus Containern.

Der bremische Hafenbetreiber Eurogate testet hier, wie sich die Abläufe auf dem Terminal automatisieren lassen. Ein Jahr soll die Testphase laufen, Anfang des kommenden Jahres sollen Ergebnisse vorliegen. Dann soll auch geklärt werden, ob etwa die Bremerhavener Häfen für eine Automatisierung in Frage kommen. Bis dahin drehen Emma, Bella, Stella und Jürgen weiter ihre Runden. So heißen die vier Van Carrier, die meterhohen Container-Stapler. Und obwohl sie alle baugleich sind, ist doch jeder anders. "Und Bella ist eindeutig die Beste", sagt Techniker Henri Matikainen.

Sie arbeitet gut, sie ist unser verlässlichstes Mädel. Ich glaube, sie hat einfach das beste Temperament.

Henri Matikainen über den Van Carrier Bella.

Der Einsatz von Bella & Co. ist eine Weltpremiere

Henri Matikainen
Der Finne Henri Matikainen hat die vier Roboter-Kräne immer im Blick.

Zwar haben die Häfen in Rotterdam und Hamburg schon vor Jahren mit selbstfahrenden Transportern experimentiert, dabei kamen aber flache Transportbühnen zum Einsatz. Die vier Wilhelmshavener Gefährte dagegen können bis zu vier Container hoch stapeln. Sie werden mit der Hilfe von unzähligen Kameras, Laserscannern, Transpondern und Lichtschranken gesteuert. Die Mitarbeiter in der Steuerzentrale müssen ihnen nur sagen, welcher Container von wo nach wo gelangen soll. Den Weg errechnen die Roboter-Carrier dann selber.

Kosten sollen drastisch reduziert werden

20 dieser Fahrzeuge sollen später autonom Schiffe entladen. "Wir sind damit in der Lage, die Kosten dramatisch zu reduzieren", sagt Rüdiger Schulz, der das Projekt für Eurogate leitet. "Wir werden mit der Anlage später wettbewerbsfähiger sein als heute". Auch, weil Bella und ihre Maschinen-Kollegen rund um die Uhr bereit sein werden. "Auf Knopfdruck", sagt der Projektleiter. Diese ständige Bereitschaft muss sich Eurogate bei Arbeitern im Schichtbetrieb bislang vergleichsweise teuer erkaufen.

Rüdiger Schulz an seinem Schreibtisch
Eurogate-Projektleiter Rüdiger Schulz hofft auf Einsparungspotential.

Eurogate und andere Betreiber werden vom Bund bei ihren Automatisierungsbestrebungen unterstützt. Mehr als neun Millionen Euro Förderung fließen in das Wilhelmshavener Projekt, mehr als 60 Millionen insgesamt in die Erforschung der Hafenautomatisierung. Auf dem Thema ist Druck, das ist auch den Gewerkschaften klar: "Wir wissen eines: Die Digitalisierung und Automatisierung wird weiter voranschreiten", sagt Stefan Schubert von der Gewerkschaft Verdi. Wie und in welchem Umfang das passiere, wisse man aber noch nicht. "Aber egal was passieren wird: Der Mensch muss dabei im Mittelpunkt stehen", fordert Schubert. Es gehe immer um die Absicherung der Arbeitsplätze: "Dafür müssen wir eine Agenda schaffen, mit der Politik und der Hafenwirtschaft."

Damit meint er zum Beispiel zeitgemäße Tarifverträge – und eine ausreichende Mitbestimmung der Arbeitnehmer. Denn Bella, Stella, Emma und Jürgen werden zwar viel Arbeit übernehmen, aber nirgends mitreden dürfen. Da hilft auch das größte Maschinen-Temperament nichts.

Autor

  • Boris Hellmers

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 2. September 2019, 19.30 Uhr