Interview

Kassenärzte-Chef in Bremen: Darum wartet man so lange auf Arzttermine

Bernhard Rochell

Warum es so schwierig ist, an einen Arzttermin zu kommen

Bild: Radio Bremen

Bei der Suche nach einem Arzttermin sind starke Nerven gefragt. Das Problem ist vielschichtig. Der KV-Vorsitzende Rochell erklärt, wie gegengesteuert wird.

Einen Termin bei einem Facharzt in Bremen und Bremerhaven zu bekommen, ist mitunter unmöglich. Zumindest ist das der Eindruck, der im Moment vorherrscht. Darüber hat Bremen Eins mit dem Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen (KVHB), Dr. Bernhard Rochell, gesprochen.

Woran liegt es, dass es im Moment im Land Bremen so schwer ist, einen Termin bei einem Facharzt zu bekommen?
Die Nachfrage nach Terminen ist einfach sehr groß. Wir haben aber schon 2016 damit begonnen gegenzusteuern. Damals haben wir unsere Terminservicestelle aufgebaut, die Arzttermine vermittelt. Das entwickelt sich immer weiter. Am Anfang hat die Stelle nur Termine bei Fachärzten vermittelt. Damals hatten wir in Bremen und Bremerhaven im Jahr rund 843 Vermittlungen. 2017 sind dann die psychotherapeutischen Terminvermittlungen dazu gekommen. 2019 sind schließlich die Haus- und Kinderärzte in die Vermittlungen aufgenommen worden. Und dann ist während der Corona-Pandemie die Hotline 116 117 immer bekannter geworden. 2022 hatten wir rund 12.800 Terminvermittlungen in allen Bereichen. Das hat sich also gewaltig weiter entwickelt.

Rund 20 Prozent der gebuchten Termine werden nicht wahrgenommen und vorher auch nicht storniert.

Bernhard Rochell, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen (KVHB)

Wir stellen uns allerdings die Frage, warum bei Weitem nicht alle Termine, die von den Ärzten und Psychotherapeuten gemeldet worden sind, gebucht wurden. Den rund 12.800 gebuchten Terminen stehen nämlich rund 15.000 nicht gebuchte Termine gegenüber. Ich kann also nur dafür werben, die Vermittlungshotline auch zu nutzen. Denn wenn die Termine bereitgestellt werden, am Ende aber nicht genutzt werden, führt das zu Umplanungen. Das ist nicht effizient. Das ist umso ärgerlicher, weil es wegen der Terminknappheit ja sehr wünschenswert wäre, dass die vorhandenen Termine möglichst effizient genutzt werden. Hinzu kommt außerdem: Rund 20 Prozent der gebuchten Termine werden nicht wahrgenommen und vorher auch nicht storniert.

Die sogenannte Neupatientenregelung, mit der Menschen schneller einen Termin bekommen,  wurde zum 1. Januar abgeschafft. Durch diese wurden Ärzte ja besonders vergütet, wenn sie neue Patienten aufgenommen haben. Was halten Sie von der Abschaffung?
Das war überhaupt nicht schlau. Das Vertrauen in die politische Nachhaltigkeit unserer Bundesregierung wurde dadurch empfindlich gestört. Zwar haben wir jetzt eine Ampel-Koalition und vorher hatten wir die Große Koalition, aber es war ja derselbe Berater, der damals mit der SPD das Gesetz auf den Weg gebracht hat: Karl Lauterbach. Heute pflegt er ja gerne seinen Ruf, als Bundesgesundheitsminister evidenzbasiert seine Politik durchzusetzen.

Wir hatten durch die Neupatientenregelung eine Zunahme von gut zehn Prozent bei den vermittelten Facharztterminen.

Bernhard Rochell, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen (KVHB)

Wir hatten durch die Neupatientenregelung, die ja 2019 umzusetzen war, eine Zunahme von gut zehn Prozent bei den vermittelten Facharztterminen. Also genau das, was erwünscht war. Jetzt müssen wir aber konstatieren, dass Herr Lauterbach von der evidenzbasierten Linie abgerückt ist und sagt: "Das gefällt uns in Zeiten, in denen wir sparen müssen, nicht mehr."

Was hat das für die Ärzte und Ärztinnen bedeutet?
Das hat unsere Kollegen und Kolleginnen ganz erheblich verärgert, denn die haben ihre ganze Praxis auf die Neupatienten-Regelung und die offene Sprechstunden umgestellt. Und wenn man dann als Lohn des Schweißes sieht, dass die Regelung zurückgeführt wird, dann weckt das kein Vertrauen in die Politik. Da muss verloren gegangenes Terrain wieder gut gemacht werden, indem man sich mit den Belangen der niedergelassenen Ärzte und Ärztinnen auseinandersetzt, die ja in Pandemiezeiten den bedeutenden Schutzwall für die Krankenhäuser gebildet haben.

Zwar hat das Ministerium zur Wiedergutmachung Zuschläge gesetzlich verankert. Die machen die Rücknahme der Neupatienten-Regelung aber nicht wett. Und es bedeutet wieder, dass wir technisch alles anders aufsetzen müssen. Wir würden lieber bewährte Dinge fortsetzen und dann die politische Energie in die Zielsetzung stecken, hier unser Leben zu vereinfachen, Bürokratie abzubauen und mehr Zeit von Ärzten und Psychotherapeuten für unsere Patienten zu generieren. Das wäre besser, als einen Bürokratismus in den nächsten umzuwandeln.

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Autor

  • Jens-Uwe Krause Moderator

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Morgen, 18. Januar 2023, 9:11 Uhr