Offen, herzlich, pragmatisch: Erinnerungen an Senatorin Hilde Adolf

Porträt der ehemalig. Senatorin Hilde Adolf vom Juni 1999
Die 2002 verstorbene Bremer Senatorin für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Jugend und Frauen Hilde Adolf.

Offen, herzlich, pragmatisch: Erinnerungen an Senatorin Hilde Adolf

Bild: DPA | Ulrich Perrey

Der Schock war groß in Bremerhaven und Bremen, als vor 20 Jahren SPD-Politikerin Hilde Adolf bei einem Autounfall ums Leben kam. Sie bleibt unvergessen.

Sie rief noch ihre Familie an, dass sie losfährt. Dann machte sich die Senatorin mit ihrem Auto auf den Heimweg von Bremen nach Bremerhaven. Sie wollte zur Geburtstagsfeier ihrer Nichte. Doch die 48-Jährige kommt nie an. Ihr Wagen prallte auf der A27 gegen eine Leitplanke, die genauen Umstände konnten nicht geklärt werden.

Der frühe Tod der SPD-Politikerin schockierte damals viele. Sie galt als beliebt und bürgernah. Als eine, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzte und Humor hatte.

Viele Erinnerungen an Senatorin Hilde Adolf

Auch 20 Jahre nach ihrem Tod erinnern sich noch viele Menschen an sie. Zufällig befragte Passantinnen und Passanten in Bremerhaven sprechen von einer "Persönlichkeit", von einer Politikerin, die, anders als andere, nicht drum herum redete. Den meisten blieb sie im Gedächtnis wegen ihres Talents auf der Bühne. "Von den Müllfischern kenne ich die her", sagt etwa die Bremerhavenerin Elke Harbarth. "Das war beeindruckend, durch ihren Gesang, durch ihren Humor. Das war eine ganz tolle Frau."

Die "Müllfischer" sind eine Kabarett-Gruppe aus Bremerhaven, 17 Jahre trat Hilde Adolf mit ihnen auf und nahm die Politik aufs Korn. Erst als sie Senatorin wurde, verließ sie das Ensemble.

Porträt der ehemalig. Senatorin Hilde Adolf vom Juni 1999

Erinnerungen von Bremerhavenerinnen und Bremerhavenern an Hilde Adolf

Bild: DPA | Ulrich Perrey

Musikalische Begeisterung auch im Beruf

Ihre Begeisterung für Musik lebte Hilde Adolf, die Jura studiert hatte und von 1988 bis 1994 das Büro der Landesfrauenbeauftragten in Bremerhaven leitete, auch im Beruf aus: Ulrike Hauffe, Bremens frühere Landesfrauenbeauftragte, erinnert sich, dass ihre Kollegin durchaus mal in Besprechungen ein Lied anstimmte. Das Team habe dann mitgesungen oder darüber gelacht.

Das Bremerhaven-Büro der Landesfrauenbeauftragten hatte Hilde Adolf komplett neu aufgebaut, berichtet Hauffe.

Mit Opa zur Maikundgebung

Auf eigenen Beinen stehen – das hatte Hilde Adolf früh gelernt. Sie war zwölf Jahre alt, als der Vater die Familie verließ. Hilde Adolf und ihre Schwester verbrachten viel Zeit mit den Großeltern. Der Opa soll sie zu Maikundgebungen mitgenommen haben, heißt es in einer Biografie über die Politikerin, die 2010 von Birgit Köhler und Beenhard Oldigs veröffentlicht wurde.

In den 90ern verstärkte Hilde Adolf ihre Arbeit in der SPD. Zusammen mit Jörg Schulz, dem späteren Bremerhavener Oberbürgermeister, wollte sie die damals zerstrittene SPD Bremerhaven erneuern. Schulz blickt gerne darauf zurück, wie er einst mit Hilde Adolf und einem weiteren Parteifreund, Ulrich Freitag, auf einer Parkbank vor dem Polizeirevier Geestemünde saß.

Als Senatorin zuständig für ein Mammutressort

Aktuell ist da, wo die Bank sonst stand, eine Baustelle. Auf dieser Bank, sagt Schulz, hätten die drei verabredet, eine Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Juristen zu gründen. Dieses Gremium sollte ihnen mehr Gehör in Partei und Medien verschaffen, so Schulz.

Wenige Jahre nach diesem Treffen auf der Parkbank nahm Hilde Adolfs politische Karriere Fahrt auf: 1995 zieht sie in die Bremische Bürgerschaft ein, 1996 wird sie zur Bremerhavener SPD-Chefin gewählt und 1999 holt Henning Scherf sie als Senatorin in die Landesregierung. In der Großen Koalition war sie zuständig für Arbeit, Soziales, Jugend, Gesundheit und Frauen. Ein Mammutressort. Der Sparkurs des Landes Bremen setzte einige Grenzen, aber sie führte die Sozialzentren ein und holte das bundesweit erste Brustkrebs-Screening nach Bremen.

Mitglieder des neu gewählten Bremer Senats vor dem Rathaus, 1999
1999: Hilde Adolf (SPD), Bernt Schulte (CDU), Christine Wischer (SPD), Henning Scherf (SPD), Josef Hattig, Willi Lemke (SPD) und Hartmut Perschau (CDU). Bild: DPA | Ingo Wagner

"Sie hatte immer einen Blick für die kleinen Leute", sagt Ulrike Hauffe. Also für jene, die nicht so viel im Portemonnaie haben. Und pragmatisch sei sie gewesen. Als "unglaublich offen, herzlich und unbürokratisch" erlebte Maren Bock, die Vorsitzende des feministischen Kultur- und Bildungsvereins "Belladonna", die Senatorin. Hilde Adolf habe sich dafür eingesetzt, dass der Verein auch berufliche Weiterbildung für Frauen anbieten kann.

Viele trauten Hilde Adolf zu, Henning Scherf als Senatspräsident zu beerben – auch Jörg Schulz. "Wenn sie durch den Verkehrsunfall nicht ums Leben gekommen wäre, hätte ich sie auch für eine potenzielle Nachfolgerin von Henning Scherf gehalten", sagt er heute.

Spagat zwischen Landesregierung und SPD-Chefin

Schulz ist noch immer vom Verlust seiner Weggefährtin berührt. Er hat sie sehr gemocht, sagt er. Das politische Verhältnis der beiden gestaltete sich am Ende allerdings nicht einfach. Jörg Schulz war Bremerhavener Oberbürgermeister, Hilde Adolf war SPD-Chefin in Bremerhaven und zugleich Mitglied der Landesregierung. "Hilde musste immer den Spagat machen", sagt Schulz. Sie habe sich, so glaubt er, häufig über ihn geärgert, "weil ich aus ihrer Sicht zu sperrig war, dass ich nicht bereit war, mich frühzeitig auf einen Kompromiss einzulassen." Sie wollten ihren Konflikt lösen. Henning Scherf habe eine Idee gehabt, wie. Doch dazu kam es nicht mehr.

Hilde-Adolf-Preis auf einem Tisch
Eine Büste von Hilde Adolf. Bild: Radio Bremen

In Erinnerung an die mit 48 Jahren verunglückte Politikerin verleiht die Bürgerstiftung Bremen seit 2005 jedes Jahr den Hilde-Adolf-Preis an besonders engagierte Vereine oder Einzelpersonen. Außerdem sind in Bremen-Gröpelingen und in Bremerhaven-Geestemünde Straßen, in der Bremer Überseestadt ein Park und in St. Magnus eine Kinder-Wohngruppe der Stiftung Friedehorst nach ihr benannt. Das Hilde-Adolf-Frauenzentrum in Bremerhaven musste Ende 2013 aus Finanznot schließen.

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Autorin

  • Carolin Henkenberens Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 16. Januar 2002, 11.40 Uhr.