Traditionell und verstaubt? Das machen Bremerhavener Landfrauen heute

Porträt einer Landfrau beim Kirschenpflücken
Bild: Radio Bremen | Carolin Henkenberens

450.000 Mitglieder bundesweit hat der Landfrauen-Verband. Während es früher ausschließlich Bäuerinnen waren, kann mittlerweile jede Frau Landfrau werden. Was machen die heute?

"Vorgestern waren noch viel mehr Kirschen hier", sagt Agnes Dahl. Die Landfrau steht in ihrem Garten in Misselwarden bei Bremerhaven, jetzt gerade mitten im Kirschbaum. "An dem hatten die Vögel schon ihr Vergnügen", erzählt sie weiter. "Also wirklich, überall sind sie angeknabbert“. Dahl will aus den Kirschen einen Rumtopf ansetzen. In ihrem großen Garten stehen auch Apfel- und Quittenbäume, Holunder- und Johannisbeersträucher.

Auf dem Bauernhof aufgewachsen ist die 53-Jährige nicht. Doch Lebensmittel und der Umgang mit ihnen war schon immer ein zentrales Thema für sie. Seit zehn Jahren leitet sie eine Schulkantine. Diese Kompetenz bringt sie bei den Landfrauen ein. "Ja, und dann kam ich halt zu den Landfrauen und es dauerte gar nicht lange, da wurde ich gefragt: 'Kannst du dir vorstellen, Kochen mit Kindern zu machen?' Kochen mit Kindern ist ein Projekt, was seinerzeit auch gefördert wurde vom Land", sagt Dahl. "Da hat man mit Kindern bis zur 4. Klasse gekocht, es ging um Kartoffeln, Milch, Getreide und Obst."

Wertschätzung für Lebensmittel

Die Landfrau bringt Kindern bei, wie sie gesundes Essen zubereiten. Viele Kinder wüssten nicht mal mehr, was Rotkohl ist oder wie grüne Bohnen schmecken. "Diese Lebensmittel werden irgendwo tatsächlich immer so ein bisschen vergessen oder am Rand gelassen. Und das sehe bei mir gerade auch in diesem Beruf und als Landfrau auch als meine Aufgabe, dass Lebensmittel nicht nur schnell gegessen werden, sondern sie sollen auch wertgeschätzt werden."

Agnes Dahl betont aber: "Die Landfrauen machen viel mehr als nur Kochen und Kuchenbacken." Der Verband, der nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurde und aus den landwirtschaftlichen Hausfrauenvereinen hervorging, sieht seinen Kern darin, sich für die Gleichstellung von Frauen auf dem Land einzusetzen. "In den 70er Jahren war es ja noch so, dass die Frau, die arbeiten gehen wollte, erst ihren Mann fragen musste. Hallo? Geht heute gar nicht mehr. Wir sind alle emanzipiert und verdienen unser eigenes Geld – und das sind auch so Dinge, die haben die Landfrauen auch mit auf den Weg gebracht. Die haben sich schon immer sehr für die Frauen eingesetzt, damit sich was verändert."

Auch heute noch klopften die Landfrauen bei der Politik an die Tür, sagt Agnes Dahl. Auf dem Landfrauentag in Fulda beispielsweise, am vergangenen Wochenende, haben der Hessische Ministerpräsident und die Bundesfamilienfamilienministerin gesprochen. Die Forderungen der Landfrauen: Bessere Repräsentanz von Frauen in Politik und Wirtschaft, gleiche Bezahlung und Behandlung. "Wir versuchen die Rahmenbedingungen der Frau auf dem Land zu ändern, aber ich sehe uns nicht als typische Feministen."

Politische Ziele

Zu den Themen der Frauen auf dem Land gehört auch Mobilität. Das 9-Euro-Ticket sei auf dem Land, wo selten ein Bus fährt, wertlos, sagt Agnes Dahl. Im Kreis Cuxhaven wollen die Landfrauen, dass das Ticket auch für das Anruf-Sammeltaxi gilt. Ein anderes Thema ist die Gesundheitsversorgung: "Vor einigen Jahren haben wir uns mit den Landfrauen ganz vehement dagegen gewehrt, im Land Bremen, beim Bürgerpark-Krankenhaus, dass die Kinderklinik erhalten bleiben muss. Und sie ist erhalten geblieben. Wir haben Petitionen gestartet, wir haben Versammlungen, Aufrufe, es wurde tatsächlich auf uns gehört."

Die Landfrauen sorgen aber auch für den sozialen Kitt im Dorf. Sie machen Ausflüge, Lesungen und Fortbildungen. Junge Mitglieder zu gewinnen, sei schwierig, gibt Dahl zu. Mit der Initiative "Junge Landfrauen" will der Verband gegensteuern. Agnes Dahl jedenfalls liebt ihr Hobby. "Ich finde es cool, Landfrau zu sein und für andere da zu sein", so Dah. "Ich finde auch wiederum, ein Ehrenamt bereichert das Dorf. Lissy, unsere Präsidentin, hat letzte Woche gesagt: 'Würde es kein Ehrenamt geben, dann wären die Dörfer tot'."

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Autorin

  • Carolin Henkenberens Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 5. Juli 2022. 15:40 Uhr