Interview

Mai-Demo: Bremer DGB-Chefin kündigt "laute" Tarifverhandlungen an

Gewerkschafterin Annette Düring verrät, warum sie nach Lohnrückgängen im Jahr 2020 jetzt mit guten Verhandlungen rechnet. Vor allem eine Branche hat sie im Blick.

Annette Düring spricht auf der 1. Mai-Kundgebung des DGB (Archivbild)
Bremens DGB-Vorsitzende Annette Düring fordert Solidarität mit Frauen. Bild: DPA | Carmen Jaspersen

Am 1. Mai, dem Tag der Arbeit, meldet sich traditionell der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) zu Wort. Doch pandemiebendingt mussten die Gewerkschafter nun schon im zweiten Jahr auf Großdemos mit roten Fahnen und Trillerpfeifen verzichten. Viele Veranstaltungen fielen aus. Doch nicht alle. In Bremen führte der DGB eine kleine Kundgebung auf der Bürgerweide durch. Die Eröffnungsrede hielt die Vorsitzende der DGB-Region Bremen-Weser-Elbe, Annette Düring.

Frau Düring, was wird die wichtigste Botschaft Ihrer Rede sein?
Klar und deutlich zu sagen, dass die Tarifauseinandersetzungen – nachdem wir im vergangenen Jahr ein paar Lücken gehabt haben – jetzt wieder stark anziehen werden. Und dass es sehr wichtig ist, diese Verhandlungen jetzt auch zu führen. Sie werden anstrengender und weit lauter als sonst.
Bauarbeiter arbeiten auf einer Baustelle.
In der Baubranche läuft es auch in der Corona-Krise. Bild: Imago | Winfried Rothermel
Nun sind die Bruttolöhne in Deutschland 2020 im Schnitt um 0,8 Prozent gesunken. Und die Pandemie dauert an. Setzt das Gewerkschaften nicht unter Druck?
Das muss man von Branche zu Branche betrachten. Wir haben ja absolute Gewinner in dieser Corona-Krise. Wir haben aber auch Branchen, die sehr stark betroffen sind. Das dennoch etwas geht, zeigen ja auch Beispiele. Wir haben im vergangenen Jahr eine große Auseinandersetzung im öffentlichen Dienst gehabt, wo Beschäftigte von Bund und Kommunen in Streik getreten sind. Da haben wir auch etwas herausgeholt. Wir erleben allerdings derzeit in jeder Tarifrunde, dass die Arbeitgeber sagen: 'Wir haben Corona, da geht gar nichts.'

Wir erleben allerdings derzeit in jeder Tarifrunde, dass die Arbeitgeber sagen: Wir haben Corona, da geht gar nichts.

Annette Düring, Vorsitzende der DGB-Region Bremen-Elbe-Weser
Das dies nicht so ist, zeigen die jetzt anstehenden Tarifauseinandersetzung im Bauhauptgewerbe an. Da floriert es wie verrückt. Sie kriegen fast gar keine Handwerker mehr, das Material ist teuer geworden, es wird gebaut, gebaut, gebaut. Da gibt es Kolleginnen und Kollegen, die sagen: Corona? Ich weiß gar nicht, was das ist. Ich bin nur am Arbeiten!
Zum Teil gibt es sogar innerhalb einer Branche Gewinner und Verlierer, zum Beispiel im Handel.
Die jetzt beginnende Tarifauseinandersetzung im Groß- und Einzelhandel ist dafür tatsächlich ein Beispiel. Die Lebensmittelbranche boomt, gleichzeitig werden im Einzelhandel Modegeschäfte dicht gemacht. Neben Corona ist da aber auch der Online-Handel eine große Herausforderung. Solche Unterschiede werden wir daher künftig auch im Fokus haben.
Das heißt, flexible Regelungen statt ein Tarif für alle?
Das hinzubekommen, ist schwer.
Wie wollen Sie es trotzdem hinbekommen?
Das Thema Lohnerhöhung wird immer gesetzt sein. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, etwas auf betrieblicher Ebene zu vereinbaren. Das lieben wir aber nicht. Denn wo zum Beispiel kein Betriebsrat ist, fordert keiner es vor Ort ein. Deswegen werden wir immer kollektive Ergebnisse forcieren. Dennoch hat jede Vereinbarung auch stets einen bestimmten Spielraum.
Gibt es auch Gewerkschaften, die ausgelaufene Tarifverträge nicht kündigen, weil sonst eine Verschlechterung droht? Zum Beispiel die Gewerkschaft Nahrung-Genuss Gaststätten (NGG).
Im Gaststättenbereich ist ein bisschen Stillstand. Aber in der fischverarbeitenden Industrie stehen Tarifverhandlungen an. Und die werden wir auch machen.
Während die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland von 2010 bis 2019 um rund 4 Millionen gestiegen ist, sank die Zahl der DGB-Mitglieder um rund 250.000. Hat sich der Mitgliederschwund in der Pandemie noch verschärft?
Das würde ich nicht sagen. Die Pandemie hat für uns Gewerkschaften vor allem gezeigt, wie wir unsere Arbeit umstellen müssen, zum Beispiel was Social Media betrifft. Die Hauptamtlichen sind da manchmal später dran als unsere Mitglieder, die dann sagen, ich mach dir da mal schnell was. Das heißt auch, wir müssen viel stärker die Kompetenzen unsere Mitglieder nutzen und ihnen den nötigen Spielraum geben.
Im Netz treten Sie unter dem Hashtag #SolidaritätIstZukunft auf. Wer braucht diese Solidarität in der Pandemie am meisten?
Ich könnte jetzt unisono sagen: die Frauen, weil sie die Hauptlast in der Pandemie mitgetragen haben. In der Pflege, in der Erziehung, als Verkäuferinnen im Einzelhandel. Sie schultern am meisten. Und sie klagen am wenigsten. Sie machen einfach weiter, weil sie es so gewohnt sind. Das zu beklatschten, reicht nicht. Hier geht es um die Bezahlung, aber auch um Arbeitsbedingungen. Wie ist es mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf? Wie ist das mit Homeoffice?
Mutter sitzt vor einem Laptop am Esstisch, während ihre Kinder neben ihr sitzen.
Frauen tragen in der Corona-Krise oft besondere Lasten. Bild: DPA | Karl-Josef Hildenbrand
Nehmen wir das Beispiel Homeoffice. Was fordern Sie da von Unternehmen?
Zunächst einmal fordern wir, dass das Homeoffice auch nach Corona weiterläuft. Wir fordern auch klare Regelungen dazu. Als Beispiel fällt mir da ein großes Unternehmen in Bremen ein. Da gibt es jetzt natürlich auch Homeoffice. Und die überwiegende Zahl der Kolleginnen und Kollegen arbeiten mit ihren eigenen PCs oder machen das vom Küchentisch aus. Das sind solche Sachen, die natürlich für die Zukunft nicht gehen. Arbeitsgeräte und Ausstattung müssen vom Unternehmen zur Verfügung gestellt werden, bis hin zur Internetverbindung. Leider haben wir es teilweise noch immer mit Arbeitgebern zu tun, die sich da verweigern. Hier ist eine andere Arbeitskultur und Führungsqualität gefragt, die Eigenverantwortung der Arbeitnehmer fördert.
Jetzt lässt sich ein Auto jedoch nicht vom Homeoffice aus zusammenbauen, und kranke Menschen lassen sich nicht vom Homeoffice aus betreuen. Einige Menschen müssen also trotz Corona-Krise zur Arbeit. Rückt da jetzt auch die Sicherheit am Arbeitsplatz stärker in den Fokus?
Das war schon vorher so. Durch Corona hat es sich nur beschleunigt. Vorher waren es vor allem Arbeitsschutz und Gesundheitsschutz. Jetzt kommt auch der Infektionsschutz dazu – und das wird auch so bleiben.
In Bremen wurde jetzt eine Testpflicht für Unternehmen eingeführt, die ab dem 10. Mai gilt. Deren Umsetzung soll aber nicht kontrolliert werden. Ist das aus Ihrer Sicht eine richtige Entscheidung?
Ja. Denn bundesweit hat sich die Testpflicht nun mal nicht durchgesetzt. Der Bremer Senat hielt das für falsch. Die bürokratische Umsetzung hätte sonst auch zu lange gedauert. Und mit der Einhaltung auch von anderen Arbeitsschutzgesetzen ist das ja ohnehin so eine Geschichte. Auch dort werden nur selten Sanktionen fällig – ob es nun um Sicherheitsschuhe oder Hörschutz geht. Der Bürgermeister hat ja zu Recht gesagt, wenn 80 Prozent das einhalten, dann ist das richtig gut. Und ich glaube, die 80 Prozent kriegen wir auch hin.
Gibt es Themen, die durch die Pandemie ein wenig in den Hintergrund geraten sind?
Zum Beispiel die Digitalisierungs-Tarifverträge. Wie nehmen wir die Kolleginnen und Kollegen mit, wenn sich die Produktionstechnik in immer schnelleren Schüben verändert, wenn alles immer kürzer getaktet ist? Da müssen die Leute ein einklagbares Recht haben, sich entsprechend weiterzubilden. Da spielen Betriebs- und Personalräte auch eine ganz wichtige Rolle. Ihnen müssen auch Transformations-Lotsen zur Seite gestellt werden.
Digitalisierung, aber auch Automatisierung, geht oft mit dem langfristigen Abbau von Arbeitsplätzen einher. Wie gehen Sie damit um?
Das ist ein schwieriges Thema für uns. Aber die Antwort kann nur heißen, wir müssen an das Thema Arbeitszeitverkürzung wieder rangehen. Das hat auch etwas mit der enormen Arbeitsverdichtung zu tun. Das können Sie an der steigenden Zahl der Anträge auf Erwerbsminderungsrente erkennen. Die Arbeitgeber reden jetzt schon von Rente mit 70. Da kann ich nur sagen, mit 70 erreichst du gar nichts mehr. Deshalb muss unter diesen Bedingungen das Thema Arbeitszeitverkürzung absolut wieder auf der Agenda stehen. 30 Stunden muss das Ziel sein.

Bremer DGB-Chefin: "Wir müssen das Recht auf Homeoffice präzisieren"

Video vom 2. Januar 2021
Die Vorsitzende des DGB Bremen Annette Düring im Interview bei buten un binnen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Mehr zum Thema

Autor

  • Kristian Klooß Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 1. Mai 2021, 19:30 Uhr