Interview

Iran-Protest in Bremen: "Es geht nicht nur um Solidaritätsbekundungen"

Menschen schwenken iranische Flaggen auf dem Bremer Marktplatz.
Auch in Bremen haben seit Beginn der Proteste im Iran Demonstrationen stattgefunden. Bild: privat | privat

In Bremerhaven haben Menschen gegen die Gewalt im Iran protestiert. Eine Bremerin erzählt, wie sie das erlebt und was dies für die Menschen im Iran bedeutet.

Im Iran gehen die Proteste nach dem Tod der jungen Kurdin Mahsa Amini weiter. Auf Videos, die in den sozialen Netzwerken kursieren, sind brennende Mülltonnen, schreiende Menschenmengen und hupende Autos zu sehen. Bei den Protesten sollen inzwischen mehr als 300 Menschen getötet worden sein, laut Menschenrechtsorganisationen hätten Sicherheitskräfte teilweise scharf geschossen. Noch in dieser Woche haben die iranischen Behörden mehrere Todesurteile gefällt gegen Menschen, die an den Demonstrationen teilgenommen haben.

Auch im Land Bremen werden immer wieder Kundgebungen gegen das Regime in Teheran organisiert. Dabei geht es um mehr, als nur Solidarität zu zeigen, sagt eine Bremerin mit iranischen Wurzeln.

Frau Mohammadi*, Sie waren schon bei mehreren Protesten in Deutschland dabei. Wie fühlt es sich an, hier daran teilzunehmen?
Für mich selbst ist es ein enorm gutes Gefühl. Weil man sonst den Eindruck hat, dass man sich nicht aktiv daran beteiligen kann, da man leider nicht im Iran ist. Wir, ich und andere Iraner, schreiben zudem an oder taggen auf Instagram viele hiesige Politiker – etwa, wenn es schreckliche Bilder aus dem Iran gibt. Das ist etwas, dass die Menschen dort nicht machen können. Wir versuchen also, die Stimmen vieler Iraner und Iranerinnen hier zu verbreiten.

Und dann posten viele von uns, die an den Demos teilnehmen, Videos oder Bilder in den sozialen Netzwerken. Das kriegen viele Menschen im Iran mit. Sie sehen, dass wir hier auch sehr aktiv sind. Wir bekommen viele schöne Rückmeldungen, dass das für sie rückenstärkend ist und sie das Gefühl haben, nicht alleingelassen worden zu sein. Dass andere Iraner oder Länder, Regierungen überhaupt hinter ihnen stehen.
Ist das also eine Solidaritätsbekundung?
Nicht nur, man möchte auch etwas Konkretes erreichen.
Was wollen Sie damit erreichen?
Wir versuchen zum Beispiel, die Politiker hier in Deutschland darauf anzusprechen, dass sie die Atomverhandlungen mit dem Iran nicht wieder aufnehmen. Oder dass die iranischen Botschafter in den verschiedenen Ländern rausgeworfen und die Konten der Machtelite eingefroren werden. Dass ihre Familien in den Iran abgeschoben werden. Wir haben konkrete Forderungen, mit denen wir hier die Politiker anschreiben.
Auf einem Transparent steht: "Woman Life Freedom".
Frauen in Bremen solidarisieren sich mit den Frauen im Iran. Bild: privat | privat
Wie finden Sie die Antwort der deutschen Politik?
Sie ist leider sehr, sehr langsam. Die Politiker sagen, dass das, was das Regime im Iran macht, nicht in Ordnung ist. Aber nach acht Wochen, –was will man noch sehen, damit man nicht mehr mit diesem Regime verhandelt?
Sie waren im Iran, als die Proteste angefangen haben. Wie haben Sie sie erlebt?
Ja, das waren die letzten Tage, als ich da war. Ich dachte, das sei wie die anderen Male auch, ich dachte nicht, dass es weitergeht. Als ich noch im Iran war, wurde das Internet ein paar Tage lang abgeschaltet und ich habe viele Bilder nicht gesehen. Erst als ich wieder hier war, konnte ich erfahren, was los war. Man hat uns nur gesagt, dass man nach 18 Uhr am besten nicht auf die Straße gehen sollte.
Was erzählen gerade Ihre Freunde und Verwandten, die im Iran leben?
Sie sagen, dass die Lage beängstigend ist. Die Leute haben Angst, überhaupt aus dem Haus zu kommen oder in ein Einkaufszentrum zu gehen. Sie befürchten, dass die Einsatzkräfte kommen und auf die Leute schießen. Meine Familie geht nicht aus, viele Freunde machen nur das Nötigste: Sie gehen zur Arbeit und kehren dann nach Hause zurück. Ein paar Freunde von mir sind sehr mutig und gehen jeden Abend auf die Straße. Sie wurden oft geschlagen, zwei sind festgenommen und erst nach zwei, drei Tagen wieder freigelassen worden. Ein freier Journalist, Freund von Freunden, wurde vor einem Monat verhaftet und befindet sich immer noch im Evin-Gefängnis.
Seit zwei Monaten gehen die Menschen nun auf die Straße – denken Sie immer noch, dass ein Wandel möglich ist?
Wir, ich und andere Iraner, sind sehr optimistisch. Das Regime ist unter Druck geraten. Wir hoffen, dass dieses Regime bald nicht mehr da sein wird. Jeden Tag wird es schlimmer, mit der Todesstrafe, nun ist sogar ein zehnjähriger Junge gestorben. [Die iranische Regierung nennt den Vorfall einen Terroranschlag, Menschen aus dem familiären Umfeld beschuldigen laut Medienberichten iranische Sicherheitskräfte, Anm. d.R.] Diese Revolution muss schnellstmöglich passieren, damit nicht noch mehr Leute sterben.

*Name auf Wunsch der Interviewten von der Redaktion geändert.

Hinweis: Nicht alle Aussagen konnten unabhängig überprüft werden.

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Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 19. November 2022, 19:30 Uhr